Tag der Pflege

Nur Hintern abwischen? Aufräumen mit Vorurteilen zum Tag der Pflege

Zum Tag der Pflege Mobiler Pflegedienst
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So lange wie möglich zu Hause: Die ambulanten Pflegedienste helfen dabei, dass Menschen so lange es geht in ihren eigenen vier Wänden leben können.

#nichtselbstverständlich. Unter diesem Motto lief letztens eine Reportage im Fernsehen. Auch in Halver ist der Notstand ein Thema.

Halver - Zum Tag der Pflege erzählt Melanie Hedtfeld, Inhaberin des ambulanten Pflegedienstes „In guten Händen“, was an dem Beruf schön ist – und was fehlt. Im Gespräch mit Sarah Lorencic sagt sie deutlich, was sich ändern muss. Auch in den Köpfen der Menschen. Geht es nur darum, Fremden den Hintern abzuwischen? Ein Aufräumen mit Vorurteilen.

Vor Kurzem lief im Fernsehen die siebenstündige Reportage mit dem Titel #nichtselbstverständlich. Der Arbeitsalltag einer Krankenpflegerin wurde ungekürzt ausgestrahlt. Haben Sie die gesehen?
Ja, nur durchgehalten habe ich auch nur bis 1:30 Uhr. Ich habe es mir am nächsten Tag aber nochmal angesehen, weil es mich so geflasht hat.
Was genau? Was war das Besondere?
Mich hat die Sendung sehr berührt – und nicht nur wegen der besonderen Station im Klinikum. Alleine die Pflegekraft die ganze Zeit atmen zu hören und die Geschwindigkeit zu erleben, mit der sie ihre Aufgaben erledigt hat. Es hat mich auch irgendwie bedrückt. Ich hatte die ganze Zeit eine Art innere Uhr mitlaufen, die ihre Schritte gezählt hat. Einfach Wahnsinn, dieses Pensum zu erledigen. Ich habe die ganze Zeit diesen Druck gespürt – und selbst oft den Atem angehalten.
Was wurde gezeigt, was man vielleicht nicht wusste?
Ich denke, dass vielen nicht klar ist, was es wirklich bedeutet, wenn man liest: „Ich habe in einer Schicht nicht einmal etwas getrunken.“ Oder: „Für‘s Klo war keine Zeit.“ Auch aus Patientensicht die Frage, weshalb es so lange dauert, bis jemand auf die Klingel reagiert. Das ist wirklich gut rübergekommen.
Die Pflege bekommt gerade durch Corona mehr Aufmerksamkeit. Ist das gut?
Sie wird zumindest öfter erwähnt und thematisiert, weil durch die Pandemie klar wird, wozu ein gutes Gesundheitssystem wichtig ist. Im Alltag beschäftigen sich leider die wenigsten Menschen damit, dass sie einmal krank oder sogar pflegebedürftig werden können. Das Thema wird gerne verdrängt.
Wird das Thema wohl wieder verdrängt?
Ich hoffe wirklich, dass die Pflege beziehungsweise ihre Arbeitsbedingungen im Fokus bleiben. Es ist dringend angesagt, hier etwas am System zu verändern und die Gesellschaft aufzuklären, wie eigentlich das System funktioniert. Man liest immer nur, dass Pflegekräfte besser bezahlt werden müssen und dass vor allem private Anbieter, so wie ich, nur auf Profitmaximierung aus sind. Dass aber die Kranken- und Pflegekassen diejenigen sind, die die Preise vorgeben – und somit auch die Vergütung der Pflegekräfte – wird selten erwähnt.
Was muss sich in der Pflege verändern?
Grundsätzlich muss eine bessere Vergütung der Pflegekräfte durch transparente Refinanzierung gesichert werden. Und das am besten, ohne die zu Pflegenden noch mehr finanziell zu belasten. Außerdem braucht es einfach mehr Arbeitgeber, die über den Tellerrand schauen und sich von den alteingefahrenen „klassischen“ Arbeitsbedingungen, wie zwölf Tage Dienst am Stück und dann nur zwei Tage frei, verabschieden. Geld alleine macht den Job nicht unbedingt besser. Konstante Arbeitsbedingungen und vor allem Freizeiten müssen gesichert werden. Erholungsphasen sind enorm wichtig für das psychische Wohlbefinden und natürlich auch für die Arbeitsfähigkeit. Außerdem wäre es sicherlich hilfreich, wenn pflegende Angehörige mehr gesehen und besser unterstützt würden, denn ohne sie gäbe es schon jetzt ein deutlich spürbares Versorgungsdefizit.
Was muss sich denn vielleicht auch in der Gesellschaft verändern?
Pflege muss in erster Linie als anspruchs- und verantwortungsvolle Dienstleistung begriffen werden, die Geld kostet und vor allem gut ausgebildete und ausgeruhte Fachkräfte braucht. Pflegekräfte sind Menschen, denen wir das Wichtigste, was wir besitzen, anvertrauen: unsere Gesundheit. Es sind Menschen, die uns helfen, wieder auf die Beine zu kommen, uns trösten oder sogar unsere Hand halten, wenn wir sterben. Sie ermöglichen uns, so lange es geht, ein selbst bestimmtes Leben zu Hause zu leben.
Dafür sind viele dankbar. Aber Klatschen reicht nicht, wurde oft gesagt.
Ja, ein ehrliches Danke ist sicherlich immer eine nette Geste und tut kurzfristig sehr gut. Es reicht aber langfristig nicht. Die Pflege braucht jede einzelne Stimme da draußen, die laut wird und sagt, dass es so nicht weiter gehen kann. Leute, die Krawall machen, dafür auf die Straße gehen oder Social Media nutzen. Denn „die Pflege“ kann nicht auf die Straße gehen, ohne Menschenleben zu riskieren, ohne diejenigen zu bestrafen, die gerade am meisten auf sie angewiesen sind.
Würden Sie auch sagen, dass gute Pflege nicht selbstverständlich ist?
Absolut. Gute Pflege ist nicht selbstverständlich. Dafür braucht man Menschen mit einem enormen Verantwortungsbewusstsein und der Fähigkeit, solche auch zu übernehmen.
Welche positiven Erlebnisse gibt es in der ambulanten Pflege?
Das sind so viele Kleinigkeiten. In erster Linie natürlich, dass wir den Menschen ermöglichen, weiterhin zu Hause bleiben zu können. Das ist den meisten am wichtigsten. Ganz oft sind es auch die einfachen Begegnungen, der Small Talk. Denn leider sind wir oft der einzige Kontakt. Oder auch gerade die hauswirtschaftliche Unterstützung, die mit zunehmendem Alter oft sehr schwerfällt. Die gemeinsame Fahrt zum Friedhof, um ein Grab wieder schön zu bepflanzen, oder der gemeinsame Einkauf. Es ist auch schön, zu erleben, wenn die pflegenden Angehörigen entlastet sind und durchatmen können.
Wie wichtig ist Teamarbeit?
Ohne ein gutes Team geht gar nichts. Da müssen Arbeitsprozesse ineinander greifen. Hierzu benötigt es eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der Lob und Kritik gleichermaßen erlaubt und sogar gewünscht sind. Ein Team muss sich gegenseitig unterstützen und insbesondere aufeinander achtgeben.
Wie kann man die Pflegekräfte stärken?
Aus meiner Sicht insbesondere durch Wertschätzung. Man muss die Pflegekraft als Individuum mit eigenen Bedürfnissen wahrnehmen und respektieren und Unterschiede tolerieren. Pflegekräfte sind mein wichtigstes Gut und so behandle ich sie auch. Aber eine pauschale Antwort gibt es nicht, das ist bei jedem anders.
Wie wichtig ist ambulante Pflege?
Sie trägt erheblich dazu bei, dass Menschen so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können und die pflegenden Angehörigen entlastet und unterstützt werden. Nicht zuletzt werden dadurch auch die Krankenhäuser und stationären Einrichtungen entlastet.
Pflege ist umfangreich. Man denkt oft an ältere Personen, Bettlägerigkeit oder schwere Krankheiten. Um welche Patienten kümmert sich Ihr Team?
„Patienten“ möchte ich durch „Kunden“ ersetzen. Mir ist dabei wichtig, zu betonen, dass Kunden selbstbestimmt den Umfang ihrer Unterstützung wählen können. Patient hat für mich immer etwas Passives. Daneben versorgen wir auch Schwangere, denen aufgrund von Komplikationen eine Haushaltshilfe zusteht, oder Personen, die befristet aufgrund einer Operation Hilfe bei der Grundpflege brauchen oder die Wunden versorgt bekommen. Auch durch psychische Erkrankungen eingeschränkte Personen unterstützen wir im alltäglichen Leben, oder entlasten die Eltern eines behinderten Kindes. Und zu guter Letzt kümmern wir uns vor allem um soziale Kontakte – zum Beispiel durch unseren Seniorentreff. Austausch und ein Miteinander haben großen Einfluss auf das Wohlbefinden.
 Ist der Job nicht auch eine Belastung für die eigene Psyche?
Ja, der Job ist nicht nur körperlich anstrengend, sondern auch eine enorme psychische Belastung. Insbesondere wenn klar wird, dass ein Mensch mehr Versorgung braucht, als wir leisten dürfen. Zum Beispiel, weil Angehörige die Pflege deckeln, da sonst nichts mehr vom Pflegegeld übrig bleibt. Oder auch, wenn Angehörige sich überhaupt nicht kümmern oder vergessen, dass die pflegebedürftige Person weiterhin ein Mensch mit eigenen Bedürfnissen ist und ein Recht auf Selbstbestimmung hat. Und dann nehmen einen natürlich auch oft die schweren Erkrankungen und Leidenswege mancher Menschen besonders mit.
Was muss man für den Job also mitbringen?
Neben einer Handvoll Idealismus vor allem Empathie, Verantwortungsbewusstsein, Geduld und eine lebenslange Bereitschaft, stetig dazu zu lernen, sowie die Fähigkeit, im Team zu arbeiten.
Wie groß ist der Bedarf an Fachkräften?
Im gesamten Pflegebereich sehr groß. Es kommen leider kaum junge Menschen nach. Das merken wir auch an fehlenden Bewerbungen für Ausbildungsplätze. Und wenn, dann brechen viele meist nach kurzer Zeit ab.
Woran liegt es, dass wir einen Mangel haben?
Die bekannten klassischen Arbeitsbedingungen, wie Drei-Schicht-System, Wochenend- und Feiertagsarbeit, Teildienste und der schon lange bestehende Personalmangel sowie der hohe Krankenstand. Die Ausbildung zur Pflegefachkraft ist auch kein Spaziergang. Und es kommt noch die mangelnde Anerkennung des Berufes hinzu. Leider halten sich auch viele Vorurteile über den Pflegeberuf sehr hartnäckig in den Köpfen vieler Menschen. Und insgesamt gibt es leider viel zu wenig Personen, die auch mal die Dinge in den Fokus rücken, die in der Pflege schön sind und gut laufen. Es fehlt an Positiv-Beispielen.
Welche Forderungen haben Sie?
Dass die Politik aufhört zu quatschen, sondern endlich handelt. Und das nicht nur vor den Wahlen, sondern permanent. Dass die Gesellschaft aufsteht, um für die Pflege laut zu werden. Denn es wird nahezu jeden Einzelnen früher oder später betreffen und letztlich betroffen machen.

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