Gesichter und Geschichten in der Villa Wippermann

Neue Ausstellung: So lebten die Menschen im Krieg

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Halver - Wer heute 90 Jahre alt ist, hat das Ende des Weltkriegs mit etwa 16 Jahren erlebt. Wie hat die Lebenswirklichkeit dieser Menschen in der Kriegs- und Nachkriegszeit ausgesehen? Was können sie uns heute sagen?

Der Historiker Matthias Wagner und der Fotograf Dirk Vogel haben 30 dieser Menschen aus der heimischen Region ausfindig gemacht, mit ihnen intensiv gesprochen und sie aufwendig fotografiert. Ihnen ist nun eine Ausstellung gewidmet, die ab dem 10. November im Regionalmuseum Villa Wippermann an der Frankfurter Straße zu sehen sein wird. 

Anderthalb bis zwei Stunden dauerten die Gespräche –manchmal auch mehrfach, erinnert sich Wagner an das Projekt, das Anfang 2018 seinen Anfang nahm. Ziel war es, die Gefühle der damaligen Zeit und das Wissen ans Licht zu bringen und für die Nachwelt zu erhalten. 

Einige der Menschen, die man in der Villa Wippermann in Wort und Bild kennen lernen kann, sind inzwischen verstorben. „Wenn ein alter Mensch stirbt, verbrennt eine Bibliothek.“ Das afrikanische Sprichwort findet sich auf der Rückseite des Katalogs zur Ausstellung und beschreibt wohl am besten die Intention des Projekts. 

„...wurde die 15-jährige Dorotha zur Versorgung von zwölf Säuglingen verpflichtet. Das war in der Kriegszeit eine sehr schwierige und anstrengende Arbeit“ 

Sätze wie diese finden sich zuhauf in den Kurzbiografien, hier von Dorothea Döll. Mit der Lüdenscheiderin sprach Wagner auch über die bittere Nachkriegszeit. Über die wechselnden Einquartierungen wollte sie nichts preisgeben, erinnerte sich aber an die allgemeine Lage: 

„...viele Menschen nutzten das Hausgas, um sich angesichts des Kriegsendes und der Unmenschlichkeiten das Leben zu nehmen; deshalb stellten die Behörden zeitweise das Gas ab, um die Selbsttötung durch das Gas zu unterbinden.“ 

Doch zur Sprache kommt auch, dass die Befragten mit der Zeit ihrer Jugend auch schöne Erinnerungen verbinden. Der Arbeitsdienst erscheint im Rückblick nicht als schlimme Zeit für die Halveranerin Ursula Frevel: 

„...im Juni wurde sie zum Arbeitsdienst in Mecklenburg eingezogen. Diese Zeit war für sie friedlich und wunderschön, auch weil sie sich wie ein junges Mädchen fühlen durfte.“ 

Nach dem Krieg habe sie mehrfach „alte Arbeitsmaiden“ getroffen, die sich glücklich an die Zeit erinnerten, schreibt Wagner über die inzwischen bald 95-Jährige. Auch Käthe Krugmann aus Lüdenscheid... 

„...ging – genauso wie mehr als 90 Prozent der Jugendlichen – gerne zu den Gruppenstunden des Bundes Deutscher Mädel.“ 

Im Haus der Eltern wird dies nicht gern gesehen gewesen sein. Dort wurde der Feindsender BBC gehört, was unter hohen Strafen verboten war. 

Die Schicksale zu schildern und zu erklären, war das Anliegen des Projekts, das der Verein Ge-Denk-Zellen Altes Rathaus angestoßen und umgesetzt hat. Umfangreiche Kenntnisse aus der Kriegszeit in der Region besitzt Wagner aus der Aufarbeitung von 350 Wiedergutmachungsverfahren für Zwangsarbeiter im Bereich Lüdenscheid. Doch die Gespräche mit den alten Menschen für die Ausstellung seien nicht vergleichbar mit der Aktenlage. 

Die Hoffnung des Historikers ist auch für Halver, dass sich besonders junge Menschen in der Villa Wippermann mit dieser Geschichte auseinandersetzen und ihre persönliche Lebenswelt damit vergleichen. Das sieht genauso Peter Bell vom Heimatverein Halver, der sich um die Ausstellung bemüht hatte und sie nach Halver an den inzwischen vierten Ort nach Stationen in Lüdenscheid, Werdohl und Altena holen konnte. 

Gezeigt wird die Ausstellung voraussichtlich bis zum 23. Dezember zu den üblichen Öffnungszeiten des Heimatmuseums. Führungen – beispielsweise für Schulklassen – werden auf Anfrage möglich gemacht durch Wagner oder Dirk Vogel, der alle Bilder in schwarz-weiß und analog in klassischer Filmtechnik angefertigt hat. 50 mals 70 Zentimeter groß auf Aludibond, zeigen die Aufnahmen die Gesichter der Gesprächspartner, abgelichtet in Momenten, „die zum Thema passen, wenn sie ganz bei sich sind“, sagt Vogel.

Gesichter und Geschichten zwischen Diktatur und Demokratie. 10. November bis 23. Dezember. Eintritt 2 Euro, Katalog 10 Euro.

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