Ausstellung: „Kannibalen“ auf der Kirmes

Postkarte anlässlich der Halveraner Kirmes aus dem Juni 1899: Zu sehen gab´s unter anderem „Kannibalen“ und eine „Riesendame“. Übrigens: Laut Kartentext herrschte im Juni vor 114 Jahren „herrlichstes Wetter“.

HALVER - Das „dicke Kind“ war eine Attraktion, die „Riesendame“ unerhört großformatig, in „Schichtl´s Theater“ warteten Clowns und Kleinwüchsige aufs Publikum und die ganz mutigen Besucher bestaunten vermeintliche Kannibalen: So sah sie aus, Halvers Kirmes im Jahr 1899.

Zumindest, wenn man der Illustration einer Postkarte Glauben schenkt, die jetzt neben etwa 400 anderen im Heimatmuseum ausgestellt ist. Für eine außergewöhnliche Zeitreise sorgen aber nicht nur die Abbildungen.

„Wir haben die Karten vor langer Zeit als komplette Sammlung übernommen und einzelne auch schon gezeigt. Aber das Problem war die alte Schrift“, erklärt Peter Bell, 2. Vorsitzender des Heimatvereins. Zu echten Dokumenten der Zeitgeschichte und des gesellschaftlichen Lebens vor mehr als 100 Jahren werden die Karten - allesamt mit Halveraner Motiven - nämlich erst, wenn auch die Anlässe ihres Versands und die Gefühle der Verfasser deutlich werden. Und so war Bell froh, mit Karl-Friedrich Clever einen Halveraner gefunden zu haben, der sich bereit erklärte, die teils in Sütterlin-Schrift verfassten Postkarten zu „übersetzen“, sprich in moderne Schrift zu übertragen.

Das Ergebnis gewährt ungewöhnliche Einblicke - und offenbart zugleich den Wert der Postkarte, die heutzutage längst von SMS, WhatsApp oder E-Mails abgelöst wurde. Nichtigkeiten, die heute in sozialen Netzwerken „gepostet“ werden, gab es auch früher schon, wie ein Blick auf die Karte einer Irmgard aus dem Mai 1938 verrät:

„Liebe Marlis! Du hast sicher schon auf Post von mir gewartet. Jetzt sollst Du auch ein Kärtchen von mir haben. Ich komme gerade aus der Kirche und habe jetzt Zeit. Hammeli und Bübchen sitzen neben mir. Es ist hier in Halver sehr schön. Spielt Ihr auch immer schön?“

Dies ist nur einer von vielen Texten, die ab sofort im Ausstellungsraum des Heimatmuseums zu betrachten sind. Irgendwo, verriet Peter Bell während des Aufbaus, schlummere auch noch das älteste Exemplar der Ausstellung: eine Postkarte aus dem Jahr 1878. Auch sie kann fortan im Obergeschoss des Bürgerzentrums bestaunt werden. Eventuell ja nicht an Wänden oder Tafeln, sondern mitten im Raum baumelnd: Denn viele Karten wurden mit Nylonfäden an der Decke befestigt, damit sie leichter von beiden Seiten betrachtet werden können. Hier gilt: Anfassen ausdrücklich erlaubt!

Das Heimatmuseum hat dienstags, mittwochs und donnerstags

von 15 bis 18 Uhr geöffnet, sonntags von 10.30 bis 12 Uhr (außer vom 23. Dezember bis 4. Januar). Eintritt für Erwachsene: 1 Euro.

J Frank Zacharias

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