Nessi Tausendschön: Rotzfrech und entzückend

- Foto: Salzmann

Halver -  Fulminant, facettenreich und manchmal auch gewöhnungsbedürftig war der Auftritt der Kabarettistin Nessi Tausendschön und ihres Gitarristen William Mackenzie.

Von Monika Salzmann

Sie kennt Wörter, die sogar den Duden als Nachschlagewerk alt aussehen lassen. Downen Syndrom, geschumpfen? Fehlanzeige! Von Publikümmern und Kaspeusen ganz zu schweigen. Apropos Publikümmer: Von allen Publikümmern – Mehrzahl von Publikum – ist Nessi Tausendschön das Halveraner Publikum das liebste: bunt gemischt, jung und alt, dick und dünn in lachender Eintracht vereint.

Für so nette Leute macht sich die Komödiantin gern zur „Kaspeuse“, auch wenn ihr dabei schon mal die Sicherung durchbrennt. Als vielseitige Sängerin und schräge Ulknudel, die ihre Zuschauer in diesem Moment herzte, im nächsten wutschnaubend „beschimpfte“, lernten die Besucher die Preisträgerin des Bundeswettbewerbs Gesang und des Ralph-Benatzky-Chansonwettbewerbs am Freitagabend beim Kabarett in der Aula des Anne-Frank-Gymnasiums kennen. In „Die wunderbare Welt der Amnesie“ – Titel ihres aktuellen Programms – nahm die Komödiantin ihre Zuhörer witzelnd, schimpfend, singend und tanzend mit. An ihrer Seite tauchte (Slide) Gitarrist William Mackenzie (Kanada) ins Vergessen von Muttertagen, Skandalen und Skandälchen ein.

„Wer kann sich noch an Gerhard Schröder erinnern, der den Osten flutete, um die Wahlen zu gewinnen?“, hieß es da. „Spätestens bei der Maut sind wir Helene Fischer los.“ Unter dem Deckmäntelchen der launigen Unterhaltung verteilte Nessi Tausendschön bissig ihre Hiebe. „Wutausbrüche“ seiner kapriziösen, exzentrischen Partnerin beobachtete Mackenzie mit stoischer Gelassenheit. Auf sich allein gestellt – Nessi verwandelte sich hinter der Bühne in die heiratswütige Ludmilla aus Kasachstan – flüchtete er sich nach David Copperfield-Manier in die Magie und zauberte Maggiflaschen, was sonst, unterm Tuch hervor.

Musikalisch passten die singende Powerfrau mit dem Faible für’s Vergessen und der Saitenvirtuose – sie der Vulkan mit allzeitiger Explosionsgefahr und er der Ruhepol – hervorragend zusammen. Ob melodramatisches Liebeslied oder Gift spritzende Abrechnung mit der ungeliebten Freundin („Fahr zur Hölle, Ariane“): Die Songs einschließlich „rrrrollender“ Hommage an Max Raabe und ihren ach so geliebten, trunksüchtigen Schutzengel waren erste Sahne.

„Verschrumpelte Halveraner Herzchen“

Mit der singenden Säge versetzte die Chansonette ihr Publikum in Entzücken. Mit Tröten und Quietschtönen holte sie es auf den Boden der Tatsache zurück. Entspannt zurücklehnen gab’s bei ihr nicht. Mal rotzfrech, mal brav, himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt wirbelte sie wie ein Derwisch über die Bühne, verrenkte sich beim Ausdruckstanz die Glieder, spielte Sirene und grunzendes Ungeheuer – und war am Ende selbst „froh, wenn ein Satz glimpflich zu Ende“ ging.

Dingfest zu machen war die vielseitige Verwandlungskünstlerin nie. Wer eine tiefere Aussage in ihrem facettenreichen Programm suchte, suchte sie vergebens. Am Ende steckten Nessie und William im rosigen „Blümeranten“-Kostüm und träufelten mit Wonne „Freude in verschrumpelte Halveraner Herzchen“. Na, wenn das keine Aussage war!

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