Auswanderin

Nach Spanien ausgewandert: Eine Frau erzählt ihre Lebensgeschichte

Nationalgericht in Valencia: Anja Kerspe genoss oft die Sommerabende in Castellon mit ihren Freunden Fina und Pepe und einer traditionellen Paella.
+
Nationalgericht in Valencia: Anja Kerspe genoss oft die Sommerabende in Castellon mit ihren Freunden Fina und Pepe und einer traditionellen Paella.

Hätte man Anja Kerspe in ihrer Kindheit gesagt, dass sie einmal als Clown, Lehrerin, Schauspielerin, Zahntechnikerin und Kellnerin arbeiten und in Griechenland einen Schiffbrüchigen kennenlernen wird, mit dem sie nach Spanien auswandert, hätte sie es nicht glauben wollen. Die vielen Wendungen und Erlebnisse in ihrem Leben schreiben eine spannende Geschichte, die uns die Halveranerin erzählt hat.

Halver – Auf der Terrasse ihres Hauses in Halver blickt Anja Kerspe zurück auf das, was ihr in den letzten 54 Jahren widerfahren ist. Oder zumindest an das, woran sie sich erinnern kann. Eigentlich ist es nicht ihr Haus, sondern das ihres Vaters, und eigentlich mag sie die nassen, kühlen Winter im Sauerland nicht sonderlich. „Nachdem ich 20 Jahre lang in der Sonne gelebt habe, finde ich dieses Wetter aber nicht mehr so schlimm“, lächelt sie.

Dass die Zeit im sonnigen Süden jetzt hinter ihr liegt – erstmal –, liegt an ihrem Vater. „Seit 2009 ist er hier alleine. 2017 habe ich mich zu Weihnachten entschlossen, hierhin zu ziehen, um ganz für ihn da zu sein.“ Sonst hätte er wohl in ein Seniorenheim ziehen müssen.

Vom Vater immer unterstützt

Dass sie ganz und gerne für den Papa da ist, liegt mit daran, dass er immer auf ihrer Seite war und sie bei ihren vielen Entscheidungen unterstützt hat. Das war so, als sie nach Bochum zog, um nach ihrem Abitur eine Ausbildung als Zahntechnikerin zu machen, und das war auch so, als sie anschließend erzählte, dass sie jetzt lieber auf Lehramt studieren möchte. Sport unterrichten in der Grundschule war damals das Ziel.

Parallel gründete sie mit Freunden eine Kleinkunstgruppe. Mit Clownereien und Jonglage unterhielt sie die kleinen und großen Menschen, hatte Auftritte im Lüdenscheider Schillerbad, im Hagener Werkhof oder auf privaten Feiern und arbeitete unter anderem mit dem bekannten Lüdenscheider Marco Köhler zusammen.

Von Halver aus zog es sie schließlich nach Wuppertal. Die Faszination, die von der Unterhaltung des Publikums ausging, ließ sie die kleineren Bühnen gegen eine größere tauschen. „Ich schloss mich der Wuppertaler Theatergruppe ‚Neue WUT‘ an. Wir haben einige lustige, viele ernste und meist experimentelle Stücke gespielt“, sagt sie und lässt einige Bilder, teils in schwarz-weiß, auf ihrem Laptop erscheinen: Jonglierend mit Marco Köhler, agierend auf der Wuppertaler Theaterbühne und wartend im Backstage-Bereich, während eine Maskenbildnerin die letzten Farbtupfer in ihrem Gesicht aufträgt.

„Während des Studiums habe ich dann gemerkt, dass man diesen Beruf entweder ganz oder gar nicht machen sollte.“ Nach dem ersten Staatsexamen entschloss sie sich deshalb, das Lehramt nicht weiter zu verfolgen. Eine ehemalige Kommilitonin überredete sie schließlich doch noch, ein Referendariat zu machen.

Wahres Glück im Unglück

Neben einem Bürojob und der Arbeit im Wuppertaler Medienprojekt, das zu einer der größten Jugendvideoproduktionen Deutschlands zählte, finanzierte sie ihr Studium auch mit Kinder- und Jugendarbeit. Bis sie eine alte Freundin wiedertraf. „Sie war mit einem Griechen verheiratet und lebte auf Kreta“, erinnert sich Anja Kerspe. „Die beiden hatten dort ein Café und sie fragte mich, ob ich nicht für eine Saison dort aushelfen wollte.“ Sie wollte, packte ihre Koffer und zog für sechs Monate nach Kreta. Aus diesen sechs Monaten wurden schließlich sieben Jahre.

„Das Leben dort ist anders“, weiß sie die Gelassenheit der Südländer zu schätzen. „Die Deutschen sind viel ernster und das Mittelmeer zieht mich einfach magisch an. Das Leben dort hat mir sehr viel Spaß gemacht.“ 20 Meter neben dem Café hat sie eine Bleibe gefunden. „Das war ein ehemaliger Stall. Um zum Bad zu kommen, musste man über den Hof laufen“, grinst sie, denn der Weg dorthin war alles andere als lästig. Von den Orangenbäumen, die dort standen, konnte sie gleich genug Früchte pflücken, um einen frischen Saft zuzubereiten.

Rückblick in den Süden: Mit ihren Schülerinnen verstand sich Anja Kerspe gut.

Doch dann begann ihr wahres Glück – mit einem Unglück. „Ich lernte dort einen Mann kennen. Er wollte eigentlich ein Schiff nach Zypern überführen, das hatte dann aber vor Kreta einen kapitalen Motorschaden.“ Dieser spanische Schiffbrüchige ist noch heute an ihrer Seite. Einfach sei die Beziehung nicht immer gewesen, gibt sie zu. Er eröffnete auf der griechischen Insel ein spanisches Restaurant, das die beiden führten. „Ich bin also von dem Café zum Restaurant gewechselt und habe dort für drei Jahre gearbeitet.“ Das Restaurant lag direkt an der Strandpromenade. „Man hatte von dort aus den perfekten Blick auf das Meer, über dem der Blutmond aufging. Das zog viele Besucher an.“

In der Nebensaison trennten sich jedoch oft die Wege des Paares. „Er wollte seine Familie in Spanien sehen und ich meine in Deutschland“, sagt Anja Kerspe. Die Lösung des Problems war einfach: Beide zogen nach Spanien. Mit im Gepäck war auch Henry, der Straßenhund, den die Halveranerin auf Kreta adoptiert hat. „Henry war immer an meiner Seite“, schwärmt Anja, während sie Bilder von dem putzigen Mischling zeigt. „Seine angenehme Gesellschaft hat mir vor allem im Winter in unserem 50-Seelen-Dorf sehr wohl getan.“ 16 Jahre begleitete die Fellnase sie. Als gelernte Lehrkraft konnte die Halveranerin in dem spanischen Ort Castellón Kindern die deutsche Sprache beibringen. „Deutsch ist dort genauso wichtig wie die englische Sprache“, weiß sie. Es dauerte nicht lange, bis sie auch Erwachsenen die deutsche Sprache näherbrachte und bald auch in Firmen und Hotels Sprachkurse anbot. Gewohnt hat das Paar in einer Wohnung mit einzigartigem Blick über die Dächer der Stadt.

Ich sehe nicht zu weit in die Zukunft und blicke nicht zurück in die Vergangenheit.

Anja Kerspe

Dieses Bild bleibt im Kopf von Anja Kerspe gespeichert. Auch, wenn sie jetzt auf der Terrasse in Halver sitzt und das trübe Märzwetter beobachtet, bleiben die Erinnerungen ein Teil von ihr. Ein Stück Spanien zum Anfassen hat sie sich mitgebracht: Eine Paella-Pfanne für die schöneren Tage in Halver und natürlich ihren spanischen Freund. Ihren Unterhalt verdient die Heimkehrerin nun an der Volkshochschule (VHS) Volmetal mit Integrationskursen und auch mit einem Spanisch-Anfängerkurs. „Ich fühle mich wirklich wohl bei der VHS“, freut sie sich. „Ich denke, ich würde jetzt schon gerne hier bleiben, weil ich auch meine Freundinnen alle hier habe“, zieht sie sogar in Erwägung, sesshaft zu werden. Etwas mitgenommen aus ihrem turbulenten Leben hat sie auch. Es ist die Erkenntnis, „dass ich im Hier und Jetzt lebe. Ich sehe nicht zu weit in die Zukunft und blicke nicht zurück in die Vergangenheit. Ich bin mit dem glücklich, was ich habe“, sagt sie.

Ob Halver nun eine Endstation auf ihrer Reise durchs Leben ist oder wieder nur eine Zwischenstation, das kann sie selbst nicht sagen. „Ich plane noch nichts“, lächelt sie und lässt die Dinge auf sich zukommen, wie bisher. „Mal sehen, ob mein Partner auch hierbleiben möchte. Wir haben ja noch eine kleine Wohnung in Spanien.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare