Eine Ära geht in Halver zuende

Mode-Geschäft schließt nach 48 Jahren

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Inge Bauckhage-Werner mit Gabriele Skuthan, eine ihrer „super Mitarbeiterinnen“.

Halver - Wenn man sagt, dass der Einzelhandel am Ort auch an der Stadtgeschichte mitschreibt, dann geht am 31. August 2019 an der Bahnhofstraße eine Ära in Halver zu Ende.

Das ist der Stichtag, den Inge Bauckhage-Werner sich zum Ziel gesetzt hat. Bis dahin will sie den umfangreichen Bestand ihrer Boutique an der Bahnhofstraße 9 an die Frau gebracht haben. 

„Mit 85 muss man aufhören“, sagt sie. Das ist im September so weit, selbst wenn man ihr das Alter auch nach mehrmaligem Hingucken nicht abnehmen möchte. Aber irgendwie muss die nach wie vor fitte Geschäftsfrau auf 48 Jahre Selbstständigkeit gekommen sein. Zusammen mit zwölf Jahren im Textilgeschäft und der Näherei ihrer Mutter sind es dann fast 60 Berufsjahre. „Jetzt ist gut“, findet sie. 

Der Urlaub darf wieder länger sein

Dann darf der nächste Urlaub vielleicht sogar 14 Tage dauern. Sonst hat sie sich höchstens zehn gegönnt. „Es ist ein personengebundenes Geschäft, das ich habe.“ Sie habe immer da sein wollen für ihre Kundinnen aus Halver und die vielen, die von außerhalb nach Halver an die Bahnhofstraße gekommen sind und bis Ende August auch noch kommen sollen. 

Keine Bange vorm Ruhestand.

Bis dahin wird es allerdings noch einige Tränen geben, Pralinen und das ein oder andere Fläschchen. Es sind viele Freundinnen geworden im Laufe der Jahrzehnte, „und wir sind ja auch zusammen alt geworden“. Das gilt auch für ihre Mitarbeiterinnen, die sich ebenfalls in den Ruhestand verabschieden. Gabriele Skuthan, Cordula Rentrop und Susanne Sieger beispielsweise gehören zum Team. „Ich habe super Mitarbeiterinnen“, lobt sie ihre Mannschaft, und „ich werde getragen von einer Traum-Kundschaft“. 

Fast 50 Jahre im hart umkämpften Textil-Einzelhandel

Dass sie mit ihrem Geschäft fast 50 Jahre im hart umkämpften Textil-Einzelhandel erfolgreich bestanden hat, dürfte dabei im weiten Umkreis ziemlich einzigartig sein. Das vielleicht Bemerkenswerteste aber ist, dass sie seit 1972 alles richtig gemacht hat. 

Im großen Ladenlokal gibt es „nichts Billiges, nur Hochpreisiges“. Damit hat sie eine Nische besetzt, die Kunden aus Düsseldorf, München oder Hamburg locken konnte. Es wurde viel verschickt. Die bekannten Marken liefen gut bei Moden Bauckhage, wie ihre Boutique völlig schnörkellos heißt. 

"Wo ist eigentlich Halver?"

„Wo ist eigentlich Halver?“ Inge Bauckhage-Werner weiß nicht, wie oft sie sich genau diese Frage von Kunden, Herstellern und auf Messen anhören musste. Keiner konnte sich vorstellen, dass in der sauerländischen Kleinstadt handverlesene Marken wie AirField, Ambiente, Basler, Bogner, Cambio, Maison Common, Laurèl, Renzo, Ribkoff oder Nice Connection über den Verkaufstisch oder in Kartons gehen könnten – in realistischen Größen und auch für ältere Kundinnen.

Durch das Schneidern kam sie ins Geschäft.

Der Qualitätsanspruch ist dabei eine der Komponenten ihres Geschäftsmodells. Die andere hat damit zu tun, für ihre Kundinnen da zu sein und auf Wünsche sofort einzugehen. „Schneidern muss man dafür können“, weiß die gelernte Schneiderin, die über dieses Handwerk ins Geschäft kam. In der Werkstatt stehen die Maschinen, und wenn etwas für den nächsten Tag fertig gemacht werden musste, dann passierte das eben sofort: „Ich bin auch Samstag und Sonntag hingegangen.“ Diese Hingabe gehörte für Inge Bauckhage-Werner eben dazu. 

Keine Nachfolgerin gefunden

Ob jemand anders es in dieser Form machen könnte, ist fraglich. Eine Nachfolgerin konnte sie nicht finden. Die IHK war da und hat abgewunken. Für die Berater der Kammer war nicht vorstellbar, ein Geschäft mit derart großer Auswahl wirtschaftlich erfolgreich zu führen. 

Was genau mit dem Ladenlokal an der Schnittstelle zwischen dem alten und dem neuen Einkaufszentrum Halvers passiert, ist noch offen. Das hochwertige Inventar bleibt zunächst am Ort. Und die Chefin selbst? Hat keine Bange vor dem Ruhestand: „Ich habe einen Mann, eine große Familie, einen Garten und den Hund.“ Außerdem möchte sie bei der Volkshochschule ihr Englisch auffrischen, hat sie sich als nächstes Ziel gesetzt. 

Eines jedoch schließt sie aus: Noch einmal ein Wandergewerbe anzumelden, wie als junge Frau, als sie viel zu viele Kleider eingekauft hatte. Die hat sie dann über den Arm genommen und ist mit den Stecknadeln in der Tasche über die Bauernhöfe Halvers gezogen. „Und ich hab’ sie alle verkauft...“

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