Nach Bandenbetrug nur knapp an Haftstrafe vorbei

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Halver - Als eine relativ kleine Figur in einem internationalen Betrugssystem mit immensen volkswirtschaftlichen Schäden musste sich ein 28-Jähriger aus Halver vor dem Amtsgericht Lüdenscheid verantworten.

Vor allem seinem umfangreichen Geständnis hatte er es zu verdanken, dass das Schöffengericht keine vollstreckbare Haftstrafe verhängte: „Zwei Jahre auf Bewährung“ lautete schließlich das Urteil.

Gesteuert wurden die betrügerischen Manipulationen offenbar von der Türkei aus – „mit viel krimineller Energie“, wie Richter Jürgen Leichter feststellte. An Daten fremder Konten zu kommen, ist im Zeitalter des Online-Bankings offenbar kein Problem. Die Drahtzieher in der Türkei benutzten eine betrügerische Software, die den angerufenen Banken suggerierte, dass sie von Deutschland aus angerufen würden – von Kunden mit einem berechtigten Zugriff auf die genannten Konten. Offenbar reagierten Mitarbeiter von Banken und Sparkassen viel zu oft ohne eine hinreichende Überprüfung dieser angeblich dringenden Überweisungen.

Immer wieder neue Freiwillige benötigt 

Weil die Inhaber der Zielkonten relativ leicht zu identifizieren sind, brauchten die Täter Finanzagenten, die in Deutschland immer neue Freiwillige fanden, die bereit waren, ihr Konto als Ziel für eine betrügerische Überweisung anzugeben. Von der Türkei aus verfolgten die Drahtzieher den Geldeingang auf den Konten der von diesen gewonnen Helfer und benachrichtigten sie. Denn sie sollten das Geld möglichst zügig abheben, um eine Rückbuchung nach dem Auffliegen der betrügerischen Buchung zu verhindern. Nach der Abhebung schickten die Helfer das Geld abzüglich einer Provision für sich selbst per Barüberweisung in die Türkei. Betroffen von den Betrügereien waren offenbar auch Banken und Sparkassen im Märkischen Kreis, Hagen und Dortmund.

„Beihilfe zum Bandenbetrug in 18 Fällen“

Der Angeklagte hatte solche Helfer mit einem dazugehörigen Konto durch die Zusicherung einer Gewinnbeteiligung gelockt und sich damit nach Auffassung des Gerichtes einer „Beihilfe zum Bandenbetrug in 18 Fällen“ schuldig gemacht. Nach eigenen Angaben hatte er mit Überweisungsbeträgen bis zu 12 500 Euro einen Schaden von 55 000 Euro verursacht. 15 000 Euro davon habe er selbst an der Sache verdient.

Harsche Kritik übte Staatsanwalt Axel Nölle an den Sicherheitsvorkehrungen der Banken. Diese seien „teilweise katastrophal“ gewesen. Nach einer Zeit größerer Vorsicht mehrten sich derzeit erneut die Fälle betrügerischer Überweisungen nach diesem klassischen Muster.

Geschädigt werden dadurch unmittelbar weder die Kontoinhaber noch Banken und Sparkassen, sondern deren Versicherungen, erklärte Richter Jürgen Leichter. Durch höhere Versicherungsprämien zahlten aber letztlich doch wieder die Kunden die Zeche.

Bewährung auf Messers Schneide

Dass dem Schöffengericht die Aussetzung der Strafe zur Bewährung nicht leicht fiel, machten die dringenden Ermahnungen an die Adresse des Angeklagten deutlich: Wenn der 28-Jährige sich noch eine einzige Kleinigkeit zuschulden kommen lasse, sei der Widerruf der Bewährung „so sicher wie das Amen in der Kirche“, sagte Richter Jürgen Leichter. Für eine Bewährung sprach allerdings neben dem Geständnis der ansonsten relativ solide Lebenswandel des Angeklagten: Er verdient auch auf legale Weise jeden Monat sein Geld. Davon muss er nun 3000 Euro als Bewährungsauflage an die Justizkasse überweisen. Das Urteil ist rechtskräftig.

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