„100-mal immer wieder das Gleiche“

Missbrauchsprozess: Gutachterin bescheinigt Mädchen hohe Glaubwürdigkeit

Missbrauch Opfer
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Symbolbild

Im Missbrauchsprozess gegen einen 51-jährigen Mann aus Wuppertal hat die psychologische Gutachterin Cornelia Orth der Hauptbelastungszeugin eine hohe Glaubwürdigkeit attestiert.

Die Aussagen des Mädchens bei der Polizei, bei der Psychologin und vor Gericht wiesen zahlreiche „Realkennzeichen“ auf, die für einen „Erlebnishintergrund“ sprächen. Die nach üblichem Verfahren als Ausgangspunkt des Gutachtens aufgestellte „Lügenhypothese“ sei als „sehr unwahrscheinlich zurückzuweisen“, erklärte die Sachverständige. Sie machte allerdings auch ein Problem deutlich, das den Weg zu einem abschließenden Urteil erschwert.

Die junge Frau hatte die Übergriffe ihres Stiefvaters als ein immer wiederkehrendes Geschehen geschildert, aus dem nur wenige prägnante Ereignisse herausragten. Es sei „100-mal immer wieder das Gleiche“ gewesen, zitierte die Gutachterin die junge Zeugin. Die Elemente dieser Übergriffe konnte sie nicht immer eindeutig bestimmten Zeiträumen und Tatorten zuordnen. Es ergaben sich dadurch gewisse Unstimmigkeiten zwischen ihren verschiedenen Aussagen.

Konstanz im Aussageverhalten ist allerdings ein hohes Gut bei der Beurteilung der Glaubwürdigkeit einer Zeugin. „Die inkonstanten Anteile sind nicht zu übersehen“, fasste die Psychologin dieses Problem zusammen. Sie ordnete diese Inkonstanzen aber als eine erwartbare und aussagepsychologisch nachvollziehbare Bearbeitung der Erinnerungen der Zeugin ein.

Herausragende Fälle, bei denen sie erstmals mit den unterschiedlichen Übergriffen des Angeklagten konfrontiert gewesen sei, habe sie aber glaubwürdig benennen können. Die dabei von ihr geschilderten „Details“ habe sie auch vor Gericht „sehr klar wiederholt“. Zu dem „Detailreichtum“ mit der Schilderung vieler verschiedener Vorfälle und verschiedener Situationen kämen weitere Faktoren, die für ihre Glaubwürdigkeit sprächen: die Einordnung der Taten in situative Zusammenhänge, „Komplikationen in den Handlungsabläufen“, aber auch Erinnerungslücken und Nichtwissen: „Sie wusste nicht auf jede Frage eine Antwort.“ Eben das gilt als Hinweis darauf, dass die Angaben einer Zeugin nicht ausgeklügelt zusammengefabelt und dadurch in sich stimmig wurden.

Der Verteidiger warf der Gutachterin eine Glättung der Unstimmigkeiten in den verschiedenen Aussagen der Zeugin vor: „Sie entschuldigen nur die Inkonstanzen.“ Er verwies auf eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs, der eine Beurteilung der Aussage einer Zeugin anhand von „übergreifenden Qualitätsmerkmalen“ fordert.

Die 1. große Strafkammer des Landgerichts wollte das Verfahren in dieser Woche eigentlich abschließen. Davon sei die Kammer aber wieder abgerückt, erklärte der Vorsitzende Richter Jörg Weber-Schmitz. „Wir wollen nicht vorschnell urteilen.“

Der Fall

Ein 51-jähriger Angeklagter aus Wuppertal muss sich wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes vor dem Landgericht Hagen verantworten. Er soll seine Stieftochter in den Jahren 2005 bis 2016 mindestens 18-mal in Halver, Remscheid und Wuppertal missbraucht haben. Das Mädchen war in diesem Zeitraum zwischen sechs und 16 Jahren alt. Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe.

Der Prozess soll am Mittwoch, 25. November, fortgesetzt werden.

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