Milchviehbetrieb Berbecker in Halver: High-Tech für Kuh Carla

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Doris Berbecker kümmert sich um die vier Ks: „Küche, Kinder, Konten, Kälber.“

Halver - „Ich bin hier für die vier Ks zuständig: Küche, Kinder, Konten, Kälber“, sagt die 53-jährige Bäuerin Doris Berbecker vom gleichnamigen Milchviehbetrieb Am Anschlag. „Zugegeben, das K für Kinder ist jetzt nicht mehr so akut wie vor zehn Jahren. Dafür ist die Büroarbeit immer mehr geworden.“ Büroarbeit auf einem Bauernhof? Das wirft weitere Fragen auf. Zum Beispiel: Wie funktioniert ein moderner landwirtschaftlicher Betrieb von heute? Welche Aufgaben gibt es und wie viele Menschen arbeiten dort? Grund genug, mich einmal umzusehen: Doris Berbecker nimmt mich mit auf große Hofrunde.

Die 53-Jährige, vierfache Mutter ist Diplom-Agrar-Ingenieurin und lebt mit ihrem Mann Ernst Berbecker auf dem Hof in Anschlag. Gemeinsam bewirtschaften sie mit zwei Auszubildenden, der Schwiegermutter und einer Teilzeitkraft rund 240 Tiere und Grünland sowie Ackerfläche, auf der Mais, Getreide und Futtergras angebaut wird – die Futtergrundlage für die Tiere. Die meisten davon sind Milchkühe, die in dem großen Stall leben, der 2011 gebaut wurde. In einem kleineren Stall lebt Jungvieh, Kühe, die noch nicht gekalbt haben. Hinter dem großen Stall sind in sogenannten Iglus rund 15 Kälber untergebracht, das jüngste ist zweieinhalb Wochen alt und wiegt 50 Kilogramm. Lottie heißt es.

Die zwei Milchtanks haben jeweils 13 000 Liter Fassungsvermögen. Alle drei Tage kommt ein Tankwagen und pumpt sie leer.

Die weiblichen Kälber bleiben, die männlichen werden verkauft. Nach zwei Wochen kommen sie in einen Mastbetrieb.

Das Kerngeschäft ist der Milchverkauf. Alle drei Tage kommt ein Tankwagen der Molkerei vorbei, pumpt sie aus zwei Tanks in den Lkw und bringt die Milch zur Molkerei nach Köln. Jeder Tank fasst jeweils 13 000 Liter.

Wer beim Melken Handarbeit oder einen Melkstand erwartet, irrt. Modernste Technik, wohin man schaut. „Wir haben vier Automatische Melk-Systeme, auch Melkroboter genannt. Zwei auf jeder Seite des großen Stalls. Ein Roboter melkt mehrmals am Tag zirka 60 Kühe. Das läuft fast alles automatisch.“

Und das geht so: Carla, mit 15 Jahren die älteste Kuh im Stall, möchte gerade gemolken werden. Sie stellt sich neben den Roboter. Per Lasertechnik erkennt die Maschine Carlas Euter, das vor jedem Melken von einer Bürste gereinigt wird. Dann kommen Saugvorrichtungen, so genannte Melkbecher, ins Spiel. Diese sind selbstreinigend und an einem Roboterarm befestigt. Per Laser werden die Melkbecher an die vier Zitzen geführt, dann saugen sie sich fest – und die Milch fließt. Carla freut´s: Während sie gemolken wird, vertreibt sie sich die Zeit mit Fressen. Mindestens sechs Stunden muss sie sich jetzt gedulden, bevor sie wieder dran ist. Nach dem Melken geht sie erstmal zu einer weiteren Maschine, der automatischen Massage-Bürste, die ihr Fell säubert und den Rücken massiert.

Etwa dreimal täglich wird jede Kuh gemolken, rund 30 Liter Milch gibt ein Tier pro Tag. Die Grundlage dafür sind etwa 13 Tonnen Futter, das alle Kühe täglich zu sich nehmen.

Eine Datenkrake im besten Sinne

Der Roboter ist eine Datenkrake im besten Sinne: Bei jedem Melkvorgang erfasst die Maschine, welche Kuh gemolken wurde, wie lange das letzte Melken zurückliegt, die Abgabemenge in Liter, den Fett- und Eiweißgehalt der Milch und das Gewicht des Tieres. „Außerdem kontrolliert der Roboter die Leitfähigkeit des Euters. Entspricht diese nicht dem Standardwert, könnte das Euter entzündet sein und wir können sofort nachschauen, was da los ist. Der Roboter kontrolliert zudem mittels Spektral-Analyse die Bestandteile in der Milch. Wenn da etwas drin ist, was da nicht reingehört, dann landet die Milch auch nicht in einem der Tanks“, erklärt Berbecker. Die Daten der Kühe werden über einen Transponder am Halsband an einen Computer übermittelt.

Gibt´s technische Probleme mit der Anlage, erhalten die Mitarbeiter eine Benachrichtigung aufs Smartphone.

Ein großer neuer Stall, hochmoderne Melkroboter und eine eigene Biogas-Anlage. Neueste, teure Technik. Rechnet sich das? „Was die Milchpreise angeht, haben wir schon bittere Zeiten hinter uns. Die letzten anderthalb Jahre waren für fast alle Betriebe und Molkereien eine existenzielle Bedrohung, denn der Milchpreis war auf einem sehr niedrigen Niveau. Gott sei Dank ist er mittlerweile wieder auf einem etwas höheren Niveau, auch wenn es da noch Steigerungsmöglichkeiten gibt. Ich glaube, dass es andere Regionen härter getroffen hat. In Ostdeutschland haben Höfe mit mehr als 1000 Tieren geschlossen.“

Und der Hof der Berbeckers? Hat in Sachen Übernahme in der eigenen Familie gute Aussichten. Die drei Söhne Frederik, Christoph und Lennard sowie Tochter Marie wuchsen auf dem Hof auf und kennen die Landwirtschaft von der Pike auf. Marie steht kurz vor ihrem Master in Agrarwissenschaft, Christoph lässt sich nach seiner Lehre zum Landwirt und einem Gesellenjahr derzeit an einer Schule in Köln zum Agrarbetriebswirt ausbilden, Lennard absolviert sein drittes Lehrjahr.

Und Carla? Carla gibt weiter Milch. Es sei denn, sie lässt sich gerade massieren.

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