Zustände in den Schlachtereien

Halveraner Metzger zu Vorfällen bei Tönnies: „Das ist moderne Sklaverei“

Einblicke hinter die Kulissen der Metzgerei Wiebel: Seit fünf Generationen ist der Betrieb in Halver verwurzelt. Zustände wie beim Schlachtereibetrieb Tönnies im Kreis Gütersloh sind hier undenkbar.
+
Einblicke hinter die Kulissen der Metzgerei Wiebel: Seit fünf Generationen ist der Betrieb in Halver verwurzelt. Zustände wie beim Schlachtereibetrieb Tönnies im Kreis Gütersloh sind hier undenkbar.

Halver -  Im Schlachtereibetrieb Tönnies im Kreis Gütersloh gibt es bisher mehr als 1300 Corona-Infizierte. Grund dafür sind mitunter die Arbeitsbedingungen und Wohnunterkünfte der Mitarbeiter aus Osteuropa. Wir haben dazu mit dem Halveraner Metzgermeister Reiner Wiebel gesprochen. Sein Familienbetrieb steht im Kontrast zu Tönnies. Aber hat er eine Zukunft?

Eher unscheinbar am Bächterhof liegt seit Jahrzehnten die Metzgerei Wiebel. Direkt hinter der Verkaufstheke geht es durch zur hauseigenen Schlachterei. Einmal in der Woche bekommt der Halveraner Metzger Reiner Wiebel ein Rind. Sein Mitarbeiter Holger vom Brocke schlachtet es. Nur Schweine kommen nicht mehr lebend, sondern bereits in Hälften von einem Erzeuger aus der Region. Aber jede Wurst, jedes Schnitzel in der Theke wurden von Hand und nach alten Familienrezepten hergestellt. 9000 Metzger dieser Art gibt es noch, schätzt Wiebel.

Er sei mit seinem Betrieb, den es seit 1868 gibt, nur noch ein „kleines Rädchen“ in der Industrie. In ein paar Jahren, sagt er, werden es nur noch halb so viele sein, weil viele Betriebe keinen Nachfolger finden und die Zukunft ungewiss ist. Dabei erfreuen sich Geschäfte wie das von Wiebel gerade in Zeiten von Corona besonderer Beliebtheit. Der Fall in der Schlachterei Tönnies mit bisher mehr als 1500 Infizierten verstärkt diesen Trend noch einmal.

„Die Menschen machen sich wieder mehr Gedanken“, sagt Wiebel. Sie stellen Fragen und wollen wissen, wo das Tier herkommt, wie es geschlachtet wurde und auch, wie die Mitarbeiter bezahlt werden. Was Wiebel von den Bedingungen bei Tönnies hält? – „Das ist moderne Sklaverei.“ Tönnies betrifft den Halveraner Traditionsbetrieb zwar nicht, ist für die Kundschaft aber Thema. Die Menschen seien frustriert, sagt Wiebel. Darüber, dass Arbeiter gruppenweise in Containern untergebracht sind und solche Arbeitsbedingungen ertragen müssen.

Wurstherstellung in der Metzgerei Wiebel.

Immer mehr Kunden kommen zu Wiebels Stand auf dem Wochenmarkt und auch zu seinen Geschäften in Halver und Breckerfeld. „Die Gesellschaft entwickelt sich in eine andere Richtung und die Bewegung lässt sich nicht mehr wegdiskutieren.“ Ob es noch mehr Kunden werden, jetzt wo mit Tönnies vorerst ein Fünftel der Fleischherstellung Deutschlands zum Erliegen käme, kann er nur spekulieren. Aber er glaubt nicht, dass es noch einmal ein Comeback für Metzgereien und andere Handwerksbetriebe geben wird.

In 100 Jahren, sagt Wiebel, werde es so gut wie keinen Metzger mehr geben. Auch keinen Schuster oder Bäcker. Betriebe wie Tönnies würden indes bleiben. Unter welchen Bedingungen dort gearbeitet wird, will die Politik aufgrund der derzeitigen Ereignisse prüfen. Mit der Ausbeutung von Menschen müsse Schluss sein, sagt Bundesarbeitsminister Hubertus Heil und kündigte Razzien an. Reiner Wiebel weiß nicht, wie nachhaltig solche Entwicklungen sein können.

Traditionelle Metzgereien werden sich nicht wieder etablieren

Klassische Betriebe wie seiner es ist, ließen sich nicht einfach wieder zum Leben erwecken. Was man für den Neustart eines Betriebs brauche, sei sehr teuer. Er selbst habe in fünfter Generation vieles einfach übernommen und weitergeführt. Dass sich die Branche neu aufstellt, glaubt er nicht. „So vieles läuft verkehrt in der Gesellschaft“, bedauert er. Auch er als Metzger sagt, man soll nicht jeden Tag Fleisch essen. Aber wenn, dann welches in guter Qualität. Das sei in seinem Sinne. Nicht das Billig-Fleisch. Wie so etwas produziert wird, kann jeder momentan beobachten.

Wurstherstellung in der Metzgerei Wiebel.

Die Arbeiter, die dort beschäftigt sind und unter anderem aus Rumänien kommen, seien keine gelernten Metzger. Sie lernen einige Handgriffe, machen diese bestimmt gut, aber mehr nicht, sagt Wiebel. Für die Massenproduktion bei Tönnies, wo alleine 30.000 Schweine am Tag geschlachtet werden, sei das vielleicht praktikabel. In seinem Betrieb könnte er derlei Mitarbeiter nicht gebrauchen. Reiner Wiebel arbeitet mit seinem Angestellten Holger vom Brocke seit vielen Jahren zusammen. Ihr Verhältnis sei familiär, sagt er. Die Arbeit gehe Hand in Hand, was auch in Zeiten von Corona nicht anders ist. Hygiene aber ist in einer Fleischerei das oberste Gebot, gleich neben dem Respekt vor den Tieren. Bei ihm dürfe kein Tier leiden, alles werde verwertet und er achte auf gute Qualität und Regionalität.

Gesellschaft muss sich verändern

Für die Zukunft hofft Wiebel, dass die Gesellschaft mehr Wert auf solche Aspekte legt. Dauerhaft – nicht nur während Corona. Momentan sei er ein Krisengewinner, sagt er – auch wenn es ihm schwer falle, mit Blick auf andere Berufe und Kollegen aus der Branche, deren zweites Standbein als Caterer weggebrochen ist. So unscheinbar seine Metzgerei auch wirkt, ist sie ein Modell, das während Corona gewinnt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare