Mehr Qualität als Ziel: Die Anforderungen an Tagesmütter und -väter steigen

Die Anforderungen an Tagesmütter und -väter steigen ab 2022. Das soll die Qualität und Kompetenz der Pflegepersonen verbessern. Zu Corona-Zeiten haben sich die Vorteile noch einmal mehr herausgestellt.
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Die Anforderungen an Tagesmütter und -väter steigen ab 2022. Das soll die Qualität und Kompetenz der Pflegepersonen verbessern. Zu Corona-Zeiten haben sich die Vorteile noch einmal mehr herausgestellt.

Halver - Die Ausbildung für Tagespflegepersonen wird sich ab 2022 ändern. Seit Corona ist klar, wie wichtig die flexible Alternative zu Kindertagesstätten ist. Wir haben mit Lilian Tanzius von der Awo-Beratungsstelle gesprochen. Sie erklärt, wie sich die Ausbildung ändert, wie man eine Tagespflegeperson werden kann und auch, wie man einen Platz für sein Kind bekommt.

Die Ausbildung von Tagesmüttern und -vätern soll von 160 auf 300 Stunden angehoben werden. Das sieht das neue Kinderbildungsgesetz (Kibiz) vor, das im August in Kraft getreten ist.

Lillian Tanzius ist Leiterin und Koordinatorin der Awo-Kindertagespflege im Märkischen Kreis. Sie ist eine der Ansprechpartnerinnen für alle, die Tagesmutter oder -vater werden möchten oder Kindertagespflege in Anspruch nehmen möchten, Zur neuen Ausbildung sagt sie ganz klar: „Das wird eine Qualitätssteigerung.“

Andere Art von Schulung

Es wird sich bei der Ausbildung um eine „ganz andere Art von Schulung“ handeln, sagt die Fachberaterin. Nicht nur mehr pädagogische Aspekte sowie die Vorbereitung auf die Selbstständigkeit, sondern auch die Hospitation werde ausgeweitet und es werde kompetenzorientiert geschult.

Die wichtigsten Änderungen der Ausbildung:

  • Die Erweiterung auf 300 Unterrichtseinheiten, die Schwerpunktsetzung auf die pädagogische Arbeit mit Kindern in den ersten drei Lebensjahren sowie der Blick auf die Selbstständigkeit tragen den gestiegenen Anforderungen an Kindertagespflegepersonen Rechnung.
  • Als Vorbereitung auf die Tätigkeit einer Kindertagespflegeperson werden 160 Unterrichtseinheiten absolviert. Hinzu kommen 80 Stunden Praktika in Kita und Kindertagespflege und 100 Stunden Selbstlerneinheiten. Diese praxisvorbereitende Phase endet mit einer Lernergebnisfeststellung.
  • Praxisbegleitend finden weitere 140 Unterrichtsstunden statt, zuzüglich circa 40 Stunden Selbstlerneinheiten. Auch diese Phase endet mit einer Lernergebnisfeststellung.

„Ich sehe das als guten Schritt in die richtige Richtung“, sagt Tanzius. Zudem könne es für die ausgebildeten Tagespflegepersonen einfacher werden, einen Anschluss in andere Berufe zu bekommen.

"Ein bis zwei Personen können wir jedes Jahr aus jeder Kommune für die Ausbildung gewinnen", sagt Lilian Tanzius (links). Neben ihr sitzt Johanna Kniewel. Beide  kümmern sich im Kindertagespflegbüro mit Sitz in Meinerzhagen um die Vermittlung von Tageseltern.

Das Ganze habe aber nicht nur Vorteile. Der Bedarf von Tagesmüttern und -vätern ist bereits jetzt „enorm“, sagt Tanzius. Die neue Regelung soll 2022 in Kraft treten.Fakt ist: In den acht Kommunen, die die Awo als Träger unter anderem betreut – dazu zählen Balve, Halver, Herscheid, Kierspe, Meinerzhagen, Nachrodt-Wiblingwerde, Neuenrade und Schalksmühle – werden mehr Kindertagespflegeplätze benötigt als es bisher gibt. Rund 80 Tagesmütter, darunter ein Tagesvater in Herscheid, sind insgesamt im Märkischen Kreis tätig. Im Volmetal sind es rund 50 Tagespflegepersonen. In Halver arbeiten zwölf aktive Tagesmütter. Neun Tagesmütter betreuen zudem in anderen Kommunen Halveraner Kinder.

Fluktuation bei Tagespflegepersonen

„Ein bis zwei Personen können wir jedes Jahr aus jeder Kommune für die Ausbildung gewinnen“, sagt Tanzius. Was sich zunächst viel anhöre, sei aufgrund der Fluktuation zu wenig. „Viele Tagesmütter machen den Job nur für eine bestimmte Zeit – bis ihre eigenen Kinder größer sind zum Beispiel“, sagt die Beraterin. Die Elternzeit sei ein klassischer Zeitraum. Der Bedarf nimmt jedoch immer weiter zu. Das liege zum einen daran, dass immer mehr Eltern arbeiten gehen und die Kinder früh in die Betreuung geben. Zum anderen wissen viele Eltern die kleinen Gruppen mit nur einer Bezugsperson und dem flexiblen Start zu jeder Zeit im Jahr zu schätzen

Mehr als eine Kita kostet die intensive Betreuung nicht. „Viele denken, eine Tagesmutter sei sehr teuer“, sagt Lillian Tanzius. Das stimme so jedoch nicht. „Der Elternbeitrag wird vom Jugendamt gefördert und ist der Gleiche wie im Kindergarten.“ Die Kosten sind vom Einkommen der Eltern abhängig. Das zweite Kind zahlt grundsätzlich die Hälfte. Kindertagespflegepersonen werden pro Kind und pro Stunde bezahlt. Maximal fünf Kinder können bei einer Pflegeperson untergebracht werden. In einer Großtagespflege, von denen es auch in Halver mittlerweile zwei gibt, sind es maximal neun Kinder auf zwei bis drei Betreuer.

Kinder müssen in die Gruppe passen

„Jede Tagesmutter ist selbstständig“, betont Tanzius. Tagesmütter entscheiden selbst, welches Kind sie aufnehmen und welches nicht – nicht jedes Kind passe in den Tagesplan oder in die bereits vorhandene Gruppe. Denn nicht nur Kleinkinder kommen in die Tagespflege. Unter der sogenannten Randzeitbetreuung werden Kinder bis 14 Jahre aufgenommen, deren Eltern im Schichtdienst arbeiten und zum Beispiel über Nacht oder nach der Schule betreut werden müssen.

Nicht nur die Kindertagespflegepersonen können entscheiden, welche Kinder sie aufnehmen. Auch die Eltern können immer mitentscheiden, ob die vorgeschlagene Tagespflegeperson passt. „Am Ende müssen alle ein gutes Gefühl haben“, sagt Tanzius. Sollte es für eine Familie keine Betreuung im Wohnort geben, fragt Tanzius bei der Kommune nach, in der die Eltern arbeiten.

Job erfordert Kompetenzen

Für Lillian Tanzius steht in jedem Fall fest: Diese Arbeit mit Kindern erfordert Kompetenzen – gute Deutschkenntnisse, Kooperationsbereitschaft, Kommunikationsfähigkeit und der Wille, sich selbstständig zu machen. Je mehr die Kindertagespflegepersonen geschult würden, desto besser sei es für alle Parteien. Ab dem Jahr 2022 dauert die Ausbildung dann nach den neuen Vorgaben knapp doppelt so lange.

Fragen und Antworten

Gibt es noch freie Betreuungsplätze?

„Ja – das hatten wir noch nie“, sagt Tanzius. „Sonst hatten wir immer zu wenig Plätze.“ Es sei eher selten, dass es nach den Sommerferien noch Betreuungsplätze gebe. Tanzius und ihre Kollegin Johanna Kniewel vermuten, dass das Virus dahinter stecken könnte. Durch Kurzarbeit und Homeoffice seien viele Eltern zuhause. „Gerade Eltern kleinerer Kinder möchten ihren Nachwuchs in der derzeitigen Situation vielleicht auch nur ungern abgeben“, glauben sie.

Aber hat es derzeit nicht sogar Vorteile, sein Kind bei Tagespflegepersonen zu haben?

Ja. Es habe sich gezeigt, dass die Kindertagespflege gerade während der Coronazeit für viele Mütter und Väter eine große Hilfe gewesen sei – besonders während des Lockdowns im Frühjahr. Die Betreuungszeiten seien flexibel. „Viele Berufstätige mussten in der Corona-Pandemie auch ihre Arbeitszeiten anpassen. Vor allem bei Arbeitnehmern im Gesundheitswesen war das der Fall. Unsere Tageseltern haben genauso flexibel reagiert“, freut sich Tanzius.

Ist die Tagespflege eine Alternative zu Kitas?

Die Kindertagespflege sei in der Coronazeit auch eine gute Alternative gewesen, da der Betreuungsbedarf stets gedeckt werden konnte und die Betreuungszeit anders als in den Kindertagesstätten nicht reduziert werden musste. Nur in wenigen Fällen konnten Betreuungspersonen keine Kinder mehr aufnehmen – etwa weil sie selbst zur Risikogruppe zählten. Hier seien aber Vertretungen gefunden worden.

Wie lautet das Fazit?

Insgesamt kann man resümieren, dass die Kindertagespflege den Eltern, die dringend auf eine Betreuung ihres Nachwuchses angewiesen waren, in den vergangenen Monaten eine große Sicherheit geboten habe. Dass die Kinder in den Tagespflegen nur in kleinen Gruppen von maximal fünf Kindern betreut würden, darüber hinaus in der Regel nur eine Bezugsperson hätten, sei ein weiterer Vorteil in der Coronazeit. „Das bedeutet natürlich auch, dass das Ansteckungsrisiko geringer ist.“

Wo melde ich mich, wenn ich einen Betreuungsplatz brauche oder mich zur Tagespflegeperson ausbilden lassen möchte?

Loredana Kruse ist seit dem 1. August die neue Fachberaterin für Halver für die Kindertagespflege. Sie ist unter Tel. 0 23 54/90 45 04 oder per E-Mail an kindertagespflege-mk@awo-ha-mk.de erreichbar. Die Sprechstunde in Halver ist immer donnerstags von 14 bis 16 Uhr im Bürgerzentrum – coronabedingt nur nach telefonischer Terminvereinbarung. Voraussichtlich im September beginnt die Ausbildung.

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