Drei Erzieher in Halver

Neue Rollen: Männer sind als Erzieher gefragt

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Gerald Benfeld (links) und Alexander Roling arbeiten gerne als Erzieher.

Halver - Im DRK-Familienzentrum Juno in Halver arbeiten Gerald Benfeld und Alexander Roling als Erzieher. Sie berichten, warum sie sich für diesen Job entschieden haben – und warum mehr Männer mit Kindern arbeiten sollten.

Rund 95 Prozent aller Mitarbeiter im Kindergarten sind Frauen. In der Kita Juno arbeiten 18 Erzieherinnen und zwei Erzieher. Auch wenn die daraus resultierenden zehn Prozent viel erscheinen, ist die absolute Zahl gering. Im Vergleich zu den anderen Kitas in Halver sind die beiden Erzieher Gerald Benfeld und Alexander Roling jedoch eine echte Besonderheit. „Aber es gibt einfach zu wenig“, sagt Juno-Leiterin Petra Gelhart. „Wir haben immer darum gerungen, auch Erzieher in unserer Einrichtung zu haben.“

Vorurteile existieren noch immer

Kitas haben unter anderem eine Schlüsselfunktion als frühkindlich prägende Kraft für Männlichkeit und Weiblichkeit. Auch wenn es wichtig ist, dass Männer mit Kindern arbeiten, stoßen sowohl die beiden Erzieher, als auch Gelhart teilweise auf Vorurteile. Der 51-jährige Gerald Benfeld hat von einer Mutter vor einiger Zeit den Satz „Man weiß ja nicht, worauf man sich da einlässt“, aufgeschnappt. Noch immer müssen sich Männern mit den Vorurteilen auseinandersetzen, dass sie womöglich die Kinder missbrauchen. 

Wickeln Männer auch die Kinder?

„Mütter fragen schon genauer nach, ob denn nun der Erzieher das Wickeln und den Gang zur Toilette übernehmen“, sagt Gelhart. „Hier arbeitet nur Fachpersonal und es besteht kein Grund zur Sorge“, erklärt die Leiterin den Eltern. Vor allem aber seien es die Kinder, die ihre Grenzen selber ziehen. „Und über ihre Grenzen gehen wir nie. Wenn mir ein Kind signalisiert, dass ich es nicht wickeln oder begleiten soll, tue ich das nicht.“ 

Rollenbilder werden im Kindergarten geprägt

Auch wenn diese Aufgabe in den Gruppen der beiden Erzieher aufgrund des Kindesalters nicht häufig vorkomme, sei es trotzdem wichtig, dass Kinder sehen, dass auch Männer solche Aufgaben übernehmen. „Sie sehen uns auch spülen, waschen und kochen“, sagt Benfeld. Viele Kinder hätten jedoch je nach kultureller Prägung Männer noch nie so etwas tun sehen. Während sich das Rollenbild der Frau über die Jahre wandelte, suchen auch Männer neue Rollen. „Männer spüren immer mehr, dass auch sie in der Kindererziehung gefragt sind.“

Job nicht vom Geschlecht abhängig machen

Aber genauso wie nicht jede Frau für den Beruf geeignet ist, sind es auch nicht alle Männer. „Das ist reine Typsache“. sagt der 25-jährige Alexander Roling. „Ich würde das gar nicht so sehr vom Geschlecht abhängig machen.“ Für ihn ist der Job aber eher seine Berufung als nur sein Beruf. „Mir macht die Arbeit mit den Kindern einfach Spaß“, sagt er. Während eines Praktikums habe es ihm so gefallen, dass er in dem Job bleiben wollte. „Und hier fühle ich mich sehr wohl.“ Denn auch die Kolleginnen akzeptieren ihn.

Männer sollen nicht in "Frauenjobs"

Aus Umfragen geht hervor, dass das nicht selbstverständlich ist. Häufig befürchten die Erzieherinnen die Verdrängung von Frauen in Leitungspositionen. Dann seien es die Frauen, die ihren Beruf als „Frauenjob“ darstellen, in dem keine Männer hinein sollen. Hier wird die Problematik, die Frauen sonst in anderen Berufen erfahren, umgedreht: Dominanz und Macht wird nur aufseiten der Männer zum Problem – bei Frauen jedoch nicht.

"Vielfalt ist wichtig"

„Vielfalt ist wichtig“, sagt Gelhart. Je mehr unterschiedliche Menschen in einer Kindertageseinrichtung arbeiten, desto mehr Möglichkeiten liegen in ihr. So bringe jede Erzieherin und jeder Erzieher seine eigenen speziellen Kompetenzen mit. Gerald Benfeld beispielsweise macht selbst seit Jahren Yoga und bietet auch Kinderyoga in der Kita Juno an. „Man kann Geschichten sehr gut mit Yoga verbinden. Zum Beispiel haben wir schon Piraten-Yoga gemacht. Manche Positionen symbolisierten dann das Segelschiff.“

Männlicher Erzieher in Thüringer Kita

Alles eine Typsache

Auch für Alexander Roling ist Bewegung wichtig. Der Hobby-Handballspieler spielt mit den Kindern gerne Ballspiele, und organisierte schon ein Fußballturnier unter den Kindergärten. Als Mann mache man auf dem Spielplatz schon einmal andere Sachen mit den Kindern als Frauen, sagen sie unisono. 

Doch Gelhart wendet ein: „Ich bin auch Co-Trainerin. Das hat nichts damit zu tun, dass es Männer sind.“ Wichtig sei für Kinder im Vergleich auch die Erfahrung, dass es Männer gibt, die mit Fußball nichts anfangen können, und wiederum Frauen, die sich dafür begeistern. Genauso können Frauen handwerklich und technisch begabt sein und Männer eher künstlerisch. Und am wichtigsten: Männer sind nicht alle hart und stark – „Männer können auch weich sein.“ Und diese Eigenschaften sollten Stereotypen überwinden und akzeptiert werden. Um die Realität wahrnehmen´ beziehungsweise von falschen Bilder unterscheiden zu können, brauchen Kinder mehr Männer in ihrem Alltag. Die Wichtigkeit von Erziehern nimmt damit bei Kindern von alleinerziehenden Müttern einen besonderen Stellenwert ein.

Mädchen und Jungen brauchen Erzieher gleichermaßen

Häufig heißt es, dass es vor allem die Jungen seien, die eine männliche Bezugsperson brauchen. Das ist aber auch bei Mädchen der Fall. Laut Entwicklungspsychologe Tim Rohrmann würden Mädchen selbstbewusster, wenn sie von anderen Männern ernst genommen und unterstützt werden. Wirklich notwendig würden sie für Jungen bei Themen, die das eigene Geschlecht betreffen. Eine Studie hat zudem ergeben, dass es eher die weiblichen Fachkräfte sind, die im Umgang mit Kindern Unterschiede machen. So werde mit Jungen eher „sachlich-funktional und mit Mädchen eher persönlich-beziehungsorientiert kommuniziert“. In der Kita Juno seien solche Unterschiede nicht ersichtlich. So unterschiedlich wie jedes Kind sind auch die Erzieherinnen und Erzieher – unabhängig von ihrem Geschlecht.

Unterm Strich: Männer sind gefragt denn je

Dass mehr Männer in Kitas gehen, hängt laut der Studie „Kitas im Aufbruch – Männer in Kitas“ von der Akzeptanz von Männern als Erzieher bei den Eltern, dem weiblichen Fachpersonal und den männlichen Erziehern selbst, ab. Die These, Männer seien für den Beruf weniger geeignet als Frauen, wird laut der Studie von 95 Prozent der weiblichen und 97 Prozent der männlichen Fachkräfte in Kitas abgelehnt – mehrheitlich mit großer Entschiedenheit. Und auch 62 Prozent der Eltern sind demnach der Auffassung, dass sich die Politik weiterhin dafür einsetzen sollte, Männer für den Beruf zu gewinnen. Liegt es am Ende bei den Männer selbst?

Fachkräftemangel auf in Kitas

Männer sind gefragter denn je. Hinzu kommt, dass bis 2025 ein Fachkräftebedarf von deutschlandweit 171 000 Personen besteht. Könnten Männer die Lösung sein? Gelhart gibt zu bedenken, dass am Ende nicht nach Geschlecht, sondern nach Qualifikation eingestellt wird, auch wenn Kinder auf Männer meist sehr positiv reagieren. Diese Idealisierung steht laut Studie aber der ständigen Kindesmissbrauchs-Verdächtigung entgegen.

Einerseits sollen Männer in die Kitas, um Rollenvorbild zu sein, andererseits um den Unterschied zwischen den Geschlechtern aufzuheben. Ein berufliches Selbstverständnis ist nötig, um diese Kluft zu überwinden. Kindertagesstätten sind ein Beispiel dafür, wie Rollen innerhalb der Gesellschaft verteilt sind, sich aber auch wandeln können.

„Männer und Frauen entscheiden sich für einen sozialen Beruf, weil sie mit Menschen arbeiten wollen und sich dafür interessieren“, sagt Gelhart. Über mehr Vielfalt würde sie sich freuen.

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