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„Mädchen muss man suchen“: Hype beim Frauenfußball im MK durch EM?

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Von: Sarah Lorencic

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In Pink: Die Aufwärmjacken sind neu. Trainer Stefan Westermann trägt sie mit Stolz, Tus Grünenbaum, Halver
In Pink: Die Aufwärmjacken sind neu. Trainer Stefan Westermann trägt sie mit Stolz. © Lorencic, Sarah

Mit der Frauenfußball-Europameisterschaft erhält der Frauenfußball wieder mehr Aufmerksamkeit, selbst der Begriff Hype fällt. Ist das auch in Halver der Fall?

Halver – Er trägt Pink. Und er trägt es mit Stolz. Denn Stefan Westermann ist Trainer der Fußballerinnen beim TuS Grünenbaum. Dass es überhaupt Mädchen- und Frauenmannschaften im Verein gibt, ist dem Halveraner zu verdanken.

Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.

Die Begründung des DFB, als er 1955 Frauenfußball verbot

Seit rund neun Jahren gibt es die Spate bei dem Verein am Kreisch, „beim TuS Ennepe zwei Jahre länger“, sagt das Vorstandsmitglied des TuS Grünenbaum. Mit 100 Spielerinnen von Jung bis Alt spielen am Kreisch aber die meisten Fußballerinnen in Halver und im näheren Umkreis. Maßgeblich an der Entwicklung beteiligt waren die Töchter von Stefan Westermann, die heute Anfang 20 sind und plötzlich Fußball spielen wollten.

Töchter wollten Fußball spielen

Der 51-jährige gebürtige Breckerfelder spielt selbst seit seinem siebten Lebensjahr Fußball. Als seine Töchter klein waren, war es für ihn „total abwegig“, dass sie – wie ihr Vater – Fußball spielen wollen. Weil er jedoch oft auf dem Platz war, waren es die Töchter auch. Und als sie ein Ferienlager für Jungen miterlebten, wollten sie das auch – nur für Mädchen. Und so kam es. „Wir hatten sofort 15 Mädchen zusammen.“ Zwei Jahre später war die erste Mannschaft im Spielbetrieb. Im Juni dieses Jahres sind die B-Juniorinnen in die Bezirksliga aufgestiegen. Stefan Westermann ist mächtig stolz und auch die Spielerinnen freuen sich über den Aufstieg. Und wie ist die Resonanz im Verein? „Sagen wir mal so: Es wird zur Kenntnis genommen“, sagt Westermann.

Mädchenfußball beim TuS Grünenbaum gibt es seit 2013.
Mädchenfußball beim TuS Grünenbaum gibt es seit 2013. Symbolbild © Wesley Baankreis

Noch immer hat es der Frauenfußball schwer. Im Zuge der Europameisterschaft, aus der die deutschen Nationalspielerinnen am Sonntag als Vizemeisterinnen hervorgingen, erhofft man sich mehr Aufmerksamkeit. Denn der Nachwuchs fehlt. Der Deutsche Fußballbund (DFB) hat schon kurz vor der Europameisterschaft ein „Strategiepapier Frauen im Fußball“ vorgestellt. Darin hat sich der DFB bis 2027 unter anderem das Ziel gesetzt, die Zahl der aktiven Spielerinnen, Trainerinnen und Schiedsrichterinnen um 25 Prozent zu steigern. Wie genau, steht (noch) nicht darin. Stefan Westermann aber glaubt daran nicht, dass die EM einen Beitrag dazu leisten konnte. Zu wenig mediale Aufmerksamkeit habe die EM seiner Meinung nach bekommen.

Einer der Unterschiede von Jungen und Mädchen

Wie eine Umfrage in seinem Team ergab, schauten nichtmals alle Spielerinnen die EM – obwohl man das doch meinen könnte, wenn man selbst in dem Sport aktiv ist. Aber das sei einer der großen Unterschiede zu Jungen und Männern: Das Interesse am Fußball ist nicht ausgeprägt, DFB-Spiele werden nicht verfolgt und Fan einer Mannschaft ist kaum eine Spielerin. Die Mädchen und Frauen wollen einfach nur spielen –mit ihrem Team. Was in der Deutschen Liga oder international passiert, ist ihnen nicht so wichtig. „Dagegen haben Jungen, wenn sie kommen, schon 1000 Stunden Sky gesehen“, sagt Westermann und lacht. Die wiederum denken oft, sie könnten und wüssten alles. Die Mädchen sind dagegen aufmerksamer und setzen schnell um, was man ihnen erklärt.

Stefan Westermann trainiert als einer von sieben Trainern Frauen in Halver beim TuS Grünenbaum am Kreisch
Stefan Westermann trainiert als einer von sieben Trainern Frauen. © Lorencic, Sarah

Dabei rum kommen gute Spiele, die Mädchen beherrschen die Technik und können richtig ehrgeizig sein. Entgegen dem Ruf, den Westermann nicht bestätigen kann. In der Pubertät allerdings sind die Jungen den Mädchen rein körperlich irgendwann einfach überlegen. Die Stimmung bei den Spielen findet der Trainer bei den Mädchen daher besser. Da gehe es nicht um Leistung, sondern ums Spiel und um den Spaß.

Ungerechtigkeiten bei Frauen- und Männerfußball

Die Spiele der Deutschen Nationalmannschaft haben in der Spitze 22 Millionen Zuschauer in Deutschland verfolgt. In Meinerzhagen gab es ein Public-Viewing, in Halver und Umgebung zeigten nur wenige Kneipen das Frauenspiel. Auch, weil DFB-Pokalspiele am Sonntag liefen. Ein Unding für Westermann. Die Spiele hätte man auf einen anderen Tag legen oder zumindest frühzeitig stattfinden lassen müssen, damit dem EM-Finale nichts im Weg steht. Aber es war wohl nicht wichtig genug, glaubt Westermann und schüttelt den Kopf. Das Spiel am Sonntag verlor Deutschland gegen England. An einen Sieg hatte der Fußballtrainer ohnehin nicht geglaubt. „Ich dachte, die überrollen uns.“ Der Fall wiederum trat nicht ein, „es war ein gutes Spiel“ gegen die starke Mannschaft.

Mit Blick auf die Geschichte sei es den Engländerinnen gegönnt. Denn im Vereinigten Königreich gab es Frauenfußball schon 1863 – die erste Frauennationalmannschaft 1894, die British Ladies. Damals trugen die Spielerinnen noch Hut und kurzen Rock, um den Anstand zu wahren. Einen Bruch gab es jedoch 1921 als die Football Association den Frauen in England die Benutzung der Stadien verbot. Fußball sei für Frauen „nicht geeignet und sollte deshalb nicht gefördert werden“.

Verbot des DFB von Frauenfußball

Während Engländerinnen schon früh Fußball spielten, hatten die Frauen In Deutschland um die Jahrhundertwende eine Art „Fußball für Frauen“, bei dem sie sich im Kreis stehend den Ball gegenseitig zuspielten. Erste Spiele von Studentinnen fanden nur im Rahmen der Deutschen Hochschulmeisterschaften 1922 statt. Zu Zeiten des Nationalsozialismus war Frauenfußball unerwünscht und wurde verboten. Erst in den 1950er-Jahren kam es zu erneuten Bildungen von Frauenmannschaften. Aber während die Männer 1954 Weltmeister wurden, wurden ein Jahr später seitens des DFB Frauenfußball verboten.

Aufstieg gelungen: Die B-Juniorinnen des TuS Grünenbaum sind in die Bezirksliga aufgestiegen
Aufstieg gelungen: Die B-Juniorinnen des TuS Grünenbaum sind im Juni in die Bezirksliga aufgestiegen © Lorencic, Sarah

Die Begründung damals: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“ 1970 hob der DFB das Frauenfußballverbot wieder auf, allerdings gab es Auflagen: So mussten die Frauenteams wegen ihrer „schwächeren Natur“ eine halbjährige Winterpause einhalten, Stollenschuhe waren verboten und die Bälle waren kleiner und leichter. Das Spiel selbst dauerte nur 70 Minuten. Später wurde die Spielzeit auf 80 Minuten erhöht. Seit 1993 gilt auch bei den Frauen die Spielzeit von zweimal 45 Minuten. In den 1990er-Jahren bildeten sich erste Ligen auf lokaler Ebene.

Noch immer hat aber nicht jeder Verein eine Mädchen- oder Frauenmannschaft. Das liegt vor allem am Personal, sagt Westermann. Die Frage, ob Halver für einen Hype bereit ist, stellt sich Westermann gar nicht. Er glaubt nicht an viele neue Spielerinnen. Denn: Sie kommen nicht einfach. „Mädchen muss man suchen.“ Wenn man aktiv wird, Werbung macht, in Schulen geht oder Camps veranstaltet, findet man sie. Aber: „Es ist eine Mammutaufgabe, wenn man das anfängt.“ Förderung muss es vom Verband geben, findet Westermann. Sonst ändert sich nichts. Es bleibt abzuwarten, was das „Strategiepapier Frauen im Fußball“ in fünf Jahren erreicht.

Schnupper-Training am 8. August

Am kommenden Montag, 8. August, findet ein Schnupper-Training für Mädchen am Kreisch statt. Der TuS Grünenbaum lädt dazu alle Mädchen im Alter von 8 bis 15 Jahren ein. In der Zeit von 14 bis 18.30 Uhr wird in verschiedenen Altersgruppen Fußball trainiert. Anmeldungen für das „Soccer for girls“ sind unter Tel. 0 23 53 / 13 75 12 oder Tel. 01 51 / 22 46 92 möglich. Insgesamt hat der Verein eine Damenmannschaft, zwei B- und zwei D-Mannschaften. Trainiert werden sie von fünf Trainern und zwei Trainerinnen.

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