Loblied auf das Ego ein Super-Keulenschlag

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Auch Michael Rümmler ist stark in Mimik.

HALVER ▪ Seit Donnerstagabend wissen es auch die Halveraner: Der Mensch ist nicht solidarisch, sondern egomanisch. „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“ bringen es Brigitte Heinrich, Detlef Nier, Gloria Nowack und Michael Rümmler vom Ensemble der Herkuleskeule aus Dresden auf den Punkt. Mit ihrem neuen Programm „Egoland“, das erst im Februar Premiere hatte, bieten sie einen ganzen Abend satirisches Kabarett erster Klasse, das auch die Politik nicht außen vor lässt.

Der Egoismus in unserem Land wird immer weniger, seit die FDP an der Macht ist, sagt die Keule. „Frau Westerwelle macht es vor.“ Und je mehr ihr letztes Hemd geben, je weniger Nackt-Scanner brauche der Staat.

Der rote Faden des Mottos umspinnt das gesamte Dasein in Vergangenheit und Gegenwart. Vom Neandertaler (der innerhalb der EU-Grenzen, hätte es sie damals gegeben, bestimmt überlebt hätte) über Kolumbus (von dem man auch nur die Eier kennt), die Politiker (die in Talks von Anne Will über Jauch, Kerner und zurück gereicht werden, viel sprechen und nichts sagen), den Papst, die Familie, die Reichen, die Fortpflanzungsberatung, Beziehungen ohne Anfassen via Klick, unsoziale Marktwirtschaft bis zum Sex – alles kommt vor. Auch Harz IV-Empfängerin „Susi aus Lidl“, die nach vier Jahren feststellt: Mann weg, Hund weg, Kinder da. Von ihr wird der Bogen über den Lehrer der Kinder, den Pfarrer des Lehrers bis hin zum lieben Gott gespannt. Ob der die Nullserie seiner Schöpfung besser nicht hätte freigeben sollen, war am Schluss die Frage.

Und die Weltreligionen? Wenigstens in einem Punkt könnten sie zusammen arbeiten: Im Krieg gegen die Ungläubigen. Aber, um mit der Keule zu sprechen: Ob Jude, Moslem, Christ oder Atheist – mach dein Glück als Egoist.

Wo sind die Zeiten, wo sind sie hin, als man noch glaubte, Widerstand macht Sinn? Bei Kabarettisten aus Dresden muss natürlich auch über die deutsch-deutsche Beziehung gelästert werden: Die Ost- und Westdeutschen haben sich schon vor der Mauer gut verstanden. Die Mauer hat sie nicht getrennt, sondern voreinander geschützt.

Das Quartett zeigt Qualität. Zur Musik von Jens Wagner und Volker Fiebig singt und spielt es gekonnt ein Loblied auf das eigene Ich. Die literarisch geschliffenen Texte von Peter Ensikat und Wolfgang Schaller sind spitzfindig und bissig, die Kabarettisten mimisch und stimmlich sehr stark. Alles zusammen macht einfach Spaß.

Und wenn die Zugabe in Form des Lehar-Operetten-Liedes „Niemand liebt dich so wie ich“ (gesanglich von Gloria Nowack und Detlef Nier top vorgetragen) auch zur Lobeshymne auf das Ego gerät, so sind im Egoland am Ende alle happy – und sparen nicht an Applaus. ▪ Yvonne Pfannschmidt

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