Erinnerungen an früher

Zurück in die Vergangenheit: Kaugummiautomaten als Kindheitserinnerung

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Kaugummiautomaten sind ein Teil des Stadtbildes, und doch sieht man sie nicht sofort. Versteckt hängen sie an Hauswänden – meist dort, wo Kinder häufig herlaufen. Für Erwachsene sind sie ein Teil der Kindheit, der in Vergessenheit geriet. Hier hängt ein solcher Automat an der Marktstraße.

Halver - Wir machten uns auf die Suche nach den letzten Kaugummiautomaten der Stadt. Fünf Stück hängen noch – und an ihnen viele Kindheitserinnerungen.

Sie hängen seit zig Jahren an den gleichen Stellen. Ihr Äußeres hat sich nicht verändert. Sie überstehen einfach die Zeit – so scheint es. In Halver sind noch fünf Automaten vorhanden. Zwei von ihnen sieht man ihr Alter auch an. In einem der knallroten Kästen gab es einmal Verlobungsringe, auf dem anderen kann man die Etiketten nicht mehr lesen. Vielleicht waren es bunte Kaugummis in Kugelform oder neongelbe Flummis. Ihre einstige Kundschaft wird heute wohl nichts mehr ziehen. Ob sie noch weiß, wie die bunten Kugeln schmecken? 

Die übrigen drei Automaten sind gut gefüllt und erscheinen trotz ihres verrosteten Metallgehäuses, als wären sie in der Zeit einfach nur stehen geblieben. Betrieben werden sie von Rainer Kaschka. Der Hesse betreibt deutschlandweit rund 10 000 Automaten, wie er auf Anfrage unserer Zeitung mitteilt. Um sie zu unterhalten, fährt er quer durch Deutschland. Er entnimmt das eingedrehte Kleingeld, befüllt und pflegt sie in Eigenregie.

Vernetzung im Automatengeschäft

Seit 20 Jahren ist er im Automatengeschäft, seit vier Jahren ist er Mitglied im Verband der Automaten-Fachaufsteller (Vafa). In diesem befinden sich rund 100 Gewerbetreibende. Vor allem geht es dort um die Vernetzung. Über einige Themen können sich alle gleichermaßen austauschen: Vandalismus und Diebstahl. Auch Kaschka weiß nicht, wie lange sich das Geschäft noch hält, weil immer mehr Automaten geklaut und durch Beschädigungen komplett zerstört werden. Ein Drei-Schacht-Gehäuse zur Außenanbringung kostet 140 Euro. Hinzu kommt noch der Automat, der in den Kasten eingesetzt wird sowie die Süßigkeiten, Spielsachen und ein Schloss. 

Ein Stück weiter auf der Frankfurter Straße gibt’s Süßes.

Die Automaten, gefüllt mit bunten Kugeln wie „Strawberry Shakes“, „Bubble King“ oder auch Stinkbomben, kosten jeweils rund 110 Euro. Bis sich also ein komplett gefüllter Automat bezahlt macht, müsste ungefähr 440-mal ein 50-Cent-Stück in den Schlitz gesteckt und umgedreht werden. Ein Automat wirft aber im Jahr zwischen einem und zehn Euro ab. In Halver bekommt man saure „Center-Shocks“ sowie „Big Marbo“-Lutschkugeln, die kaum in den Mund passen, bereits für 20 Cent. Springbälle gibt’s für 50 Cent. Kleine Fußballpuzzle und Ketten kosten 1 Euro. 

Tour durch die Innenstadt

Die Automaten-Tour startet am ZOB und geht Richtung Alter Markt. Gleich zwei Automaten begegnet man auf dem Weg. Der erste hat seine beste Zeit schon hinter sich, aber kurz vor dem Schmuckladen hängt der erste Zweischachter an der Wand, der sowohl etwas Saures als auch einen Flummi im Angebot hat. In der Erinnerung hat man den Automat eher auf Augenhöhe – wenn man aber als Erwachsener vor ihm steht, muss man sich schon etwas bücken. Die Zielgruppe waren schon immer Kinder. Daher erstaunt es auch nicht, dass sich die Automaten auf einem Schulweg befinden. Der nächste Automat hängt gegenüber der Nicolai-Kirche, ein Haus weiter als der schon auffallendere Sexspielzeug-Automat beim Griechen Hellas. 

Verlobungsringe gab es gegenüber der Nicolai-Kirche.

Aber auch dieser bunte Automat ist nicht mehr, was er einmal war. Er wurde Opfer von Vandalismus und weist Brandspuren auf. Vielleicht war es sogar ein Silvesterknaller, eine der häufigsten Ursachen. In diesem Automat gab es einmal Verlobungsringe aus Plastik, mit einem Brillianten aus dem gleichen Material. Der nächste Automat befindet sich in noch näherer Umgebung zu den Schulen. An der Marktstraße 7, einer ehemaligen Gaststätte, hängt noch immer ein Automat. Auch wenn die Gaststätte seit Jahren leer steht: Der Automat ist gefüllt mit sauren Bonbons, Puzzlen und einer Schmuckauswahl. 

Kondome und Kaugummis an einem Ort

Der vom Zentrum am weitesten entfernte Kasten, hängt an der Gaststätte „Zum Linken“ am Ende der Treppe. Auf Augenhöhe der Kinder lockt der Automat mit „Lutschkugeln“ und Halsketten. Eine Etage höher, auf Augenhöhe Erwachsener, hängen ein Zigarettenautomat und einer für Kondome – aber sie sind im Gegensatz zum Kinderautomaten leer. Kondome und Zigaretten liegen auch an jeder Supermarktkasse, aber Süßigkeiten, die Kinder selbstständig ziehen können, bleiben etwas Besonderes. Das sagt auch Paul Brühl, Vorsitzender der Vafa. 

„Für ein Kind ist das die erste große Kaufaktion, wo Mama und Papa nicht über die Schulter gucken“, sagt der 69-Jährige. Gemeinsam stünden Kinder vor dem Automaten, stecken ihr Geld in den Schlitz bevor sie die Ware bekommen haben und können dann nur noch hoffen, das grüne Kügelchen zu bekommen – und dann kommt das gelbe. „Normalerweise ist es genau andersherum: Der Kunde sucht sich etwas aus, bekommt es und bezahlt dann. Vor dem Kaugummiautomaten drücken alle gemeinschaftlich die Daumen, damit das Beste herauskommt.“ 

Branche muss um die kleinen Kunden kämpfen

Dass die Branche mit ihren kleinen Kunden zu kämpfen hat, habe einige Grüne. Zum einen halten sich immer weniger Kinder auf den Straßen auf, weil sie viele Stunden in Kindergarten und Schule verbringen. Hinzu komme, dass der Schulweg nicht mehr als klassicher Fußweg angesehen werden kann – auch in Halver nicht. „Die Eltern fahren ihre Kinder mit dem Auto zur Schule, und holen sie auch wieder ab. Die Kinder kommen gar nicht in die Situation, vor dem Automaten zu stehen.“ Brühl glaubt an die Automaten, schon sein Vater war in der Branche tätig. Sie sind „Emotion pur“, viele verbinden mit ihnen Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend. „Die Langzeitwirkung ist immens.“ 

Es war einmal ein Automat an der Frankfurter Straße.

Aber mit ihren mechanischen Münzwerken, dem Drehhebel und dem unveränderten Aussehen gehören sie zur Nostalgie und passen nicht mehr ganz in die heutige Zeit. Aber die Branche will sich verändern. Studenten tüfteln nach Brühls Angaben an neuen Ideen für Automaten – was kommt rein und wie kommt es raus? Die Kinder von heute könnten mit einem Telefon mit Drehscheibe nichts mehr anfangen, und genauso wenig mit den Automaten. Neuere Modelle sollen beleuchtet sein und digitaler werden, verrät er. Ob sich der Absatz dadurch verändert, wird sich zeigen. Bis dahin bleiben die Automaten hängen und prägen weiterhin das Straßenbild. Es sei denn, sie werden geklaut oder zerstört. Denn was Vandalismus betrifft, sei es für die Betreiber „sehr, sehr hart“. 

Aber noch gibt es sie: die, die regelmäßig die Automaten pflegen, befüllen und die Groschen entnehmen. So lange bleiben die Automaten auch in Halver hängen – und die Halveraner schwelgen weiter in Erinnerungen.

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