Schüler legen Blumen nieder

Die Realschüler legten gestern Blumen an den Gräbern der Zwangsarbeiter nieder. - Foto: Peuckert

HALVER - Während Regentropfen vom grauen Novemberhimmel fielen, legten Schüler der Klasse 10a der Realschule Halver am Mittwoch auf dem evangelischen Friedhof Blumen an den Gräbern ehemaliger Zwangsarbeiter nieder. Anlass war die Einweihung der Legendentafel, zu der sich einige Gäste eingefunden hatten.

„Lydia war 17 Jahre alt, Olga 19, Wassili 20 und Valentina 21 Jahre, als sie in Halver starben.“ So beginnt der Text, den der Halveraner Autor Werner Sinnwell für die Legendentafel verfasst hat. Die Tafel erzählt die Geschichten von Zwangsarbeitern, die nach Beginn des Zweiten Weltkrieges aus der Sowjetunion oder Polen nach Halver verschleppt wurden, um in Fabriken, Handwerksbetrieben und auf Bauernhöfen zu arbeiten, und die Lücken zu füllen, die die für den Kampf eingezogenen deutschen Männer hinterließen.

Die Tafel ist Teil des vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ins Leben gerufenen Projektes „Legendentafeln – Kriegsgräber erzählen ihre Geschichten“. Auf ihr kommen ehemalige Zwangsarbeiter zu Wort, erzählen von ihrem Leid. Sie haben überlebt – viele andere nicht. 47 Gräber von Zwangsarbeitern befinden sich auf dem evangelischen Friedhof. „50 Jahre lang waren die Gräber hinter einer Hecke versteckt“, berichtete Werner Sinnwell am Mittwoch. 1995 seien Realschüler auf die Gräber aufmerksam geworden und hätten angefangen, das Leben dieser Menschen zu erforschen. Im Stadtarchiv seien sie schließlich fündig geworden.

2011 wurden die Gräber instand gesetzt. Doch Dieter Hoffmann, ehemaliger Geschäftsführer des Märkischen Werkes, wollte mehr tun. Im Betrieb seines Vaters waren insgesamt 300 Zwangsarbeiter tätig. Hoffmann war es ein Anliegen, diese Menschen zu finden. Bald schon hatte er 25 von ihnen in der Ukraine ausfindig gemacht und sie gemeinsam mit Werner Sinnwell besucht. Die Deutschen hatten sich mit gemischten Gefühlen auf den Weg in die Ukraine gemacht und waren überwältigt von der Wärme, mit der sie empfangen wurden. Einige der ehemaligen Zwangsarbeiter schrieben ihre Erinnerungen in Briefen nieder, die jetzt auf der Legendentafel zu lesen sind.

Zur Einweihung am Mittwoch waren auch Attache Nicolay Barabaskin vom Russischen Generalkonsulat Bonn sowie Priester Vadim Sadovoi von der russisch-orthodoxen Kirche gekommen. Letzterer reiste samt Frau und Bruder aus Wuppertal an. Gemeinsam trugen die drei ein auf Russisch gesungenes Gebet vor. Die Teilnehmer der Feierlichkeit waren sichtlich bewegt vom Gebet – einige schlossen die Augen, andere hatten Tränen in den Augen.

Für Wolfgang Held, vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, waren die Schüler gestern die wichtigsten Menschen. Denn: „Vergessen und erinnern liegen nah beieinander. Wenn man sich nicht mehr erinnert, wird alles verdrängt, ist alles vorbei. Das darf nicht geschehen. Es sind die Schüler, die die Erinnerungen weitertragen.“

Von Jana Peuckert

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