Herpine

Freibad im MK: Lebenslang freier Eintritt für harte Arbeit

Herpine, Luftbild
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Die Herpine von oben.

Den entscheidenden Anstoß zum Bau des Waldfreibades Herpine gab eine Bürgerinitiative, die vor 90 Jahren, am 19. September 1931, den Verein „Strandbadverein e.V.“ aus der Taufe hob. Walter Lemmer, der Geschäftsführer der Halveraner Ortskrankenkasse, hatte an diesem Tag zur Gründungsversammlung in das Gasthaus „Unter den Linden“ an der Marktstraße eingeladen.

Halver - Nach der einstimmig beschlossenen Vereinssatzung kam für den Bau des Bades ein Modell zum Tragen, bei dem Bürger, Gemeinde und Amt Hand in Hand arbeiteten. Die Gemeinde überließ dem Verein unentgeltlich das Gelände an der Herpine. Vereinsmitglieder leisteten freiwillige Arbeitsstunden. Die Gegenleistung war eine kostenlose Benutzung des Bades. nach dessen Fertigstellung.

Hermann Sanker mit 1000 Helferstunden

Erich Basilautzki, Adolf Turck und eine Reihe anderer Helfer verbrachten so viele Arbeitsstunden in der Herpine, dass ihnen zeitlebens freier Eintritt zustand. Hermann Sanker, dessen Arbeitskonto sage und schreibe eintausend geleistete Helferstunden verzeichnete, soll sich sogar geärgert haben, wenn es Sonntag war. Konnte er doch dann nicht in der Herpine arbeiten. Das Amt Halver bezog die Baumaßnahme in ihr Notstandsprogramm für Arbeitslose ein. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, Arbeitsgerät und Arbeitskleidung zu spenden.

Gebadet wurde vorher im Teich

Badegelegenheiten gab es in Halver bis Anfang der 1930er Jahre lediglich in Teichen und einigen Kleinanlagen am Ortsrand. Daher kam immer wieder der Wunsch nach einem größeren Freibad auf. In einer Arbeitsgruppe, die sich im Frühjahr 1931 bildete, reifte der Wunsch zur Tat. Walter Lemmer hatte etwa 15 Gleichgesinnte um sich gesammelt. Diese griffen im Spätsommer, schon einige Wochen vor der offiziellen Vereinsgründung, zu Schaufel und Säge, um an der Herpine mit vorbereitenden Arbeiten für den Bau des Bades zu beginnen.

Für den Badespaß wurden 4000 Kubikmeter Erde von Hand bewegt.

Als erstes wurden Tannen gefällt. Lemmer erinnerte sich später: „Wir waren mit dem Arbeitsausschuss in der ,Fuhr‘ und unterhielten uns darüber, wann es denn losgehen sollte. Da stand Adolf Bremicker auf und sagte: ,Morgen um sieben bin ich mit Hacke und Schüppe da unten´. Und richtig, er war es.“

Mit dem Schachtmeister Bremicker hatte das Team einen versierten Fachmann zur Seite. Die technische Leitung des Projektes hatte Hugo Karthaus übernommen. Zur Fülle der anstehenden Arbeiten stand die Zahl der Helfer jedoch in einem krassen Missverhältnis. Entsprechend zähflüssig gestaltete sich der Fortgang der Aktion. Eine Möglichkeit, mehr Arbeitskräfte zu gewinnen, sah man schon bald in der Gründung eines Vereins.

Zahlreiche Bürger folgten am 19. September 1931 Walter Lemmers Einladung und identifizierten sich mit der Idee. Lemmer wurde zum Vereinsvorsitzenden gewählt, die Kaufleute Hans Werland und Gerhard Brandt zum Schriftführer beziehungsweise Kassierer. Sieben Beisitzer komplettierten den Vorstand. Paul Turck, dessen Erinnerung in die Zeit der ersten Vermessungsarbeiten für das Badgelände zurückreichte, bei denen er gemeinsam mit Karl Büth dem späteren Amtsbaumeister Adolf Loewen zur Hand ging, sagte einmal: „Der Gemeinsinn war damals sehr ausgeprägt. So widersprach zum Beispiel Zahnarzt Dr. Sprenger der abträglichen Meinung, gut betuchte Vereinsmitglieder könnten sich mit Geldzahlungen von der Gemeinschaftsarbeit freikaufen. Er legte eine Summe auf den Tisch und griff dennoch zur Schaufel, um seine Solidarität mit den hart arbeitenden Männern zu bekunden.“

Muskelkraft gefragt

Vor allem Muskelkraft war also gefragt. In einer Bauzeit von zwei Jahren hatten die Mitglieder des Vereins mit Unterstützung arbeitsloser Mitbürger das Bad errichtet. Sie leisteten keine von der Gemeinde verordnete „Hand- und Spanndienste“, sondern freiwillige Arbeiten mit Spaten, Hacken und Sägen.

Nach den alten Vereinsunterlagen, die sich heute im Stadtarchiv befinden, haben 230 Männer etwa 32 000 Arbeitsstunden verrichtet. Die Männer kamen aus allen Berufsschichten. Berufstätige griffen in den Abendstunden und an den arbeitsfreien Samstagnachmittagen zum Arbeitsgerät. 4 000 Kubikmeter Erde wurden mit der Schaufel bewegt. Zement, Splitt und Sand mussten mit Kipploren herbeigeschafft werden.

Mit der Kreissäge in die Wiese

Selbst sauerländischer Erfindergeist war nach Paul Turcks Erinnerung gefragt. Um das Abtragen der immensen Wiesenflächen zu erleichtern, bastelte sein Vater Adolf Turck aus Blättern einer alten Kreissäge ein Schneidegerät, das die Rasenstücke trennte. Außerdem baute Adolf Turck eine spezielle Schaufel, mit deren Hilfe die Grasteile abgehoben wurden. Karl Bergmann, ein guter Bekannter des „Erfinders“, stellte für diese Arbeit sein Pferd als „Zugmaschine“ zur Verfügung.

Bei der Einweihung des Bades am 23. Juli 1933 sagte Walter Lemmer in seiner Festansprache: „Als am 5. September 1931 hier im stillen Herpiner Tal, dem Tummelplatz der Kaninchen, der erste Spatenstich getan wurde, ahnten wir alle nicht, welch gewaltiges Werk Gemeinschaftssinn entstehen lassen kann. Die anfängliche Begeisterung ebbte allerdings des Öfteren ab, aber, wie so oft im Leben, war es immer wieder eine Handvoll Männer, die entschlossen durchhielten, mahnten, mit allen Künsten der Beredsamkeit versuchten, die Wankelmütigen wieder zur Teilnahme zu bewegen. Und es geriet. Ohne die Karthaus, Bremicker, Sanker und Turck – und wie sie alle heißen – wäre es allerdings nicht geraten.“ Am Ende seiner viel beachteten Rede äußerte Lemmer den Wunsch, spätere Generationen mögen noch mit Stolz auf die Herpine blicken, „einem Ort, an dem der Gemeinsinn so reiche Früchte getragen hat“. Lemmers Wunsch sollte in Erfüllung gehen. Und das bis heute.

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