Das Leben als Brandherd

HALVER ▪ Zugang zu einer fremden Kulturwelt zu finden, ist mitunter eine Herkulesaufgabe. Diese Erfahrung machte jetzt auch das Lüdenscheider Amtsgericht. Auf der Anklagebank saß dort gestern ein Chinese.

Der hatte im November 2009 in seiner Halveraner Wohnung ein Feuer gelegt – mit dem Ziel, sich umzubringen. Rein strafrechtlich betrachtet ein recht klarer Fall. So verhängten die Richter dann auch eine Haftstrafe von sechs Monaten auf Bewährung gegen den 44-Jährige – wegen versuchter schwerer Brandstiftung. Mit seiner Zündelei hatte der Mann nicht nur sich selbst, sondern auch die Gesundheit anderer Hausbewohner gefährdet. Allerdings konnte die alarmierte Feuerwehr den in Brand gesteckten Zeitungsstapel rasch löschen. Zu Schaden kam niemand.

Weit komplizierter als die rechtliche Bewertung des Vergehens stellten sich indes die psychologisch-kulturellen Hintergründe des Falls dar. So war es bereits im Vorfeld des Prozesses schwierig gewesen, einen Dolmetscher für Chinesisch zu finden. Als ein überaus wendig wirkender Übersetzer dann gestern im Gerichtssaal erschien, beeindruckte der zwar mit beachtlicher Sprachakrobatik. Seinen auf der Anklagebank zusammengesunkenen Landsmann machte aber auch das nicht gerade redselig. Nur ganz sparsam kamen Worte über die Lippen des Brandstifters. Am Ende ergab sich ungefähr dieses Bild:

Der Chinese, familiär entwurzelt und durch eine frühere Haft in seiner Heimat wohl auch traumatisiert, befindet sich in einer desolaten Situation. Seit langem quälen ihn psychische Störungen und psychosomatische Schmerzen. Das belegt ein psychiatrisches Gutachten.

Am 2. November 2009 ist der Mann dann so verzweifelt, dass er sich verbrennen will. Eine Landsfrau, die ihn gelegentlich betreut, schiebt er zu deren Sicherheit vorher aus der Wohnung. Doch das Drama endet glimpflich – Feuerwehr und Polizei sind rechtzeitig vor Ort.

Um dem Gestrandeten wieder einen Halt im Leben zu geben, soll sich nun ein Betreuer um ihn kümmern. Im Gespräch ist dabei ein guter deutscher Bekannter, der dem Chinesen schon länger hilft und auch sprachlich Zugang zu ihm hat. ▪ Sebastian Schmidt

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