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Lastenrad statt Auto: Diese Seniorin macht es möglich und fährt seit zwei Jahren Rad

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Von: Sarah Lorencic

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Heidi Stuckenholz erledigt mit ihrem Lastenrad jeden Weg im Alltag in Halver, fährt zu den Töchtern nach Lüdenscheid und am Wochenende Touren im ganzen Kreisgebiet und darüber hinaus. Das Auto kommt nur noch selten zum Einsatz.
Heidi Stuckenholz erledigt mit ihrem Lastenrad jeden Weg im Alltag in Halver, fährt zu den Töchtern nach Lüdenscheid und am Wochenende Touren im ganzen Kreisgebiet und darüber hinaus. Das Auto kommt nur noch selten zum Einsatz. © Lorencic, Sarah

Sie hat mehr als 5000 Kilometer hinter sich. Uns erzählt die 66-jährige Seniorin, wie sie durch den Märkischen Kreis fährt.

Halver – Die Halveranerin Heidi Stuckenholz macht möglich, was für so manch anderen in Halver unmöglich scheint. Die 66-Jährige lässt seit rund zweieinhalb Jahren das Auto in der Garage stehen und nutzt für jeden Weg bei jedem Wetter ihr Lastenfahrrad. Für sie ist das eine entspannte, umweltfreundliche Alternative, die sie zudem fit hält. Das Auto, ein Hyundai Santa Fe mit Dieselmotor, wird nur noch für lange Strecken genutzt. Es ist ohnehin zu groß, erzählt die Halveranerin. Als sie noch zwei Hunde hatte, machte der SUV Sinn, seit dem Tod der Tiere nicht mehr. Gemeinsam mit ihrem Ehemann hatte sie über die Anschaffung eines E-Autos nachgedacht. Aber die waren zum einen zu teuer und zum anderen ist an dem Santa Fe nichts dran. Stattdessen schaffte sich das Ehepaar E-Bikes an. Zunächst haben sie die Räder über die Firma des Mannes geleast. Denn „E-Bikes sind nicht gerade günstig“, weiß Heidi Stuckenholz.

Bei ihrer Tochter, die in Münster lebt, sah die 66-Jährige erstmals ein Lastenrad und seine Vorteile. „Ich war immer neidisch“, sagt sie und lacht. Und sie entscheidet: „Das muss doch auch in Halver möglich sein.“ Sie schaffte sich ihr erstes Lastenrad noch mit drei Rädern und einem weitaus größeren Korb an. Darin wollte sie ihren Hund transportieren, der aber dann doch frühzeitig starb. Stattdessen passten aber ihre Enkel in die Box vor dem Lenker und der Einkauf. Und die Bewegung, die sie sonst mit den Hunden hatte, hat sie jetzt auf Rädern.

Einsatz für das Klima

Mittlerweile fährt sie ein kleineres Lastenrad. Die Enkelin passt noch immer rein, aber das E-Bike hat nur noch zwei Räder. Für den Anfang waren die drei Räder gut, sagt die 66-Jährige. Dann durfte es aber kompakter sein und dazu maßgeschneidert. 6000 Euro kostete das Rad. Eine hohe Summe und die Anschaffung wird nicht gefördert, wie sie kritisiert. Eine Förderung gibt es zwar, allerdings nur für Kommunen mit NO2-Grenzwertüberschreitungen. Die Werte für die Region um Halver waren für eine Förderung zu gut, sagt sie.

Aber noch immer günstiger als ein Auto in der Anschaffung und im Unterhalt. Mit der letzten Tankfüllung ihres Autos kam sie zwei Monate aus. Und noch mehr Einsparungen sind das Ziel. Wegen des Geldes, aber vor allem wegen des Klimas.
Mit ihrem Lastenrad fährt die Halveranerin durch den Märkischen Kreis und weit darüber hinaus. Für die kommenden Wochen ist eine Tour auf dem Ruhrtalradweg geplant. Er beginnt in Winterberg und endet in Duisburg. Es wäre ja gelacht, wenn sie und ihr Mann die Räder nach Winterberg brächten, erzählt Heidi Stuckenholz. Also fährt das Ehepaar zunächst von Halver nach Winterberg und dann bis nach Duisburg.

Wenig Abstellmöglichkeiten für Räder, also: Parken an jeder Laterne

Im Alltag fährt sie mit dem Rad einkaufen. „Jede Laterne ist meine“, sagt sie und lacht. Aber Fahrradständer gibt es nun einmal kaum in der Stadt, also nutzt sie, was Frankfurter Straße & Co. hergeben. Selbst ein Kasten Sprudelwasser passt rein –wenn es mal mehrere sind, nimmt sie ausnahmsweise das Auto. Zum Werkhof fährt sie auch regelmäßig. „Da kennt man mich schon.“ Letztens brachte sie ihren Grünschnitt aus dem Garten weg. Sie musste schmunzeln als sie die vielen Leute mit ihren SUVs neben ihr sah. „Muss das sein?“, fragt sie. Das es anders auch möglich ist, beweist sie zumindest.

Am Wochenende sind die Touren dann wieder länger. Gerne fährt sie ins Mesekendahl in Schalksmühle. Hin immer denselben Weg, zurück allerdings sucht sie sich mit ihrem Mann immer neue Wege und lernt ihre Heimatregion noch einmal ganz anders kennen. Sie erzählt von schönen alten Häusern im Wald, Höfen und Natur pur, die man mit dem Auto nicht sehen würde.

Was man auf dem Rad gerade mit Blick auf die derzeitige Verkehrssituation auch nicht hat, ist Stress. Kein Stau, kein Gedränge. Auf dem Rad macht es einfach nur Spaß, sagt die gebürtige Lüdenscheiderin. Wenn sie zu ihrer anderen Tochter nach Lüdenscheid fährt, bekommt sie den Stress der anderen allerdings ab. „Ich werde als Hindernis gesehen“, sagt die ehemalige Arzthelferin. Rücksichtslose Autofahrer haben sie schon einige Male in gefährliche Situationen gebracht. Etwa wenn Lkw sie überholen oder auch Pkw mit viel zu wenig Abstand. „Von Autofahrern die nur Zentimeter an mir vorbeirasen, um dann so kurz vor mir wieder einzuscheren, dass ich bald auf ihrer Stoßstange hing, bis zu Lkw, die mich wegen zu geringem Abstand förmlich ansaugen und fast zum Straucheln bringen oder mich in die Böschung drängen, war alles dabei.“

Ein Unfall soll der letzte gewesen sein

Als sie ihre Enkelin in den vergangenen Wochen betreuen musste, fuhr sie morgens um halb 7 Uhr mitten in den Berufsverkehr. „Es grenzte jeden Morgen an ein Wunder, dass ich unbeschädigt am Ziel ankam.“ Ihre Töchter, die auch gerne Rad fahren, trauen sich so manchen Weg noch nicht. Auch ihre Mutter musste lange trainieren, sagt sie. Erst war es nur eine Runde um den Block am Waldweg und Leyer Sonnenschein. Dann wurde der Radius immer größer und sie mutiger. Nur einmal ist sie gefallen, weil sie zu schnell an der Ampel angefahren ist und gegen den Bordstein fuhr. Sie fiel über den Lenker.

„Das war das erste und letzte Mal“, sagt sie. Seitdem hat sie viele Erfahrungswerte gesammelt. Fuhr sie anfangs noch immer sehr nah am Rand, macht sie sich heute breiter. „Ich bin auch Verkehrsteilnehmerin“, sagt sie klar. Sie erwartet Rücksicht. Um sich selbst zu schützen, fährt sie vor allem auf Straßen, die keinen Fahrbahnrand haben wie etwa in den Kurven von Halver nach Oeckinghausen, mehr in der Mitte, um Autos und Lkw zu zwingen auf eine freie Gegenfahrbahn zu warten. Würde sie weiter rechts fahren, ist das Risiko zu hoch, keine Ausweichmöglichkeiten mehr zu haben.

Sie fährt Rad, auch wenn die Stadt dafür nicht gemacht ist

Dass Halver und Umgebung einfach nicht für Radfahrer gemacht sind, sagt sie deutlich. Sie fährt trotzdem und erwartet wenigstens mehr Akzeptanz. Neidisch blickt sie derweil ins Bergische, etwa nach Wipperfürth, wo sie gerne zum Essen mit dem Rad hinfährt. Da haben Linienbusse oft einen Fahrradanhänger, Autofahrer nehmen Rücksicht und die Straßen sind für Radfahrer mitgedacht.

In Halver ist man weit davon entfernt, das weiß sie. Ohne elektrischen Antrieb war das Radfahren in Halver für sie im Alltag früher auch keine Option. Ein bisschen Verständnis hat man für das Radnetz im MK. Mit der Unterstützung aber geht es im bergischen Sauerland heute gut. „Trotzdem kaputt, aber glücklich“ sei man danach in jedem Fall. Dennoch: „Ich sehe nur wenige Fahrradfahrer, die verrückt oder mutig genug sind, aufs Fahrrad umzusteigen“, sagt die Halveranerin. Kinder würde sie auch nicht zur Schule fahren lassen. Radwegekonzept hin oder her. „Das ist zu gefährlich.“ Erwachsene sollten noch mitfahren.

„In Halver, Lüdenscheid, Kierspe und Schalksmühle – die Orte zwischen denen ich mit dem Lastenrad unterwegs bin – wird es wohl noch lange dauern bis man sich als Fahrradfahrer sicher bewegen kann. Ich hoffe ich werde es noch erleben und werde nicht vorher platt gefahren.“

Denn ans Absteigen denkt sie nicht. Sie empfiehlt das Lastenrad auch allen weiter. „Es ist einfach genial“ Mehr als 5000 Kilometer hat sie mit ihrem zweiten Lastenrad bereits hinter sich gebracht. Und die Rente hat gerade erst richtig begonnen.

Lastenrad leihen

Für alle, die neugierig geworden sind: Ab Montag, 1. August, kann in Halver das Lastenrad „Balu“ ausgeliehen werden. Reserviert und gebucht werden kann es unter www.lastenrad-halver.de

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