Insektenschutzgesetz

Landwirte halten Mahnwache in Bonn: „Wir wollen nicht aussterben“

Klare Botschaften: „Landwirt vom Aussterben bedroht“. Weil das aber keinem auffällt, veranstalten die Landwirte eine viertägige Mahnwache. Sie wollen mitreden.
+
Klare Botschaften: „Landwirt vom Aussterben bedroht“. Weil das aber keinem auffällt, veranstalten die Landwirte eine viertägige Mahnwache. Sie wollen mitreden.

Insekten werden jetzt durch ein Gesetz geschützt. Zum Leidwesen der Landwirte. Das sagen Landwirte aus dem MK zu dem Vorhaben den Umweltministeriums.

Es ist morgens, fast noch Nacht. Um 4.30 Uhr fahren Uwe Schulze und Heiner Born mit dem Traktor los nach Bonn. Ziel: das Umweltministerium. Uwe Schulze ist Landwirt aus Halver, Heiner Born der Leiter des Ortsverbands der Initiative „Land schafft Verbindung“ (LSV). Beide führen einen Milchviehbetrieb.

Der Breckerfelder Born war es, der die Treckertour durch den Kreis im Dezember organisiert hatte, die viele Menschen an den Rand der Straßen lockte, um die mit Lichtern behangenen Landmaschinen zu bestaunen. Dann wurde es wieder still um die Landwirte. Die medienwirksame Aura: erloschen. „Die Bauern sind allen scheißegal“, sagt Heiner Born.

Gegen 7 Uhr kommen die beiden Landwirte in Bonn an. Sie bleiben drei Nächte. Nachts schlafen sie bei minus 12 Grad im Planwagen. Feuertonnen helfen, die Kälte zu überstehen. Ein Stromaggregat und einen Toilettenwagen haben die Sauerländer ebenfalls für die Mahnwache vorm Umweltministerium am Robert-Schuman-Platz organisiert. Dutzende Landwirte kommen zusammen und bleiben über Nacht, andere, die keine weite Anreise haben, fahren abends und kommen jeden Tag wieder.

Worum geht es?

Am 10. Februar wurde das Aktionsprogramm Insektenschutz vom Bundeskabinett beschlossen. Jetzt muss es noch durch den Bundesrat. Bleibt es so, wie es ist, ist der Landwirt ein Stück mehr vom Aussterben bedroht, sagt Heiner Born. Es geht um FFH-Gebiete. Das sind spezielle europäische Schutzgebiete in Natur- und Landschaftsschutz, die nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie ausgewiesen wurden. Sie dienen dem Schutz von Pflanzen (Flora), Tieren (Fauna) und Lebensraumtypen (Habitaten). Vorab: Diese Flächen gibt es in Halver noch nicht. Vor allem am Niederrhein aber sind die Landwirte bereits jetzt davon betroffen.

In den Gesetzesänderungen entstehen Flächenentwertungen und starke Einschnitte nur aufseiten der Landwirtschaft, heißt es dazu vom LSV. Konsequenzen ergeben sich bei den weiteren Verursachern für Insektenrückgänge nicht. Dazu zählt Heiner Born Lichtverschmutzung, Klimaveränderung und Flächenversiegelung auf. „In den vergangenen 30 Jahren wurden 1 Million Hektar landwirtschaftliche Fläche zubetoniert“, sagt Born. Straßen und Neubaugebiete sind entstanden – und all diese Flächen sind nachts beleuchtet. „Diese Sachen werden einfach ausgeblendet. Und wir sollen das ausbaden.“

Die Bauern sind allen scheißegal.

Heiner Born

Bundesumweltministerin Svenja Schulze sagt dazu: „Mein Gesetz betrifft erstmals auch Bereiche jenseits der Landwirtschaft wie die Lichtverschmutzung.“ Der Bund will daher Regelungen zur weiteren Eindämmung der Lichtverschmutzung vorbereiten, die Produktion von insektenfreundlichen Leuchtmitteln begünstigen und eine Vorbildfunktion einnehmen, wie es im Aktionsprogramm heißt.

Alles andere im Programm betrifft Landwirte. In FFH-Gebieten soll es verboten werden, Insektizide und Herbizide einzusetzen, Abstände zu Gewässern müssen eingehalten werden. Mindestens 1,3 Millionen Hektar – das sind acht Prozent der Nutzflächen in Deutschland zur Nutzung und zur Ernährungssicherung – gehen so verloren, erklärt Born. Einen Ausgleich gibt es nicht. „Das ist Enteignung.“

Eine Feuertonne hält die Landwirte bei der viertägigen Mahnwache warm.

Der Anbau von Zuckerrüben und Raps, der wichtig als Alternative zu Soja aus Südamerika ist, käme zum Erliegen. Was folgt, wenn kein Pflanzenschutzmittel mehr eingesetzt werden darf, ist die mechanische Bekämpfung. Bodenbrüter wie der Kiebitz werden dadurch ausgerottet, meint Heiner Born. „Das Programm ist nicht durchdacht und basiert rein auf ideologischen Vorstellungen.“ Ertragsverluste seien die Konsequenz. Wenn Landwirte weniger Fläche haben, haben sie auch weniger Möglichkeiten, um Gülle auszufahren. Dann müssen Viehbestände reduziert werden. „Der Rattenschwanz ist lang.“ Fakt ist für die Landwirte: „Das Gesetz wird kein Insekt schützen.“ Aber Insekten müssen geschützt werden. Das sagt auch Heiner Born. „Das Insektensterben ist unbestritten.“ Die Landwirte wollen die Insekten schützen und tun es bereits, sagt Born. In Form von Blühstreifen beispielsweise oder auch indem nachts Pflanzenschutzmittel aufgetragen wird – statt tagsüber. Und es gibt noch mehr Möglichkeiten, die keine Existenzen bedrohen, sagt Born. Er wünscht sich eine kooperative Zusammenarbeit mit der Politik. „Wir wollen mit Leuten an einem Tisch sitzen und nicht von oben herab Verordnungen bekommen.“ Regionale Lösungen und Ziele soll es geben.

Werden Landwirte in Deutschland und Europa weiter eingeschränkt, wird die Folge sein, dass immer mehr in Südamerika produziert wird. „Der Regenwald brennt“, sagt Heiner Born. Politiker denken nur in Deutschland-Grenzen, schützen die Insekten in Deutschland, sehen aber nicht, was dadurch in anderen Ländern passiert. „Das ist derselbe Planet. Das ist auch unsere Umwelt.“

Gespräche mit Politikern

In Bonn kommen Politiker und Mitarbeiter des Ministeriums zu den Landwirten. Unter anderem mit Ursula Heinen-Esser unterhält sich Born. Auch er ist in der Politik aktiv und zog als CDU-Kandidat in den Breckerfelder Stadtrat ein. Armin Laschet ist verhindert, lässt die Landwirte aber wissen: „Das kann so nicht durchgehen.“ Aber Born sagt, in Corona-Zeiten können solche Beschlüsse schnell gehen – und keiner bekommt es mit. Die Aufmerksamkeit fehlt wie für viele andere Dinge. „Wir wollen nicht aussterben“, sagt Born, und hofft, der Bundesrat stimmt dem Aktionsprogramm nicht einfach zu.

Aktionsprogramm Insektenschutz

Um den zentralen Ursachen des Insektensterbens entgegenzuwirken und die Lebensbedingungen für Insekten in Deutschland wieder zu verbessern, setzt das Aktionsprogramm Insektenschutz auf die Umsetzung konkreter Maßnahmen in neun Handlungsbereichen.
Dazu zählt: Ein Insektenschutz-Gesetz und parallele Rechtsverordnungen mit Änderungen im Naturschutzrecht, Pflanzenschutzrecht, Düngerecht sowie Wasserrecht. 100 Millionen Euro pro Jahr mehr für die Förderung von Insektenschutz.
Handlungsbereich 1: Insektenlebensräume und Strukturvielfalt in der Agrarlandschaft fördern. Handlungsbereich 2: Lebensräume für Insekten in anderen Landschaftsbereichen wiederherstellen und vernetzen. Handlungsbereich 3: Schutzgebiete als Lebensräume für Insekten stärken, Handlungsbereich 4: Anwendung von Pestiziden mindern.
Handlungsbereich 5: Einträge von Nähr- und Schadstoffen in Böden und Gewässer reduzieren, Handlungsbereich 6: Lichtverschmutzung reduzieren. Handlungsbereich 7: Forschung vertiefen, Wissen vermehren, Lücken schließen. Handlungsbereich 8: Finanzierung verbessern – Anreize schaffen. Handlungsbereich 9: Engagement der Gesellschaft befördern. Das ganze Programm gibt hier.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare