Bauernproteste in Berlin

Mit dem Trecker nach Berlin - Landwirt will ein Zeichen setzen

+
Uwe Schulze ist mit seinem Traktor nach Berlin zur Bauerndemonstration gefahren. Er war früh da und stand weit vorne.

Halver/Berlin - Der Halveraner Landwirt Uwe Schulze fuhr zum Bauernprotest nach Berlin. Mit dem Trecker. Uns erzählte er von seiner Fahrt und seinen Erlebnissen in der Hauptstadt.

15 000 Trecker standen zwischen dem Brandenburger Tor und der Siegessäule in Berlin vergangene Woche Dienstag. Der Protest der Bauern erreichte eine neue Dimension. Ganz vorne am Tor stand Uwe Schulze aus Halver mit seinem grünen Trecker. Auf rund zehn Kilometern standen sechs Reihen Trecker hintereinander. Zwischen ihnen liefen Menschen. Sie kamen aus ganz Deutschland. Die offizielle Zahl der Polizei: 40 000. 

Uwe Schulze hatte eine der längsten Anreisen. Er ist in Halver am Montagmorgen um 4.15 Uhr gestartet. 18 Stunden später kam er in Berlin an. Seine Durchschnittsgeschwindigkeit: 36 km/h. „Das war ein Erlebnis“, sagt er im Nachgang. 

Mahnfeuer aus Solidarität

Fahren konnte der Landwirt nur, weil er nicht so viele Tiere zu bewirtschaften hat wie seine Kollegen aus Halver. Um die neun Milchkühe und etwa gleich viele Jungtiere kümmerte sich seine Frau Petra. Aus Solidarität haben die Halveraner Landwirte insgesamt acht Mahnfeuer angezündet und waren zum Teil auf einer Kundgebung in der Hagener Innenstadt. 

Statt Halveraner Landwirte hatte Uwe Schulze Kollegen aus dem Soester Ortsverein auf dem Weg nach Berlin eingesammelt. Mit Halten in Fröndenberg, Westend und Erwitte fuhren zehn Personen auf acht Treckern in Kolonne in die Hauptstadt. Ganz hinten fuhr Uwe Schulze. An seinem John Deere hing ein Schild mit der Aufschrift „Sorry! Aber sonst werden wir nicht gehört.“ 

Keine Lust mehr auf Verurteilungen

Fährt man in Halver zum Hof von Uwe Schulze, muss man von der B229 links Richtung Anschlag abbiegen. Auf dem gelben Schild steht nicht nur Anschlag, sondern auch „Gülle area“, also „Gülle Bereich“, geschmiert. Auf Stopp-Schildern in Halver klebt die Aufschrift „stop eating animals“, also: „Hört auf, Tiere zu essen“. Uwe Schulze hat keine Lust mehr, verurteilt zu werden. 

Er will nicht mehr, dass seine Kinder und die Kinder seiner Kollegen in der Schule gemobbt werden. Und: Er will von der Politik fair behandelt werden. „Wir werden immer als die Schuldigen hingestellt“, sagt er. „Es reicht.“ Schon zur Demonstration in Bonn ist er vor einigen Wochen mitgefahren. Berlin war für ihn eine Selbstverständlichkeit. Anders als in Bonn, trat diesmal die Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) auf die Bühne. Er hatte freien Blick auf die Bühne. Denn er befestigte einen Klappstuhl auf dem Dach seines Treckers und konnte so über die Menge hinweg auf die Bühne blicken. 

Zu Beginn ihrer Rede an die Bauern habe sie sich an ihrem Zettel festgehalten, sagt Uwe Schulze. Er sah nicht nur Svenja Schulze ins Gesicht. Sondern auch den Menschen, die vor der Bühne standen. Aus Protest hätten sie sich von der Bühne abgewendet. „Sie waren ganz still“, sagt Uwe Schulze. Man habe die Ministerin ausreden lassen. Aber zugehört habe man ihr nicht. Dann legte sie ihren Zettel weg und ging auf die Bauern ein. „Das fand ich richtig gut“, sagt Uwe Schulze.

Bauern buhen Ministerin aus

Er setzt seine Brille auf, die an jedem Bügel durch ein Band gesichert ist. Nimmt sein Handy in die Hand und sucht in mehreren WhatsApp-Gruppen nach einem bestimmten Video. In der Gruppe „Soest – Berlin“ wird er dann fündig. Eine blonde Frau mit Brille steht auf der Bühne und hält ein Mikrofon in der Hand. Sie spricht von 114 Euro von jedem Bürger. Geld, das jedes Jahr in die Landwirtschaft fließen würde. Dieses Geld bezeichnete sie als „Zeichen des Respekts“. Das Video wird laut. Die Bauern buhen die Ministerin aus. Sie wartet darauf, dass es wieder still wird. Doch es bleibt laut. Sie sagt etwas ins Mikrofon, das niemand mehr verstehen kann. Am Ende die Worte „vielen Dank“. Sie verlässt die Bühne. „Wie ein beleidigtes kleines Kind“, sagt Uwe Schulze, schüttelt den Kopf und legt das Handy weg. 

58 Milliarden Euro EU-Agrarsubventionen fließen jedes Jahr in die Landwirtschaft – das sind umgerechnet 114 Euro von jedem Bürger. Von diesem Geld sprach Svenja Schulze. Ja, ein Teil dieses Geldes geht direkt an die Landwirte. Wer viel Land hat, bekommt viel Geld. Wer wenig Land hat, fast nichts. Davon leben und die Umwelt schützen kann weder der eine noch der ander – so die Kritik der Bauern. 

Auf dem Markt wurde Uwe Schulze auf seinen Protest angesprochen. „Was wolltest du denn in Berlin?“, fragte ihn einer. Bevor er selber antworten konnte, antwortete ein anderer: „Na, seine Subventionen abholen. Was sonst?“ Genau darum gehe es eben nicht, sagt Uwe Schulze. In Bonn, Berlin und vielen anderen Städten Deutschlands demonstrieren die Bauern gegen das Agrarpaket und die darin geplanten Düngeregeln – im Großen und Ganzen gegen eine Reihe Umweltauflagen, die die Bauern erfüllen müssen, weil sie als wesentlicher Verursacher des Artensterbens und der zu hohen Nitratwerte gelten. 

Die Landwirte tragen keine alleinige Schuld

Dass die Landwirte die Buhmänner sein sollen, kann und will Uwe Schulze nicht mehr akzeptieren. Er sieht weder bei sich noch bei seinen Kollegen die Schuld – erst recht nicht die alleinige. Die Landwirte sind von den Insekten abhängig, sagt der 55-jährige Halveraner. Wer, wenn nicht sie, haben ein Interesse daran, das Artensterben aufzuhalten. 

In den Gruppen von Uwe Schulze werden täglich Artikel und Videos geteilt. Solche, die alle Argumente umdrehen oder entkräften. Solche, die die Schuld den anderen geben. Eben solche, die noch mehr Fragen aufwerfen. Für Außenstehende ist es schwer, sich eine Meinung zu bilden. Denn klare Lösungen fehlen auf beiden Seiten. Fakt ist: Die Bauern lassen sich den Umgang mit ihnen nicht mehr gefallen. Schwierig in einer Gesellschaft, die immer stärker auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz bedacht ist.

"Land schafft Verbindung"

Zu Zeiten von Fridays for Future und Extinction Rebellion. An dieser Stelle scheint sich die Gesellschaft zu spalten. Die Halveraner Landwirte halten jedoch zusammen. Sie wollen aufklären und vermitteln. Der Zusammenschluss „Land schafft Verbindung“ – eine Vereinigung aus mehreren Tausend Bauern – will reden. Insgesamt gibt es 40 Abteilungen in Deutschland. Jeweils zwei Mitglieder der Ortsvereine wurden zu Tisch gebeten. Zum Agrargipfel mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Für die Vereinigung zumindest ein Zeichen in die richtige Richtung. Was diese Gespräche am Ende ergeben, wird sich zeigen, sagt Uwe Schulze. 

Er ist sich sicher, dass die Proteste etwas bringen. Nach zwei Übernachtungen in Berlin ist Uwe Schulze wieder nach Hause gefahren. „Aber wir sind noch nicht fertig“, sagt er. Nach Bonn und Berlin soll bald eine dritte Stadt mit „B“ folgen. Brüssel.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare