Kunstbetrieb in großen Problemen 

Corona krempelt die Kulturszene um: "Es wird uns ärmer machen"

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Halver – „Vielen Dank für ein kleines Licht in dunklen Zeiten“ haben die Akteure ins Gästebuch der städtischen Kulturzeit geschrieben. „Flaschenmusik vom Feinsten“ hatte das GlasBlasSing-Quintett aus Berlin zuvor hingelegt.

Doppelvorstellung aus Abstandsgründen wegen Corona. Erste Veranstaltung der Halveraner Kulturzeit seit Mitte März. Erster Auftritt des Ensembles seit dem Lockdown. 

Die Techniker von „Noise Toys“ aus Remscheid mussten am Mittwoch sturmbedingt warten. Das haben sie gerne gemacht. Erster Job seit dem Kultur-Corona-Crash. Seitdem: Kurzarbeit. 

Inge Zensen, Kulturbeauftragte der Stadt Halver, war auch tags drauf noch emotional mitgenommen. Ihr ehrenamtlicher Kulturjob bringt sie in Kontakt zur Kunst- und Kulturszene, zu den Künstlern selbst und deren Agenturen. Als sie sich von den Technikern von „Noise Toys“, mit denen die Stadt Halver gerne und verlässlich zusammenarbeitet, im Frühjahr verabschiedete, ahnte niemand, dass man sich erst nach einem halben Jahr wieder sehen würde. 

In einer Agentur, mit der sie häufig spricht, hatte es geheißen: „Mal sehen, ob es uns nach dem Sommer noch gibt.“ Aus ihren Kontakten weiß sie um den Umbruch der Szene. „Manche sind auf Hartz IV oder haben den Job komplett gewechselt.“ Ob sie überhaupt wieder zurück auf die Bühne kommen, ist ungewiss. Klar ist für sie eines: „Corona wird uns ärmer machen.“ 

In einer Branche, wo vieles ohnehin auf Kante genäht ist, werden viele nicht durchhalten, und das werde sich niederschlagen auf das, was die Städte, Gemeinden oder private Veranstalter präsentieren können. Und es kommt mehreres zusammen. Wenn Kommunen ihre Veranstaltungsstätten aus Angst vor Infektionen gar nicht erst öffnen, ist das eine Sache. Doch der ohnehin in jeder Kommune zuschussbedürftige Kulturbetrieb, wenn er denn stattfinden kann wie jetzt in Halver, läuft noch tiefer ins Defizit. 

Die Besucher sind hungrig nach Kultur, hat Inge Zensen gemerkt und freut sich auf das zweite Halbjahr mit einem dichten Programm. Und sie ist begeistert von den Verantwortlichen im Rathaus. „Die tun wirklich alles, damit das stattfinden kann“, sagt sie über die Unterstützung seitens der Stadt. Denn sie weiß, dass das nicht überall so läuft. Und auf der anderen Seite stehen die Künstler, die endlich wieder auftreten möchten, die über Monate an ihre Rücklagen gegangen sind. 

Angesichts der nur geringen zulässigen Besucherzahlen sieht ein Szenario wie für das Quintett der letzten Woche dann so aus: Anreise mit dem Transporter aus Berlin, acht Stunden Anfahrt wegen Sturm und damit Verspätung. Proben bis kurz vor dem ersten Auftritt, kurze Pause mit kalter Pizza, dann Auftritt Nummer zwei, weil nur 100 Gäste in die Aula dürfen. Rückfahrt nach Berlin am nächsten Tag. Sonst, ohne Corona, hätten Folgebuchungen in der Umgebung stattgefunden. „Ein Riesenaufwand“, sagt Inge Zensen, „aber da ist kaum etwas für die Künstler hängen geblieben.“ 

Ohne kulturelles Angebot verarmen die Städte, das weiß sie aus zehnjähriger Tätigkeit als Kulturbeauftragte, ständig auf Suche nach Perlen, die sie dem Halveraner Kulturleben präsentieren kann. Um so wichtiger sei, dass die Bürger diese Angebote auch wahrnehmen und die Kunstschaffenden damit unterstützen. „Wir können nur helfen, wenn wir die Leute hier auftreten lassen“, ist Zensen überzeugt. „und ich kann nur hoffen, dass die Bürger in Halver Karten und Abos kaufen.“ Doch das führt zum nächsten Problem. Die Zuschauer- und Zuhörerkapazitäten sind wegen des Abstandsgebots begrenzt. Statt volles Haus bei 300 Gästen ist bei 100 Schluss. 

Wie sich die Vorgaben weiter entwickeln, ist nicht absehbar. Entmutigen lässt sie sich jedenfalls nicht. Drei Veranstaltungen hat sie von der ersten in die zweite Hälfte der Spielzeit verschieben können. Das Programm bis zum Jahresende ist dichter denn je. Was in der nächsten Saison über die Bühne geht, hat sie schon in der Zeit vor Corona akquiriert. Sie wird es demnächst dem Kulturausschuss vorstellen. Das die Umstände schwierig sind und zunächst auch so bleiben werden, ist ihr völlig klar. Aber: „Wir werden uns immer neu beraten und immer besser werden.“

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