188 Kündigungen bei Jung, Boucke

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Bei Jung, Boucke geht es jetzt nicht mehr um die Produktion, sondern um Sozialplan und Abwicklung.

Halver - Der 30. Oktober wird definitiv der letzte reguläre Produktionstag bei Jung, Boucke sein. Ein großer Teil der 188 Beschäftigten steht damit vor einer ungewissen Zukunft. Maximal drei Monate betragen die Kündigungsfristen.

Am Donnerstag sei die Belegschaft über das bevorstehende Ende in einer Versammlung informiert worden. Eine Betriebsversammlung stehe Mitte kommender Woche an, sagte Betriebsratsvorsitzender Klaus Zeisler auf Anfrage des Allgemeinen Anzeigers. Die nächsten Fragen, die zu klären seien, beträfen die verfügbaren Mittel für Abfindungen und unter Umständen die Bildung einer Transfergesellschaft, wenn noch Geld dafür vorhanden sein sollte. Nicht auszuschließen sei, dass noch einige der Kollegen nach Ende des Monats Oktober Restarbeiten abwickeln würden, doch im Übrigen sei klar, „dass am 30. Oktober der letzte Hammer fällt“.

Gute Chancen für die sechs Azubis

Die Mitarbeiter erhielten jetzt ihre Kündigungen. Aufgrund des laufenden Insolvenzverfahrens fallen Kündigungsfristen auch bei lang andauernder Beschäftigung kurz aus. Wer länger als acht Jahre dabei ist, bekommt noch drei Monate Geld, bei einer kürzeren Betriebszugehörigkeit sind es noch zwei Monate. Eine vorsichtig positive Prognose stellt der Betriebsratschef für die zuletzt sechs Auszubildenden der Firma. Für sie bemühten sich die Industrie- und Handelskammer und die Insolvenzverwaltung um die Fortsetzung der Ausbildungsverträge. „Die bringt man in der Regel unter“, hofft Zeisler für die jungen Kollegen.

Anfragen anderer Betriebe

Auch die qualifizierten Fachkräfte des Traditionsunternehmens werden nicht chancenlos sein in der Region. Es gebe direkte Anfragen anderer Betriebe gleich nach mehreren Schmieden oder Werkzeugmachern. Einige weitere Kollegen hätten sich in den vergangenen Wochen und Monaten bereits selbst neu orientiert. „Dafür ist auch niemandem ein Vorwurf zu machen.“

Werker wohl nur schwierig zu vermitteln

Problematischer könnte es werden für die Werker, die zwar viel Berufserfahrung einbringen könnten, aber ohne spezielle Qualifizierung für Jung, Boucke tätig waren. „Da können die in Berlin viel erzählen“, zweifelt Zeisler an den Bemühungen, auch Mitarbeiter im Alter von Mitte 50 auf dem Arbeitsmarkt unterzubringen.

2011 schon einmal in der Insolvenz

Die Entwicklung bedeute insofern einen schweren Schlag auch für die Stadt Halver. Erst habe es Volkenrath mit rund 60 Beschäftigten getroffen, „und bei uns sind es jetzt drei Mal so viele“. Die Entwicklung des Automobilzulieferers ist umso bitterer, weil man sich 2011 bereits einmal in der Insolvenz befunden und in Eigenverantwortung weitergearbeitet habe. „Seit 2006“, sagt Zeisler, „haben wir einen Sondertarifvertrag nach dem nächsten ausgehandelt.“ Bestandteil seien jedesmal erhebliche Beiträge der Arbeitnehmerseite gewesen. Mit dem Verzicht auf Weihnachtsgeld, auf Urlaubsgeld, auf Gehaltserhöhungen und mit freiwilliger Mehrarbeit hätten sich die Kollegen eingebracht. Es gehe um einen Beitrag „in annähernd zweistelliger Millionenhöhe“, den die Kollegen geleistet hätten.

Lohnverzicht, aber kaum Investitionen

Passiert sei im Gegenzug nichts. Zeisler vermisst Investitionen in Maschinen und Anlagen sowie Konzepte für nötige Veränderungen, die die Arbeitnehmerseite in jeder Verhandlungsrunde auch eingefordert habe. „Es ist so gut wie nichts investiert worden, obwohl das Bedingung war.“ Vor diesem Hintergrund fällt seine Bewertung auch eindeutig aus: „Die Hauptschuld liegt bei der Geschäftsleitung, ich bin gespannt, wer sich da verantwortlich zeigen wird.“

Die Schlinge zog sich immer weiter zu

Das Urvertrauen verloren - Ein Kommentar

Die Schlinge um Jung, Boucke hatte sich in der zurückliegenden Zeit immer weiter zugezogen. Ziel der zweiten Insolvenz sei konkret die Suche nach einem Investor gewesen. Unter mehr als 15 Interessenten seien dann die Favoriten herausgesucht worden – bis hin zu einem fertigen Vorvertrag. Ein indischer Investor hatte ursprünglich alle Mitarbeiter übernehmen wollen, ein Amerikaner noch mehr als 100, zum Schluss sei ein deutsches Unternehmen mit 63 Arbeitsplätzen übrig geblieben. Als das absprang, habe der Insolvenzverwaltewr die Produktion fortführen wollen, „aber dann haben die Kunden nicht mehr mitgemacht“.

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