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Kriegs-Leichen: Schüler besuchen kontroverse Ausstellung und reden mit dem Künstler

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Von: Sarah Lorencic

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Hautnahe Einblicke: Schüler besuchen die Ausstellung der Leichen-Torsi am Fußweg der Villa Wippermann in Halver.
Hautnahe Einblicke: Schüler besuchen die Ausstellung der Soldaten-Torsi am Fußweg der Villa Wippermann. © Sarah Lorencic

Es sind hautnahe Einblicke, die Künstler Horst Solf den Schülerinnen und Schülern des Anne-Frank-Gymnasiums gibt. So hautnah, dass vereinzelte das Zelt verlassen. Etwa als es um den Torso geht, der eine hochschwangere Frau darstellt, deren Bauch aufgeschlitzt wurde.

Halver – „Es ist das Schrecklichste, wozu der Mensch fähig ist.“ Der 80-jährige Künstler erklärt und steht Rede und Antwort zu seiner Ausstellung. Ein Kunstunterricht der anderen Art.

Die frei zugängliche Ausstellung im Park der Villa Wippermann auf dem Fußweg zum Spielplatz polarisiert, denn sie konfrontiere vor allem Kinder unvorbereitet. Horst Solf findet das Stadtgespräch gut. „Wenn eine Arbeit keine Reaktion anstößt, ist sie bedeutungslos“, sagt er und erklärt weiter, „Kunst kennt keine Moral, keine Einschränkungen“. Mit seiner Ausstellung will er sensibilisieren und appellieren. Vor allem an die Jugend: „Ihr steht vor einer unglaublichen Herausforderung“, sagt er den Besuchern. „Ihr seid die Zukunft.“

In der Ausstellung geht es um die Vergangenheit von Horst Solf, wenngleich sie einen aktuellen Bezug hat. Es sei keine Aufarbeitung seiner Erlebnisse, wie er betont. Aber die Ausstellung „Mensch Macht“ zeigt Dinge, die er gesehen hat: Als Vierjähriger war er mit seiner Mutter auf der Flucht aus Schlesien. Immer wieder, erzählt er, lagen am Wegesrand tote Soldaten. Als kleiner Junge, die Situation nicht fassend, zog es ihn zu den bunten Abzeichen an der Kleidung der Leichen. Ein Abzeichen hat er abgerissen. Es war noch ganz, aber „das Gesicht des Soldaten war zerfetzt“. „Nur noch Fragmente von Körpern“ lagen entlang des Weges Richtung Deutschland im Jahre 1945. Wie alle Torsi auf dem Fußweg an der Villa Wippermann.

1984 wurde die Neutronenbombe publik, die versprach, keinen Sachschaden anzurichten, sondern nur Leben auszulöschen, erinnert sich Solf. Bezogen darauf tragen einige der Torsi noch einen Helm, während der Körper zerstört ist. Er war damals erschüttert, sagt er. Der Kalte Krieg prägt die Ausstellung und die bittere Realität: „Wenn ein Mensch angeschossen wird, ist da kein Loch. Der Körper wird zerfetzt.“ Nicht nur Kunst, sagt Solf, auch „der Krieg kennt keine Moral, keine Grenzen“.

Ausstellung von Horst Solf in Halver: Leichen von Soldaten und Zivilisten aus Gusseisen.
Leichen von Soldaten und Zivilisten aus Gusseisen. © Sarah Lorencic

Der Künstler kann verstehen, dass es für manch einen Betrachter zu viel ist. Aber das Jahrzehnte alte Projekt hat an Aktualität leider nicht verloren, sagt Solf mit Blick in die Ukraine. „Auch jetzt hat politische Rhetorik nichts gebracht, die Waffen sprechen.“ Wie damals. „Die Ausstellung zeigt die Ergebnisse, wenn Waffen sprechen.“

Den Abiturienten erzählt er von den Aufgaben von Kunst. Eine ist es, sich um die Wahrheit zu bemühen. So schrecklich sie auch ist. Doch „die Ausstellung soll keine Angst machen“, ganz im Gegenteil. Sie soll motivieren, die Zukunft besser zu machen.

Für Lehrerin Dörte Pollmann verbinden sich viele Aspekte in der Ausstellung. Der Umgang mit der Wirklichkeit sei das übergeordnete Thema beim diesjährigen Abitur. In der Schule sei man zur aktuellen Lage oft sprachlos, gar in einem Sprachfindungsprozess, erklärt die Kunst- und Deutschlehrerin.

Wenn ein Mensch angeschossen wird, ist da kein Loch. Der Körper wird zerfetzt.

Horst Solf Künstler

Die Ausstellung ist keine Antwort auf Fragen, sagt Dörte Pollmann. Vielmehr kann sie helfen, ins Gespräch zu kommen und Gedanken zu artikulieren zu einer derzeitigen Situation, die sprachlos macht.

Auch bei der Ausstellung fehlen den Schülern die Worte, wie sie sagen. „Das nimmt einen mit“, sagt eine weitere Schülerin. „Gänsehaut“ steht in einem Notizblock zu den gusseisernen Leichen. Ein Material, aus dem auch heroische Kriegsmahnmale gemacht sind, wie die Kunstlehrerin erklärt. „Was wollen wir unseren Kindern zeigen?“ Die Realität oder doch Verherrlichungen? Bei kleinen Kindern versteht sie jedoch die Distanz.

Möglich ist diese nur, wenn man den Weg nicht benutzt. Den Ort hat Horst Solf bewusst gewählt. Der Publikumsverkehr ist gewünscht, sagt er. „Kunst muss da hin, wo es frequentiert ist.“ Auch das Zelt über den Torsi ist kein Schutz vor Wettereinflüssen, sondern soll ein Lazarett darstellen. Doch helfen kann man den Menschen nicht mehr. Oder doch?

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