Krämers liebevolle und gemeine Spitzen

Sebastian Krämer machte auch am Flügel eine gute Figur. ▪ Krüger

HALVER ▪ Vielleicht hätte Sebastian Krämer einmal einen kleinen Rundgang durch die Stadt machen sollen, in der er am Freitagabend auftrat. „Gibt’s überhaupt einen Kaufhof in Halver?“, erkundigte sich der Wahl-Berliner in jungenhaft-naivem Tonfall, als er sich im Zugabenteil anschickte, ein Lied über diese Kaufhaus-Kette anzustimmen. Das Publikum in der Aula des Anne-Frank-Gymnasiums bog sich vor Lachen.

„Die brillanteste Pointe des Abends“, stellte der Hauptstädter mit ostwestfälischen Wurzeln verschmitzt fest. „Sie müssen bis nach Hagen fahren, wenn Sie in die Galeria wollen? Tut mir leid, das wusste ich nicht“, sagte der 35-Jährige, um dann nach einer Kunstpause ins Mikrofon zu murmeln: „Jetzt wird mir so manches klar.“

Sein Programm „Krämer bei Nacht“ enthielt viele spontan eingeflochtene, versteckte Spitzen gegen das Publikum. Doch noch lieber richtete der Kabarettist, Pianist und Sänger seine Ironie gegen sich selbst. So stellte er die These auf von der „Dichtung als Kommerzialisierung des Wortes“ und erklärte gleich hinterher den Zuhörern: „Darum war der Abend so teuer.“

Allerdings ist jemand wie Sebastian Krämer mit seinen hervorragenden sprachlichen Fähigkeiten auch sein Geld wert. Mit weicher Stimme entwarf er in Halver zu Bänkelsänger- oder Chanson-Melodien vordergründig romantische Bilder. Doch darin taten sich tiefe Brüche innerhalb und zwischen den Personen auf. Da zwinkerte manchmal sogar etwas Tucholsky’sches hindurch. „Wovon träumst du jetzt gerade?“, fragte Krämer als treu sorgend, liebender Mann. Dessen Angebetete ließ den Guten schuften und dankte es ihm damit, dass sie sich auf der Couch ausstreckte und zu schnarchen anfing. „Kennst du eigentlich Freddy Krueger? Fiel mir gerade so ein“, führte Krämer das Lied fort, um dann erst selbst anzustimmen: „Ich will in deinen Träumen bei dir sein!“, um diese Zeile dann noch ein paar Mal vom Publikum nachsingen zu lassen.

Die Nacht war der rote Faden, der sich durch die vielen Lieder und einzelnen gesprochenen Stücke zog, und außerdem, so Krämer weiter, hatte er zu jedem Thema „ein altes und ein neues Lied“ ausgesucht. Zwar nutzten sich die Pointen des Sich-selbst-ironisch-Nehmens nach der Pause etwas ab. Doch bei den Zugaben – einer von einer Frau aus dem Publikum gewünschten Hass-Erklärung an Deutschlehrer, die „Bushido und Xavier Naidoo hätten verhindern können“ und der Liebeserklärung an eine Kaufhof-Verkäuferin – lief Krämer noch einmal zu großer Form auf. ▪ Axel Krüger

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