Kommunalwahl 2020

Eine Frage, zwei Antworten: Die Bürgermeisterkandidaten im Interview

Die Bürgermeisterkandidaten Michael Brosch und Markus Tempelmann bekamen unabhängig voneinander dieselben Fragen gestellt.
+
Die Bürgermeisterkandidaten Michael Brosch und Markus Tempelmann bekamen unabhängig voneinander dieselben Fragen gestellt.

Halver - Wahlkampf in Zeiten von Corona ist für alle neu. Dennoch steht den Halveraner Bürger im September die Kommunalwahl bevor, für die es zwei Bürgermeisterkandidaten gibt.

Die Bürgermeisterkandidaten Michael Brosch und Markus Tempelmann bekamen unabhängig voneinander dieselben Fragen von Redakteurin Sarah Lorencic gestellt. Das sind ihre Antworten. 

Sie wollen Halvers Bürgermeister werden beziehungsweise bleiben. Warum? 

Michael Brosch: Bürgermeister zu sein ist kein normaler Job, sondern eine Berufung. Zum einen geht es mir darum, unsere Heimatstadt behutsam weiterzuentwickeln. In den vergangenen Jahren hat sich Vieles in Halver verändert. Die Umsetzung der Regionale-Projekte, das Einkaufszentrum am Bahngelände, die Schulentwicklung, große Fortschritte bei der Sanierung von Straßen und Gebäuden einschließlich Aussichtsturm und vieles mehr bei gleichzeitiger Konsolidierung der städtischen Finanzen waren nicht immer eine einfache Aufgabe. 

Das Einkaufszentrum am Bahngelände.
Zum anderen macht mir der Umgang mit den Menschen und deren Anliegen viel Freude, auch wenn ich nicht jeden Wunsch erfüllen kann. 

Markus Tempelmann: Nach zwölf Jahren als Kämmerer in Halver möchte ich gerne in anderer Funktion weiter für Halver wirken. Dass ich von vier Fraktionen hierzu ermuntert wurde, hat mich sehr gefreut und auch überzeugt, dass es der richtige Schritt ist. 

Was unterscheidet Sie von Ihrem Gegner? 

Brosch: Das mögen die Wählerinnen und Wähler beurteilen. Ich möchte durch meine Arbeit vor allem auch den Menschen eine Stimme geben, die keine oder keine besonders große Lobby in unserer Gesellschaft haben. 

Tempelmann: Vieles. Ich plädiere bei der jetzt notwendig gewordenen Neuplanung beim Thema Windenergie für das einzige Verfahren mit Bürgerbeteiligung, während der Bürgermeister ein Verfahren ohne Bürgerbeteiligung favorisiert. Des Weiteren habe ich stets widersprochen, wenn der SPD-Fraktionsvorsitzende Steuererhöhungen gefordert hat. 

Ich war aktiv an der Steigerung der Zahl der Arbeitsplätze beteiligt, während der Bürgermeister den Daumen hebt, wenn Firmen diskreditiert werden. Ich war ebenfalls aktiv am neuen Einkaufszentrum sowie an zwei Wohngebieten beteiligt. Vor allem aber ist Michael Brosch der Kandidat einer nach links gerutschten SPD, während ich als Kandidat der Mitte von vier ganz unterschiedlichen Fraktionen unterstützt werde. 
Ich traue mir zu, nach der Wahl das jetzt sehr schwierige Verhältnis zwischen Bürgermeister und Rat wieder zu befrieden. Und auch das städtische Bürgermeister-Auto (Audi Q 5) würde ich abschaffen. Ich würde auf einen Dienstwagen verzichten. Um nur einige zu nennen. 
Was wollen Sie für Halver erreichen? 

Brosch: Wir haben uns erfolgreich mit einem Dachkonzept gemeinsam mit Schalksmühle, Kierspe, Meinerzhagen und Herscheid bei der Regionale 2025 um den 1. Stern beworben. Hierdurch hat auch das Projekt auf dem Wippermanngelände diesen erfreulichen Status. Sobald es gelingt, das Grundstück zu erwerben, können wir die weiteren Schritte konkret angehen, um ein Gründerzentrum zu etablieren, den Werkhofstandort dauerhaft zu sichern und Wohnbebauung zu errichten. 

Digitalisierung am AFG.
Auch die weitere Digitalisierung am AFG hat die erste von drei Qualifizierungsstufen erreicht. Gerade in Corona-Zeiten kommt diesem Projekt der Schule eine besondere Bedeutung zu und muss fortgeführt werden. Der weitere zügige Ausbau von Betreuungsmöglichkeiten ist mir wichtig. 
Ich möchte durch ein interkommunales medizinisches Versorgungszentrum die ärztliche Versorgung optimieren. Geförderter Wohnungsbau und Barrierefreiheit müssen in Halver verbessert werden. Das Klimaschutzkonzept muss fertiggestellt und umgesetzt werden. Hier spielen insbesondere auch nachhaltige Mobilitätskonzepte eine große Rolle, deren Umsetzung wiederum mit Fördermitteln der Regionale 2025 realisiert werden könnte. 

Tempelmann: Die Stabilisierung von Wirtschaft und Handel während und nach der Krise hat enorme Bedeutung, ebenso wie die weitere Schaffung von Bauland für Familien, die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Energieeffizienz und erneuerbare Energien und die weitere Verbesserung der Infrastruktur. Eine Stärkung der Schulen sowie der Ausbau der Kitas haben bei mir auch einen sehr großen Stellenwert. 

Was hat davon Priorität? Wo sehen Sie die größte Baustelle? 

Brosch: Wir würden der Vielfalt dieser Stadt nicht gerecht, wenn wir diese Inhalte nicht parallel entwickeln würden. 

Brosch:

Tempelmann: Die Vermarktung des Wohngebiets Schmittenkamp. Nach langjährigen Verhandlungen möchte ich die endgültige Rettung des Werkhofs noch vor dem Sommer vertraglich vereinbaren. Dies könnte auch der Startschuss für ein Gründerzentrum sein. Die neue Awo-Kita sollte eine Fotovoltaikanlage erhalten. Eine solche müssen wir auch für weitere städtische Gebäude prüfen. 

Neuabaugebiet Schmittenkamp.

Neuabaugebiet Schmittenkamp.
Stellen wir uns vor, das Coronavirus gäbe es nicht. Was hätten Sie jetzt eigentlich vor gehabt? 

Brosch: Ich glaube, ich hätte etwas mehr Zeit mit Familie und Freunden verbracht. Für Mai war ein Besuch bei meiner Schwester in Berlin geplant, den wir verschoben haben. Mir fehlen vor allem auch die Veranstaltungen, die ausgefallen sind, die 150. Jubiläumsfeiern des TuS Oberbrügge und des CVJM, die Eröffnung der Herpine, das Kirschblütenfest und vieles mehr. 

Tempelmann: Alles gerade genannte. Ich versuche, bei den städtischen Aktivitäten möglichst keine coronabedingten Verzögerungen zu haben und dass wir das Thema Wirtschaftsförderung gerade jetzt forcieren. Das ist mein Beitrag zum Krisenmanagement. 

Gehen wir zurück in die Realität. Inwieweit sehen Sie eine Herausforderung in der aktuellen Situation? 

Brosch: Wir tun, was wir können, aber leider haben die Kommunen keine sehr gute Informationslage, was Entscheidungen des Landes angeht. Umsetzungsfristen sind oft extrem kurz. Die Rückkehr ins Schulleben, anstehende Lockerungen in Einzelhandel, Gottesdiensten, Seniorenheimen und mehr bergen das Risiko für Rückschläge bei den Infizierten. 

Tempelmann: Bürger, Unternehmen und Händler erwarten jetzt zu Recht von mir, dass ich dem Rat der Stadt Halver die richtigen Maßnahmen zur Bewältigung der ökonomischen Folgen der Krise vorschlage: Eine Haushaltssperre für investive Projekte muss unter allen Umständen vermieden werden, da wir jetzt unbedingt antizyklisch handeln und massiv investieren müssen. Es muss zudem alles getan werden, dass wir eine Steuererhöhung im Jahr 2021 abwenden können. 

Im Gegenteil: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir in den Beratungen über den Haushaltsplan 2021 auch über eine weitere Entlastung der Haushalte und Unternehmen, also über eine Senkung der Grund- und Gewerbesteuer debattieren müssen. Natürlich wäre ein direkter Zuschuss an die besonders Betroffenen noch zielführender. Hier setzt aber das Beihilferecht enge Grenzen. 
Würden Sie das aktuelle Geschehen als Wahlkampf betrachten? 

Brosch: Ich stelle mich gerade den Herausforderungen der Pandemielage. Es geht darum, mit vielen weiteren Verantwortlichen die besten Lösungen zu suchen und sehr transparent umzusetzen. Der Wahlkampf wird gerade von anderen geführt und ist für mich im Moment zweitrangig. Zu Beginn meiner Amtszeit war es die Flüchtlingskrise, nun ist es die Bewältigung der Pandemie, auf die ich mich konzentriere. 

Tempelmann: Die zahlreichen Präsenz-Veranstaltungen, die ich mir vorgenommen hatte, wird es wohl bis September nicht geben. Gerade auf eine direkte Vorstellung der Kandidaten vor Publikum hatte ich mich sehr gefreut. 

Wie soll der Kampf um das Amt weitergehen? Könnten Sie auf ihn verzichten? 

Brosch: Wahlkampf ist für mich nichts, was nur wenige Monate stattfindet. Bürgermeister sein hieß für mich nie, der beste Sachbearbeiter zu sein oder oft den Kurs zu wechseln. Die Halveraner hatten jetzt fast fünf Jahre Zeit, mich in dieser Funktion kennenzulernen und wissen, wen sie bekommen, wenn sie mich wählen. 

Tempelmann: Unter Corona-Bedingungen wird es umso wichtiger, alle anderen Wege zu nutzen, um mit den Bürgern in Kontakt zu bleiben. Wie genau das aussehen wird, ist natürlich auch stark abhängig vom weiteren Verlauf der Corona-Krise. Ich werde da sehr flexibel sein. 

Und: Nein, auf einen Wahlkampf zu verzichten, wäre nicht gut – er ist schließlich das Salz in der Suppe einer Demokratie. Gerade bei der Unterschiedlichkeit der Kandidaten macht Wahlkampf auch wirklich Sinn. 
Sind die geringeren Möglichkeiten Ihrer Meinung nach ein Einschnitt in die Demokratie?

Brosch: Wenn Sie in einer Stadt beruflich, politisch, ehrenamtlich, familiär und freundschaftlich fest verbunden sind, können die Menschen Sie gut einschätzen! 

Tempelmann: Ja, das konnte man jetzt in den letzten Wochen erleben: Videokonferenzen sind immer nur eine Notlösung. Sie können die direkte Interaktion niemals vollständig ermöglichen. Außerdem sind die Möglichkeiten, alle Bürger zu beteiligen, eingeschränkt. 

Wie wichtig ist der direkte Kontakt zu Menschen? 

Brosch: Der Kontakt ist mir sehr wichtig! Ich gehe im Wahlkampf zu den gleichen Veranstaltungen wie sonst auch, wenn sie wieder stattfinden. Ich habe schon den Satz gehört, den Bürgermeister sehe ich nur in der Kneipe. Dann liegt das daran, dass derjenige bislang nicht bei Sportveranstaltungen, Gottesdiensten, Chorveranstaltungen, Vereinsjubiläen, Jahreshauptversammlungen, Ausstellungen und vielem mehr anzutreffen war. 

Tempelmann: Sehr wichtig. Ich freue mich darauf, auch in den kommenden Monaten weitere Menschen kennenzulernen. Sie haben beide ein Facebookprofil. 

Soziale Medien im Wahlkampf.

Soziale Medien im Wahlkampf.
Welche Bedeutung geben Sie sozialen Netzwerken? 

Brosch: Für mich ist Facebook seit vielen Jahren ein ganz normales Instrument, um mit Menschen zu kommunizieren, in Kontakt zu treten und zu bleiben. Sehr viele Nachrichten, Anliegen, Ideen, Kritiken bekomme ich auf diesem Kanal von ganz normalen Bürgern vermittelt, die sich manchmal nicht immer trauen, einen langen Brief zu schreiben oder in einer Gruppe das Wort zu ergreifen. Es ist für mich eine wichtige Ergänzung zu anderen Informationskanälen. 

Tempelmann: Eine zunehmende Bedeutung. Allerdings halte ich die Tageszeitung mit all ihren Formaten nach wie vor für wichtiger und qualitativ höherwertiger. Wenn wir eine Trumpisierung in Deutschland vermeiden wollen, brauchen wir eine Stärkung des Bildungssystems sowie des Qualitäts-Journalismus. 

Birgt das soziale Netzwerk nicht auch Risiken? 

Brosch: Ja! Viele Diskussionen sind in dieser Zeit aufgeheizt und manchmal tut es den Leuten leid, was sie am Vortag von sich gegeben haben. Manchmal habe ich den Eindruck, dass auch Menschen, die sich als Politikprofis bezeichnen, die Anonymität des Netzes nutzen, um Diskussionen anzustoßen und zu führen, die sie unter ihrem eigenen Namen so nie führen würden. Aus meiner langjährigen Erfahrung überwiegt jedoch das Positive. 

Tempelmann: Ja. Viele Menschen tendieren dazu, nur die Bestätigung der eigenen Meinung zu suchen, statt sich mit Gegenargumenten zu befassen. Das kann dazu führen, dass die Kompromissfähigkeit geringer ausgeprägt ist als bei einem direkten Austausch. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare