Das Urvertrauen verloren

Die Malocher bezahlen die Zeche. Das ist immer so. Der Niedergang und das endgültige Aus eines ehemals florierenden Betriebes sind persönlich und wirtschaftlich natürlich auch eine Tragödie für die Inhaber. Aber sie schlagen niemals so hart auf wie die Beschäftigten, die häufig Jahrzehnte Engagement, Kraft und Gesundheit in „ihre“ Firma investiert haben. Hinter der Zahl von 188 Arbeitnehmern bei Jung, Boucke stehen ebenso viele Einzelschicksale und ganze Familien.

Wer über Jahre in der Firma gearbeitet hat, in ihr alt geworden ist, verliert mit der Insolvenz tatsächlich sein Urvertrauen. In so einem Moment ist es fast unvorstellbar, etwas anderes zu machen, überhaupt sich vorzustellen, dass etwas anderes, Neues kommt. Eine Kündigungsfrist von zwei bis drei Monaten ist vor diesem Hintergrund nicht mehr viel. Zur Ruhe wird in dieser Zeit kaum jemand kommen. Vor diesem Hintergrund ist es auch müßig, Schuldzuweisungen vorzunehmen. Es hilft einfach niemandem mehr. Und immerhin haben Jung, Boucke beziehungsweise die Vorläuferunternehmen über mehr als 100 Jahre für Lohn und Brot in Halver gesorgt. Das darf man der Gerechtigkeit halber nicht aus dem Auge verlieren.

Doch das wird dem Arbeiter oder Angestellten jetzt nicht konkret helfen. Ungeachtet aller Lippenbekenntnisse ist es für ältere Arbeitnehmer nicht leicht, ohne Weiteres bei einem neuen Arbeitgeber unterzukommen. Ihre Kompetenz, ihre Erfahrungen und auch persönliche Verbindungen werden in der Praxis immer noch unterschätzt. Vielleicht wird ja das ein oder andere Halveraner Unternehmen angesichts des Endes bei Jung, Boucke daran denken, dass jetzt Arbeitnehmer verfügbar sind, die ihre Loyalität sicherlich ausreichend unter Beweis gestellt haben.

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