Eine Branche im Würgegriff

Klassenfahrten und andere Reisen: Stornierungen bei Klühspies Reisen

+
Im Krisenmodus: Arndt Kattwinkel, Geschäftsführer von Klühspies Reisen in Oberbrügge.

Oberbrügge - Eine ganze Branche im Würgegriff der Corona-Krise. Den Tourismussektor hat die Pandemie besonders hart getroffen, kaum jemand weiß das so gut wie Arndt Kattwinkel.

Der Unternehmer aus Oberbrügge stellt zum Ende des Monats den Busreiseveranstalter Kattwinkel Reisen ein – planvoll und geordnet. Die Kattwinkel Reisebüros in Halver und Lüdenscheid bleiben indes weiterhin bestehen, ebenso der Klassenfahrten- und Gruppenreisenspezialist Klühspies Reisen. Doch die Herausforderungen sind dieser Tage enorm. 

Die Klühspies Reisen GmbH steht dabei zwar nicht so sehr im Licht der Öffentlichkeit wie die beiden Lufthansa City Center Reisebüros, ist gleichwohl im bundesweiten Vergleich einer der größten und erfolgreichsten Anbieter für Schul- und Club-Fahrten. 

37 Mitarbeiter in Oberbrügge

37 Mitarbeiter sind am Ohler Weg in Oberbrügge tätig, rund 100 000 Gäste hätten es in diesem Jahr sein sollen, die in Deutschland und ganz Europa mit Klühspies Reisen unterwegs gewesen wären. Doch dann kam das Coronavirus. „Zum Glück haben wir das Wintergeschäft zu 80 Prozent noch eingefahren“, sagt Geschäftsführer Arndt Kattwinkel, der das Verhältnis der verkauften Reisen in etwa mit 60:40 (Winter/Sommer) beziffert. Neben Ski-Reisen bietet Klühspies Reisen auch Städtereisen in viele deutsche und europäische Metropolen sowie sportpädagogische Erlebnisfahrten an. Die wurden ab Mitte März bis in den Sommer hinein ohne Ausnahme storniert. 

Der Hintergrund ist dem föderalen System der Bundesrepublik geschuldet. Zuständig für Durchführung von Klassenfahrten sind nicht die Schulen, sondern die Schulministerien der Länder. „Da haben wir es dann de facto mit 16 unterschiedlichen Anweisungen zu tun. Was eine einzelne Schule möchte, ist egal“, beschreibt Kattwinkel die Lage. Unterm Strich blieb so die Erkenntnis: Eigentlich hat das Team von Klühspies Reisen seine Arbeit für die bevorstehende Saison gemacht. „Aber jetzt wird nur noch abgewickelt“, so Kattwinkel. 

Kurzarbeit für die Belegschaft

Die Geschäftsführung hat entsprechende Maßnahmen ergriffen. Nach dem Abbau von Resturlaub und Überstunden befindet sich die Belegschaft zur Zeit in Kurzarbeit – in unterschiedlichem Umfang, je nach Abteilung und Position. 25 000 Euro Soforthilfe hat Klühspies Reisen ebenfalls erhalten. Doch trotz der Tatsache, dass das Unternehmen keine eigenen Fahrzeuge unterhält, „ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein“, so Arnd Kattwinkel, der sich dennoch kämpferisch gibt. Das Unternehmen sei solide aufgestellt, an Entlassungen nicht gedacht. „Die Mitarbeiter sind unser Kapital“, sagt der Klühspies-Chef, der auch nur darüber spekulieren kann, wie es für seine Branche weitergeht. „Im Moment wissen wir das nicht. Einige Länder verbieten Klassenfahrten bis zum Herbst, andere bis zum Ende des Kalenderjahres.“ 

Am Ohler Weg in Oberbrügge hofft man darauf, dass bis zum Sommer bilaterale Abkommen zum Beispiel zwischen Deutschland und Österreich geschlossen worden sind, um Reisen wieder zu ermöglichen. Wenn das der Fall ist und auch die Schulministerien wieder grünes Licht geben, kommen die nächsten Herausforderungen auf die Reiseexperten zu: die Umsetzungen von wahrscheinlich strengen Vorgaben. „Wir sind in einem preiswerten Segment unterwegs, da müssen wir zum Beispiel schauen, wie wir die Einhaltung der Regeln bei der Unterbringung in Mehrbettzimmern hinbekommen“, nennt Kattwinkel nur eine von vielen Hürden, die es zu meistern gilt. 

„Ärmel hochkrempeln und weitermachen"

Und dennoch gibt man sich in Oberbrügge vorsichtig optimistisch. „Ärmel hochkrempeln und weitermachen, es wird hoffentlich in absehbarer Zeit besser werden“, gibt Kattwinkel die Marschroute ans Team vor. 

Damit die gebeutelte Branche nicht untergeht im vielstimmigen Krisen-Chor, unterstützt Kattwinkel eine Petition, die ihm Ende der Woche auf den Schreibtisch respektive ins E-Mail-Fach geflattert ist. „Für eine weltoffene Zukunft: Jugendreisen und Klassenfahrten retten!“, fordert unter anderem der Bundesverband führender Schulfahrtenveranstalter. Dessen Vorstandsvorsitzender Carsten Herold möchte schnellstmögliche Klarheit, ob für den Herbst gebuchte Fahrten abgesagt werden. 

Auf Sicht befürchtet er in der Branche den Wegfall von einem Drittel der Kapazitäten und massiv steigende Preise. Kernforderungen der Petition sind Hilfe für Jugendunterkünfte, ein Rettungsfonds für Kinder- und Jugendreisen, Übernahme der Stornokosten für Klassenfahrten durch die Länder und die sofortige Erteilung der Erlaubnis zur uneingeschränkten Buchung von Klassenfahrten. Vier Punkte, die auch der Firma Klühspies Reisen Licht am Ende des Tunnels bescheren würde.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare