Kabarettist Jürgen Becker begeistert Publikum in der AFG-Aula

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Eine freche Lippe, gewagte Vergleiche, überraschende Wendungen – Jürgen Becker live. ▪

HALVER ▪ Er ist ein Frechdachs, dieser Jürgen Becker. Ein liebenswerter dazu. „So, dann wollen wir uns mal einen schönen Abend machen“, traditioneller Becker-Auftaktspruch, ein geflügeltes Wort im Westen Deutschlands, das am Donnerstagabend in der bis auf den letzten Platz besetzten Aula des Anne-Frank-Gymnasiums dem Publikum zwei Stunden „Der Künstler ist anwesend“ versprach.

In der Hand den aktuellen Allgemeinen Anzeiger, las Becker einige Zeilen aus der Sporthallenboden-Story und freute sich: „Das lese ich doch viel lieber als Syrien.“ Neben sich den großformatigen Max Ernst und sein Gemälde, das Becker mit „Maria versohlt dem Jesuskind den Arsch“ vorstellte, nahm er die Zuhörer zunächst mit auf eine Vernissage: „Der Name kommt von Firnis gleich Lack. Und so kommt es, dass man selten so viele Lackaffen sieht, immer schwarz gekleidet, und nur auf einer Beerdigung ist die Stimmung besser.“ Wie in der Religion, sollte man auch hier die Litanei kennen und keinesfalls fragen: „Haben Sie ein Bild, das zu einem braunen Ecksofa passt?“ Ratschläge für solche, die in eine Vernissage geraten, weil draußen zum Beispiel gerade Unwetter ist.

Die entnervte Maria von Max Ernst – einzige permanente Bühnendeko – war eines von mehr als 100 Bildern, die Becker präsentierte und glossierte. Übrigens: Max Ernst wurde für dieses Bild 1926 im Kölner Gürzenich mit einem dreimaligen „Pfui“ aus der Kirche ausgeschlossen: „Daraus ist dann der Tusch entstanden“, belehrt der Kabarettist das Publikum.

Gerhard Richters Fenster im Kölner Dom müsse Kardinal Meißner wie Butzenscheiben des Vereinslokals vorkommen, die Pferde in den Höhlen von Lascaux sind „Sauerbraten ante portas“, und dann sind da die Griechen, die bei ihren Bauten das Teuerste stets wegließen: „Keller, Wände und das Dach, wie ein Hagebaumarkt im Rohzustand.“ Ihre Götterstatuen seien von den Christen zerdeppert worden: „Im Schadensersatzfall wäre der Vatikan pleite und Griechenland gerettet“, bietet Becker eine Lösung an. Etwas völlig Neues hätten die Christen aber auch im Angebot gehabt: „Eine Kochshow – das Abendmahl.“ Und die Trias an der Spitze der Religionen sei den Kölnern sowieso vertraut: „Du leewen Jott, Jesses Maria.“ Romanik und Gotik, Renaissance, Barock und Moderne waren Stationen eigenwilliger, verblüffender Betrachtungen: „Unter 120 Kilo nahm Rubens keinen Pinsel zur Hand“, und als schöne Maya des Phantasten Goya – bekleidet und nackt – verfälscht zu werden, müssen bei dem Kölner Humoristen Merkel und Gabriel gleichermaßen aushalten: „Dem Pompösen die Luft ablassen.“

Schönheit, so Becker, sei immer das Versprechen von Funktion. So habe Caspar David Friedrich beim Malen stets Glück mit dem Wetter gehabt: „Bei zeitgenössischen Künstlern hat es immer geplästert. Und so ist die Aquarellmalerei entstanden.“

Nun also, was ist Kunst? Das stellt sich für Jürgen Becker ganz einfach so dar: „Kunst ist alles, was von Hasenkamp in Köln transportiert werden kann.“

Ein Parforceritt durch die Kunst- und Kulturgeschichte, den Jürgen Becker da auf die Bühne brachte. Hin und wieder wurden die Frommen schmallippig, und es zauste die Arterhaltungs-Puristen. Doch Becker hat eben das, was man im Sauerland „füntern“ nennt. Eine freche Lippe, gewagte Vergleiche, überraschende Wendungen, doch dazu das Funkeln in den Augen, das Lachen in der Kehle. Becker liebt sein Publikum, und es liebt ihn. Das war auch am Donnerstagabend in der AFG-Aula spürbar. In den stürmischen Applaus hinein servierte Becker sein Abschieds-Kölsch: „Trinkt, sonst wird das noch zu Alt.“

Christa Knitter

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