Junge Hausärzte wollen nicht aufs Land

+
Neun Hausärzte haben sich derzeit in Halver niedergelassen, davon sind vier aber bereits über 60 Jahre.

Halver - Die ärztliche Versorgung in Halver ist überdurchschnittlich gut. Neun Hausärzte haben sich in der Stadt im Grünen niedergelassen – hinzu kommen eine Reihe von Fach- und Zahnärzten. Zumindest mittelfristig aber könnte sich gerade die Zahl der Hausärzte in Halver verringern. Der Grund: Vier der neun Allgemeinmediziner beziehungsweise Internisten sind über 60 Jahre alt, einer von ihnen sogar über 70. Und den Nachwuchs zieht es eher in urbanere Regionen.

Von Friederike Domke

Muss in Halver in den kommenden Jahren mit mindestens vier Praxisweitergaben oder – sollte kein Nachfolger gefunden werden – Praxisauflösungen gerechnet werden, so sind es im gesamten Versorgungsbereich schon 30. Zur Erklärung: Halver gehört, gemeinsam mit Schalksmühle, Herscheid und Lüdenscheid zur Versorgungsregion „Mittelbereich Lüdenscheid“. Für diesen werden, gemessen an der Einwohner- und somit Versorgerzahl, die Kapazitäten an Hausärzten errechnet. Der Versorgungsgrad für diese Region liegt bei 100,6 Prozent, auf 1657 Einwohner kommt laut sogenanntem Verteilungsschlüssel ein Hausarzt. Die Kapazitätsobergrenze von 110 Prozent ist also noch nicht erreicht, wenngleich man von einer guten Versorgung spricht, wie Christopher Schneider, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe auf Anfrage des Allgemeinen Anzeigers erläutert. Etwa sieben Neuzulassungen sind bis zum Erreichen der Obergrenze noch möglich. Ist die Obergrenze aber erreicht, wird ein sogenannter Zulassungstopp verhängt.

„Die aktuelle Versorgungslage in der Mittelregion Lüdenscheid ist also nicht beunruhigend“, so Schneider im Hinblick auf die aktuellen Zahlen. Wie es aber in ein paar Jahren aussieht, lasse sich nur schwer prognostizieren.

Fest steht, von den 66 praktizierenden Hausärzten im „Mittelbereich Lüdenscheid“ sind 29 über 60 Jahre alt, vier davon sogar über 70. „Fast jeder Zweite von ihnen hat also das Rentenalter erreicht“, fasst Schneider zusammen und fügt hinzu, dass es eine Altersgrenze für praktizierende Ärzte nicht mehr gibt. „Zwar können die Mediziner so lange arbeiten, wie sie möchten, die Erfahrung aber zeigt, dass mit Mitte 60 schon der Ruhestand angestrebt wird.“

Die „angespannte Nachwuchssorge“ nicht nur im Bereich der Allgemein-, sondern auch der Fachmedizin wirkt sich auf ländliche Regionen gleich doppelt aus. Denn selbst, wenn ein Mediziner sich für die Niederlassung als Hausarzt entscheidet – und das passiert laut KV immer seltener – zieht es ihn eher in urbane Regionen. Die Bereitschaft, als Landarzt in kleinen Städten und Gemeinden zu arbeiten, hat in den vergangenen Jahren immer weiter abgenommen. Und das sei viel mehr ein Attraktivitäts- als ein wirtschaftliches Problem, erklärt Schneider. Zwar gebe es in ländlichen Regionen für einen niedergelassenen Hausarzt eigentlich mehr zu tun, die neue Medizinergeneration aber ist weiblich. Und dementsprechend verändert sich die Lebensplanung, die sich an größere Städte mit einem reichhaltigeren Familien- und Kulturangebot orientiert. Schneider berichtet zudem – aus Sicht potentieller Nachfolgekandidaten – von einer gewissen Unattraktivität bestehender Praxen.

Die KV versucht insgesamt die Situation für die Hausarztklientel zu verbessern. Das heißt zum Einen: Weg vom Numerus Clausus, denn ein Einser-Abitur sagt nichts über die kurative Eignung einer Person aus, ist Schneider sicher. Zum anderen müsse die Hausarztausbildung – zum Beispiel durch Stipendien – aufgewertet werden. Einiges, so fügt der KV-Sprecher hinzu, habe man aber auch schon erreichen können: So scheine das Notfallsystem an den Wochenenden zu funktionieren.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare