Deutschland hinkt hinterher

AFG-Schulleiter Paul Meurer über digitales Lernen: „Tolle Möglichkeiten“

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Digitalpakt: Lehrer und didaktisches Programm fehlen an den Schulen

Halver – Als digitale Schule versucht das Anne-Frank-Gymnasium (AFG), seine Schüler fit für die Arbeitswelt der Zukunft zu machen. Welche Herausforderungen mit dem Konzept des digitalen Lernens verbunden sind und wie er den Digitalpakt Schule sieht, erklärt Schulleiter Paul Meurer im Interview.

Was macht das Konzept der Digitalen Schule am AFG aus?

Paul Meurer: Zuallererst mussten wir uns – mit Eltern, Lehrern und Schülern – genau überlegen, wo wir hinwollten und wo wir unterrichtlich auch noch hinwollen. Wie können wir digitale Interaktionen stattfinden lassen und gestalten? Wo und wie kann man sie einsetzen? Das ist von den einzelnen Fächern abhängig. Und wie schaffen wir eine Plattform, auf der wir Schüler und Eltern in die digitalen Prozesse einbinden können? Wir mussten erst einmal Aufklärungsarbeit leisten dazu, was wir für sinnvoll halten und wie wir uns digitales Lernen vorstellen. Und daraufhin suchten wir dann die Hardware und Software aus. Ich denke, dass dieser Aspekt häufig verloren geht. Es wird Hardware hingestellt und dann guckt man, wie man damit klarkommt.

Wie war das am AFG?

Meurer: Bei uns ging der Prozess 2015 mit den Beratungen zum Thema Digitale Schule los. Alles fing mit dem Jubiläumsvortrag 2015 von Dr. Dirk Kleine, ein Ehemaliger unseres AFG, über Digitalisierung an. Zur Vorbereitung gehörte auch die Entscheidung darüber, welche Plattformen wir nutzen und welche Programme wir zur Verfügung stellen wollen. Im November 2017 startete dann die Probephase. Zunächst wurden Lehrer und Schüler zu Themen wie Datensicherheit geschult. Und es wurde das ausprobiert, was wir vorbereitet hatten. Das lief alles sehr strukturiert ab, denn der Prozess wurde von Dr. Dirk Kleine und Jörn Müller, ebenfalls ein Ehemaliger unseres AFG und IT-Fachmann, mitgesteuert. Für die Probephase haben wir uns zwei bis drei Jahre Zeit gegeben – sind also immer noch mittendrin.

Sie haben also fast Halbzeit. Wie fällt ihr Zwischenfazit aus?

Meurer:Im Februar wollen wir der Pflegschaft weitere, unterrichtliche Ergebnissen vorstellen. Dabei können die Eltern auch die Schülerperspektive kennenlernen und Unterricht einmal so durchlaufen wie die Schüler. Und sie werden erfahren, was wir für tolle Unterrichtsmöglichkeiten haben, die von den Schülern auch gerne angenommen werden. Das reicht von Tafelbildern, die direkt archiviert werden, und digitalen Unterrichtsnotizen bis hin zu einer App, mit der schon im Geschichtsunterricht ein Galerieprojekt zu Anne Frank gestaltet wurde, die sich aber genauso für interaktive Lerninhalte in Mathematik nutzen lässt. Es steckt viel Vorbereitung hinter interaktiven Inhalten, aber im Unterricht arbeiten die Schüler selbstständiger und der Lehrer moderiert mehr, muss aber noch intensiver vorbereiten. Die Kollegen machen damit tolle Erfahrungen und leisten auch Pionierarbeit. Wichtig dabei ist, dass die Lehrer ihren Unterricht digital anreichern können, aber nicht müssen. Das digitale Lernen und Lehren ist nur eine Ergänzung des Unterrichts. Die Oberstufenschüler können bereits jederzeit ihre eigenen Geräte, also Tablet oder Laptop, frei verwenden. Auch in der Sekundarstufe I sollen Tablet und Laptop als ganz normales Medium genutzt werden. Handys dürfen allerdings nur nach Rücksprache mit dem Lehrer genutzt werden, da sich damit Hotspots aufbauen lassen, die unser Schul-WLan umgehen könnten.

Digitale Schule: Schulleiter Paul Meurer (2.von links) findet es toll, dass die Schüler das Thema Digitalisierung am Anne-Frank-Gymnasium mit vorantreiben.

Was sind die größten Herausforderungen dabei, das Thema Digitale Schule umzusetzen?

Meurer: Ausreichend Zeit für die Kollegen zur Fortbildung zu haben, damit sie sich mit der Hard- und Software auseinandersetzen können. Es ist auch schwierig, fachspezifische Fortbildungen für den Bereich digitales Lernen zu finden. Wichtig und teilweise auch schwierig war es, alle Eltern davon zu überzeugen, dass es der richtige Weg ist. Am Anfang war eine große Skepsis da. Hier hat aber die Pflegschaft gute Überzeugungsarbeit geleistet, sodass es da heute weniger Ressentiments gibt als vor zwei Jahren. Bei den Schülern muss man dagegen die Erwartungshaltung, das alles nur noch digital gemacht wird, zurückschrauben. Es ist ein langsamer Prozess, weil sich alle erst daran gewöhnen müssen. Und es klappt natürlich nicht alles, es ist „trial and error“. Auch der professionelle Support durch Jörn Müller ist sehr wichtig, der uns das Netz gebaut hat und auch einmal im Monat für die Schüler einen ganzen Tag hier ist, um sich um Probleme zu kümmern. Diese professionelle Hilfe hat sich als Erfolgsgarant herausgestellt.

Ein Erfolg war auch die Konferenz „Vernetzte Welten“, die im November am AFG stattfand. Was haben Sie von dieser Veranstaltung mitgenommen?

Meurer: Bei der Konferenz, die die Schüler organisiert haben, sind viele Ideen herausgekommen, die gut umzusetzen sind und die wir nach und nach angehen wollen, darunter Ideen auf kommunaler, interkommunaler und regionaler Ebene sowie Kreisebene und solche, die wir gemeinsam mit anderen Schulen entwickeln möchten. Die Konferenz hat zu einer höheren Sensibilität bei der heimischen Wirtschaft geführt, die uns beim Thema Digitalisierung unterstützen möchten. Wir Lehrer hatten die Einsicht, dass wir zwar schon weit sind, aber noch mehr tun müssen und zum Beispiel mehr Fortbildungen benötigen. Auch bei Eltern und Schülern ist die Akzeptanz größer geworden. Es ist toll, dass die Schüler bei uns an allen Prozessen teilnehmen und selbst ein Interesse daran haben, das Thema Digitalisierung voranzutreiben. Die Ergebnisse ihrer Konferenz werden sie auch noch auf Einladung des Landtags selbst dort vorstellen.

Was denken Sie über den Digitalpakt Schule beziehungsweise den Konflikt zwischen Bund und Ländern um mehr Geld für die Digitalisierung in den Schulen?

Meurer: Ich kann die rechtlichen Grundlagen und Bedenken der Länder als Referent für Schulleitungsfragen des Philologen-Verbands Nordrhein-Westfalen nachvollziehen, muss aber gleichzeitig sagen, dass ich mir gewünscht hätte, diese Diskussion wäre vor fünf oder zehn Jahren geführt worden. Da hätte man schon schulisch handeln können, hat aber die Akzente anders gesetzt. Nun hinken wir im europäischen und außereuropäischen Vergleich hinterher, was digitales Lernen anbelangt. Aber positiv ist doch, dass überhaupt über fünf Milliarden Euro für die Digitalisierung in den Schulen diskutiert wird. Vielleicht redet man später darüber, diese Summe zu erhöhen und darüber, wie viel Wert wir auf digitale Bildung als solche legen wollen. Wir haben nämlich nicht nur keine Lehrer, sondern auch kein didaktisches Programm. Wir müssen die Schüler aber fit machen fürs Leben, und dazu gehören inzwischen auch digitale Wertschöpfungsketten. Deswegen wird es in den nächsten zehn bis 15 Jahren entscheidend sein, ob wir den Kampf aufnehmen können, über Bildungsprozesse auch Prozesse in Wissenschaft und Wirtschaft anzustoßen. Unter anderem beim Thema Künstliche Intelligenz sind uns andere weit voraus. Je länger wir warten, umso schwerer ist es heranzukommen.

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