Insolvenzverschleppung: 64-Jährige vor Gericht

HALVER ▪ Wegen „Vorenthaltens von Arbeitsentgelt“ und vorsätzlicher Insolvenzverschleppung musste sich eine 64-jährige Unternehmerin aus Halver am Dienstag vor dem Amtsgericht Hagen verantworten. „Eine Chance gibt es“, verkündete Richter Dembowski, bevor das von ihm geleitete Schöffengericht das Verfahren wegen Insolvenzverschleppung abtrennte und einstellte.

Das Strafmaß von elf Monaten auf Bewährung für das zweite Delikt blieb deutlich unter der kritischen Grenze von einem Jahr, sodass die 64-Jährige weiterhin als Geschäftsführerin ihres kleinen Unternehmens tätig sein darf.

Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft bezog sich auf Versäumnisse der Angeklagten im Zeitraum zwischen Juli 2009 und Mai 2011. Damals führte sie Beiträge zur Krankenversicherung ihrer beiden Mitarbeiter nicht ordnungsgemäß ab. Der Vorwurf lautete deshalb auf Vorenthalten von Arbeitsentgelt in 28 Fällen. Da die Firma zu diesem Zeitpunkt ihren Verpflichtungen nicht mehr in vollem Umfang nachkommen konnte, hätte sie zudem Insolvenz anmelden müssen. „Das ist das Einzige, was ich mir vorwerfen kann, dass ich ein bisschen geschludert habe“, erklärte die 64-Jährige gestern vor Gericht.

Seit 2006 habe das Unternehmen keinen Steuerberater mehr gehabt, und da sei ihr wohl einiges durchgegangen. Nach dem Insolvenzantrag ging es jedoch wieder aufwärts. Die Firma schreibt inzwischen schwarze Zahlen, „die Jungs sind noch nicht so alt“ und der Firma trotz der Schwierigkeiten treu, und der Insolvenzverwalter stellte bereits eine Begleichung aller bestehenden Forderungen in Aussicht – ein seltener Fall, wie das Gericht anerkennend zur Kenntnis nahm.

Selbst der Staatsanwalt erkannte wohlwollend an, dass die Angeklagte, die seit längerem auf eine Vergütung ihrer Tätigkeit verzichtet, sich durch ihr Verhalten nicht selbst bereichert habe. „Teilweise hat sie sogar zum Wohle der Firma gehandelt.“ Dennoch rügte er die relativ hohe Schadenssumme von rund 23000 Euro und den langen Tatzeitraum von zwei Jahren, in denen die Geschäftsführerin durch das Nichtabführen der Krankenkassenbeiträge die Insolvenz verschleppte.

Dem Urteil von elf Monaten auf Bewährung stimmten schließlich alle Prozessbeteiligten zu, sodass es sofort rechtskräftig wurde. Solange ihre Kräfte reichten, wolle sie die Firma weiterführen und sich darum bemühen, „das alles wieder in Ordnung zu bringen“, sagte die 64-Jährige. Ihr Verteidiger schilderte sie als eine Frau, die anpacken kann: „Wenn es sein muss, geht sie mit ihren Monteuren auch auf die Baustelle.“ ▪ Thomas Krumm

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