Impfpriorisierung aufgehoben: Belastungsgrenzen bei Hausärzten erreicht

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Bis zu 100 Patienten werden jede Woche in den Halveraner Praxen geimpft.

Die Impfpriorisierung wurde aufgehoben. Das sorgt für noch mehr Nachfragen in den Arztpraxen. Das Mehr an Freiheiten begrüßen die Halveraner Ärzte. Schon vorher hatten sie bereits abseits der Reihenfolge geimpft – aus guten Gründen, wie Dr. Hans-Joachim Rüdiger erklärt.

Halver – „Wir mussten immer flexibel sein.“ Etwa, wenn ein Patient vor einer Operation stand oder jemand nicht zum Termin erschienen ist, der Impfstoff aber vorbereitet war. Dass es durchaus mehr Indikationen für eine Impfung gibt als vorgegeben, ist auch die Meinung von Hartmut Rohlfing. Der Allgemeinmediziner nennt soziale Aspekte, die eine frühzeitige Immunisierung ebenfalls rechtfertigen. Das können Menschen sein, die mit vielen anderen auf engem Raum leben oder auch Alleinerziehende. An dem Prinzip, dass Hausärzte ihre Patienten und Gegebenheiten am besten kennen sowie auch mit bestem Wissen und Gewissen Entscheidungen treffen können, hält Rohlfing fest.

Parallel zur Priorisierung haben die Ärzte Wartelisten angelegt. Auf ihnen stehen die Patienten, die sich aktiv gemeldet und ihren Wunsch nach einer Impfung mitgeteilt haben. Am 21. Juni wird diese Liste in der Oberbrügger Praxis von Hans-Joachim Rüdiger abgearbeitet sein, sagt der Mediziner. Ab dann kann sich jeder, der möchte, montags für mittwochs einen Termin vereinbaren.

Impftage, Impfstunde: Jede Praxen hat andere Konzepte

Gespritzt werden die Vakzine, wenn die Praxis eigentlich geschlossen hätte – sie öffnet nur fürs Impfen. Zwischen 50 und 70 Personen werden wöchentlich von Dr. Rüdiger geimpft. Um 9 Uhr morgens geht es los, gegen 14 Uhr ist das Team meistens durch. Jede Praxis handhabt das anders. In der Hausarztpraxis Rohlfing/Fingerhut findet tägliche eine Impfstunde statt. In der Woche impft das Team je nach Impfstoffmenge bis zu 100 Patienten. Wie viel eine Praxis bekommt, hängt auch an den Anzahl der Ärzte.

Die Nachfrage aber lässt sich selbst an den Impfungen nicht messen. Für Patienten ist es ein großes Problem geworden, die Praxis zu erreichen, weil die Telefone nicht mehr stillstehen, sagt Hartmut Rohlfing. Um die Belastung durch Telefonanrufe zum Thema Covid-19 zu ermitteln, fand am 28. April eine Flashmob-Studie statt, an der die Praxis Rohlfing/Fingerhut teilgenommen hat. Ende dieses Monats soll es die Ergebnisse im Überblick geben. Die Antwort für die Praxis selbst ist schon klar: Die Belastungsgrenze ist erreicht. Freizeiten werden auch genutzt, um Patienten zu kontaktieren und zu untersuchen. Terminplanungen sind äußerst schwierig geworden. „Das kann man fast nicht mehr leisten“, sagt Rohlfing, „jedes zweite Telefonat dreht sich um Corona.“

Telefone stehen nicht mehr still

Dabei haben die Praxen in Halver auch andere Wege der Kommunikation ermöglicht. Aber die anderen Anlaufstellen werden nicht angenommen, sagt Rohlfing. Die Gemeinschaftspraxis Böhm/Zöpfgen/Hefendehl informiert auf ihrer Internetseite darüber, dass sie eine zweite Telefonnummer eingerichtet hat, um eine bessere Erreichbarkeit zu gewährleisten und bittet ausdrücklich um die Nutzung von Fax oder E-Mail für Rezeptbestellungen.

Man wird von Corona lernen, ist sich Hartmut Rohlfing sicher. Praxen haben jetzt Konzepte, die sie nicht mehr komplett ändern werden. „In eine Zeit vor Corona wird keiner zurückgehen.“ Wartezimmer werden nicht mehr überfüllt sein und auch Hausarztpraxen werden vermehrt zu Terminpraxen. Und dass Infektinfizierte nicht mehr isoliert werden, kann er sich nicht vorstellen.

Wie viele Impfungen tatsächlich durchgeführt werden können, wissen die Ärzte immer erst kurz vor Lieferung. Grundsätzlich habe man für Zweitimpfungen keine Engpässe. Bei Erstimpfungen aber kommt es vor, dass der Impfstoff schlichtfehlt. Um einen Impftermin könne man sich bemühen, sagt Rohlfing, und bezieht sich auf die Aussage des Gesundheitsministers Jens Spahn. Die Mühe aber sichere keinen Termin. Bei ihm müsse man derzeit warten oder eben doch noch priorisiert sein. Der Arzt empfiehlt daher, sich auch bei Fachärzten und beim Impfzentrum zu melden und den nächsten Termin zu nutzen. Vorgegeben wird – zumindest derzeit noch –, dass Erst- und Zweitimpfung an gleicher Stelle stattfinden. Hier wünscht sich Rohlfing eine pragmatischere Lösung.

Grundsätzlich wird nach Auffassung von Hartmut Rohlfing das Impfen die Pandemie am ehesten beenden. Ob eine Auffrischung der Impfungen nächstes Jahr nötig ist, sei noch unklar. Wenn es so sein sollte, werde das kein Problem sein. Es gehe in erster Linie um die Grundimmunisierung. So oder so, sagt er: „Wer nicht geimpft ist, wird Corona mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann kriegen.“

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