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Im Wasser kann sie tanzen: Trotz Handycap geht dieses Mädchen tauchen

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Von: Sarah Lorencic

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Teamwork: Mutter Melanie Arendt ist immer bei ihrer Tochter Merle. Im Wasser vertraut sie Tauchlehrer Volker Ziel (rechts). Das war am Anfang schwer, jetzt kann auch sie loslassen.
Teamwork: Mutter Melanie Arendt ist immer bei ihrer Tochter Merle. Im Wasser vertraut sie Tauchlehrer Volker Ziel (rechts). Das war am Anfang schwer, jetzt kann auch sie loslassen. © Lorencic, Sarah

Als sie ein Kleinkind war, fing es an. Mit zwei Jahren bekommt Merle Arendt einen Rollator, dann einen Rollstuhl. Die heute 14-Jährige hat Spinale Muskelatrophie (SMA). Trotz dieser Einschränkung lebt sie ihr Leben. In ihrer Freizeit geht sie am liebsten tauchen. Beim ersten Besuch im Schwimmbad nach langer Corona-Pause haben wir sie begleitet und vorher auch zu Hause besucht.

Halver – Im Wasser ist alles anders. Denn dann kann Merle tanzen, obwohl sie an einen Rollstuhl gebunden ist. „Tauchen liebe ich, denn wenn ich im Wasser bin, fühle ich mich frei und habe das Gefühl, laufen zu können“, sagt Merle Arendt.

Wenn Melanie Jung-Arendt Kindern erklärt, was ihre Tochter für eine Krankheit hat, sagt sie: „Merles Muskeln sind wie Wackelpudding, sie hat keine Kraft.“ Sie kann sich nicht bewegen, nur Arme und Hände heben. „Bis hier hin komme ich“, sagt Merle und hebt ihre Arme bis zur Brust. Im Alltag ist sie auf Hilfe angewiesen. Beim Anziehen, Waschen, ins Bett gehen. Immer und überall.

Die Welt sieht die 14-Jährige aus einem Meter Höhe, wächst aber immer mehr über sich hinaus. Am liebsten aber ist sie im tiefen Wasser. Jeden Samstag findet man sie jetzt wieder im Schwimmbad an der Humboldtschule, wenn die Tauchschule Halver trainiert. Mehr als zwei Jahre war die Schwimmhalle erst aufgrund von Corona, dann wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Eine lange Zeit für Merle Arendt. Sie ist mittlerweile 14 Jahre alt, ein Teenager. Sie sagt, sie vermisst nichts. Aber wenn sie könnte, würde sie gerne mal klettern. „Ich weiß nicht warum“, sagt Merle. Sie spielt gerne Konsolenspiele und Superhelden mag sie gerade besonders. Während manches uncool wurde, ist die Liebe zum Wasser geblieben.

Im Schwimmbad fehlt ein Lift. Deshalb helfen drei Männer, um Merle ins Wasser zu bringen.
Im Schwimmbad fehlt ein Lift. Deshalb helfen drei Männer, um Merle ins Wasser zu bringen. © Lorencic, Sarah

Nur der Weg dorthin ist noch immer beschwerlich. Barrierefrei ist weder der Zugang zum Schwimmbad, noch das Becken selbst. Weil die Halveranerin die Humboldtschule besucht, hat ihre Mutter einen Generalschlüssel. Sie nutzen daher den Hintereingang des Schulgebäudes, um nur fünf statt knapp 15 Treppenstufen mit dem Rollstuhl überwinden zu müssen. Eine Behindertenumkleide gibt es auch nicht, stattdessen nutzt die Familie den Sanitätsraum, der eine Liege hat, auf der Merle an- und ausgezogen werden kann. Was es gibt, ist ein Duschrollstuhl – er wurde vor einiger Zeit gespendet. Mit ihm fährt Merle bis an den Beckenrand. Am meisten fehlt ein Lift, der Merle den Zugang ins Wasser erleichtert. „Das wäre auch etwas für Senioren“, sagt ihre Mutter und vermutet, dass ein barrierefreies Schwimmbad viele Menschen mit Beeinträchtigung ermutigen würde, schwimmen zu gehen.

Im Haushalt stehen 10 000 Euro für einen Lift bereit, sagt Bürgermeister Michael Brosch auf Nachfrage unserer Redaktion. Merle freut sich über die Zusage, die in Zukunft Erleichterung schaffen wird. Freuen würde sie sich auch über einen neuen elektrischen Rollstuhl. Merle hat zwar einen, für den sie zwei Jahre mit der Krankenkasse kämpfen musste, aber er ist so sperrig, dass er sie mehr einschränkt als frei macht. Anträge für einen neuen kleineren Rollstuhl wurden bisher nur abgelehnt wie so vieles. Solange muss sie geschoben werden. Und auch bis zum Lift im Schwimmbad bleibt es ein Kraftakt. Drei Männer packen an, um Merle ins Wasser zu hieven. Langsam und behutsam senken sie sie mittels eines Gurtes ins Becken ab, wo ihre Mutter sie in Empfang nimmt.

Vom Duschrollstuhl ins Wasser ist es ein Kraftakt, aber alle helfen, um der 14-Jährigen ein paar Stunden Tauchen zu ermöglichen.
Vom Duschrollstuhl ins Wasser ist es ein Kraftakt, aber alle helfen, um der 14-Jährigen ein paar Stunden Tauchen zu ermöglichen. © Lorencic, Sarah

Merle hält sich zunächst an ihrer Mutter fest, dann am Beckenrand. „Du kannst mich loslassen, Mama“, sagt sie, schließt die Augen und lässt sich treiben. Melanie Jung-Arendt fiel das anfangs schwer. Auch jetzt nach zwei Jahren muss sie sich erst wieder daran gewöhnen, loszulassen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Eine Zeit lang genießt Merle einfach nur die Schwerelosigkeit. Dann kommt auch Volker Ziel ins Wasser und hilft ihr beim Anziehen der Tauchausrüstung. Im Wasser tanzt Merle nicht nur, sondern bewegt ihre Beine als würde sie laufen. Erklären kann das niemand und ihr Orthopäde möchte das gerne mal sehen, um es glauben zu können. Die Kraft, die sie für Bewegungen braucht, ist im Wasser nicht erforderlich.

Wasser ist Merles Element

„Es ist ihr Element“, sagt Tina Ziel von der Tauchschule Halver. Sie erinnert sich noch gut an den ersten Besuch von Merle vor vielen Jahren. Die ganze Familie saß auf der Bank, fieberte mit und wollte sehen, wie Merle das Schnuppertauchen gefällt. Schnell war klar: Das ist es, erinnert sich Tina Ziel. Dass es das Angebot in Halver gibt, ist ein großes Glück. Nicht in jeder Tauchschule können Menschen mit Beeinträchtigung betreut werden. Der Halveraner Lehrer Volker Ziel hat sich vor vielen Jahren für das sogenannte Behindertentauchen ausbilden lassen. In seinen Armen fühlt sich Merle sicher. „Sie muss nichts machen außer zu atmen“, erklärt Tina Ziel. Unterstützt wird ihr Mann von Tauchlehrer Dietbert Seehafer. Gemeinsam sorgen die beiden Männer dafür, dass Merle sicher ist. Dietbert Seehafer schwimmt unter ihr, Volker Ziel hält sie fest und bleibt dabei über Wasser. „Ich bin ein guter Halter“, sagt der Tauchlehrer und lacht. Schwerelos gleitet Merle dahin. Sie taucht ab aus dieser Welt.

Merle Arendt taucht mit Volker Ziel (über Wasser) und Dietbert Seehafer, der unter ihr schwimmt durch das Schwimmbad an der Humboldtschule.
Merle Arendt taucht mit Volker Ziel (über Wasser) und Dietbert Seehafer, der unter ihr schwimmt durch das Schwimmbad an der Humboldtschule. © Lorencic, Sarah

In der Zeit lassen sich auch ihre Eltern treiben. Sie überlegen lange, bis sie die Frage beantworten können, wie alt und wie lange sie verheiratet sind. „Man hört irgendwann auf zu zählen.“ Und lebt einfach? „Ja.“ Gedanken an Merles Krankheit werden nicht verschwendet. Ein Schock war es damals schon. Vorwürfe, Fragen nach dem Warum. SMA ist eine Genkrankheit und wird nur übertragen, wenn beide Elternteile sie in sich tragen.

Das Ehepaar sieht noch ihre kleine Merle vor Augen. „Sie war ein ganz normales Baby“, sagt die 49-Jährige. Merle fing an zu krabbeln, doch bei den ersten Gehversuchen merkten die Eltern, dass etwas nicht stimmte. 2010 dann die Diagnose und zunächst Ratlosigkeit. Nach einer Reha beschloss Melanie Jung-Arendt: „Kein Mitleid, kein Oh.“ Die Aufgabe der Eltern wurde klar. „Wir müssen Merle so viel Selbstbewusst sein geben wie es nur geht.“ Die Freude, die Merle im Gesicht hatte, als sie in ihrem ersten Rollstuhl saß, wird ihre Mutter nie vergessen. Er ist kein Hindernis, sondern ihre Freiheit, erklärt sie.

Die Familie lebt im Jetzt

In Badesachen sieht man Maik Arendts Tätowierungen. Auf der linken Brust ist ein Bild von Merle als Baby, daneben ein Porträt seines Vaters. Bewusst über dem Herzen, sagt der 44-Jährige. Auf seinem Unterarm steht Merle von der Beuge bis zum Handgelenk. Über dem Namen ein Engel, der den kleinen und den Zeigefinger hebt. „Rock ’n’ Roll“, sagt der Halveraner und ergänzt: „Das ist Merles Arm.“ Und auf gewisse Weise ist er es tatsächlich. Der Arm des Vaters hilft der Tochter, wenn ihre Arme keine Kraft haben. Die Familie ist ein Team.

Rock ’n’ Roll sieht man auch in der Wohnung. Unzählige Totenköpfe zieren das Zuhause der Familie. Die Schädel stehen für die Vergänglichkeit des Lebens und legen den Fokus auf das Hier und Jetzt. Die Familie will zeigen, dass es viele Möglichkeiten gibt, mit Beeinträchtigungen viel zu erleben. Was man braucht, sind viele Menschen, die helfen. Vor allem aber eines: Mut.

Ab und zu taucht Merle auf. Mit jedem Mal ist sie entspannter. „Ihre Augen gehen jetzt auch nach rechts und links“, sagt Dietbert Seehafer, der die ganze Zeit unter Wasser Blickkontakt mit ihr hält. Auch die Atmung wird ruhiger, sagt Volker Ziel. Wie findet es Merle? „Cool.“ Tauchen ist ihr liebstes Hobby. Und endlich darf sie wieder.

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