„Ideologielastigkeit bei Politikern“

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Auf Einladung der Realschulpflegschaft spricht Professor Kurt Heller zum Thema „Schulsysteme“.

Halver - „Die aktuelle Bildungsdiskussion in der Bundesrepublik Deutschland ist oft mehr von Mythen als von wissenschaftlich fundierten Argumenten begleite“, versuchte Professor Dr. Kurt A. Heller von der Universität München, vermeintliche Irrtümer auszuräumen.

Der 83-Jährige war auf Einladung der Schulpflegschaft der Realschule nach Halver zu einem Vortragsabend gekommen, zu dem der Vorsitzende Thomas Volborth knapp 40 Interessierte im Kulturbahnhof begrüßen konnte. „Nichts ist ungerechter als die gleiche Behandlung Ungleicher“, zitierte Heller den amerikanischen Psychologen Paul F. Branntwein und sprach sich gegen die Liberalisierung des Zugangs zu weiterführenden Schulen aus.

Eine größere Chancengerechtigkeit erreiche man im gegliederten Schulsystem besser als in Einheits- oder Gesamtschulen. Der Professor hält es daher auch für einen Mythos, dass eine teilintegrierte Sekundarschule die Begabungen von Haupt- und Realschülern ohne Beeinträchtigung individueller Bildungschancen fördere.

Als Beleg dafür führte Kurt Heller eine Reihe von Studien und Untersuchungen, insbesondere Pisa und TIMMS, an. So sei auch die Behauptung, dass frühzeitige Schullaufbahnentscheidungen optimale schulische Bildungserfolge schmälern würden durch Untersuchungen ebenso widerlegt wie die Annahme, dass unterschiedlich begabte Schüler in Einheitsschulen oder durch binnendifferenzierte Unterrichtsmaßnahmen gleiche Bildungsziele erlangen könnten. Ebenfalls als Mythos bezeichnete der Referent, dass bei längerem gemeinsamen Lernen der soziale Chancenausgleich und individuelle Bildungserfolge in Einheits- und Gesamtschulen besser gelingen als im gegliederten Schulsystem – wobei Heller die Sekundarschule ebenfalls als Einheitsschule bezeichnete. In der Realschule würden die Fähigkeitspotenziale der Schüler besser entwickelt, so Heller. Eine These, die der Veranstalter sicher gerne hörte – schließlich ist Thomas Volborth erklärter Gegner der Sekundarschule.

Und ähnlich skeptisch sieht der Bildungsexperte das Thema „Inklusion“: Er spricht sich für das Förderschulwesen aus, da die betroffenen Kinder sonst auf schmerzhafte Weise Ausgrenzungserfahrungen machen würden. Eine Integration ins Regelschulsystem, so Heller, sollte mit Bedacht und Augenmaß geschehen. Zudem sollte ein Augenmerk auf die Lehrerausbildung gelegt werden.

Es sei falsch, darauf Wert zu legen, dass die Anzahl der Abiturienten gesteigert werde und dadurch Zugangsvoraussetzungen verschwinden würden. Dabei sieht Heller eine „Ideologielastigkeit bei den Politikern“ in Nordrhein-Westfalen. Vielmehr sollte man ein vielfältiges Schulsystem, das Durchlässigkeit sowohl nach oben als auch nach unten gewähre, erhalten. Dabei sollten sowohl benachteiligte als auch begabte Schüler gefördert werden.

Dem Einwand in der abschließenden kleinen Fragerunde, dass es in Halver ein „total heterogenes Schülerbild“ geben würde, aus der eine zwingende Notwendigkeit für die Errichtung einer Sekundarschule erwachse – die Realschule würde zur Resteschule – hielt Thomas Volborth entgegen, dass er Halver mit Realschule und Gymnasium als Leuchtturm sieht, der Kinder aus anderen Städten nach Halver holt.

Von Det Ruthmann

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