Vier Wochen im Koma

Horror-Unfall mitten in der Nacht im MK: Taxi erfasst Mann (22) bei Ausweichmanöver

In Bergkamen ist ein Taxifahrer in der Nacht zu Samstag, 4. September, von Fahrgästen angegriffen worden.
+
In Bergkamen ist ein Taxifahrer in der Nacht zu Samstag, 4. September, von Fahrgästen angegriffen worden.

Vier junge Leute wanderten in der Nacht zum 30. Juli 2017 von Kierspe nach Halver. Etwa um 3.20 Uhr erfasste ein Taxi auf der Landstraße 528 einen damals 22-jährigen Halveraner, der schwer verletzt wurde.

Halver/Kierspe – „Drei bis vier Wochen“ lag er nach eigenen Angaben im Koma und „sechs bis neun Monate“ im Krankenhaus. Der Patient brauchte lange, um Bewegungseinschränkungen aufgrund eines schweren Schädel-Hirn-Traumas zu überwinden: „Ich habe mich gewundert, warum ich nur eine Hälfte meines Körpers bewegen konnte“, erklärte er im Amtsgericht Lüdenscheid, wo mehr als vier Jahre nach dem Unfall die strafrechtliche Aufarbeitung endgültig abgeschlossen wurde.

Die Verzögerung hatte mehrere Gründe: Die Staatsanwaltschaft hatte das Strafverfahren gegen den Taxifahrer wegen fahrlässiger Körperverletzung schon einmal eingestellt und später wieder aufgenommen. Der Fall lag dann in der Verantwortung jener Richterin des Amtsgerichts, die sich demnächst für gravierende Versäumnisse und mutmaßliche Straftaten im Verlauf ihrer Diensttätigkeit am Amtsgericht Lüdenscheid vor einer Kammer des Landgerichts verantworten muss. Offenbar blieben bei ihr auch die Akten aus dem Jahr 2017 viel zu lange liegen.

Hätte der Unfall vermieden werden können?

Richterin und Staatsanwältin entschuldigten sich bei allen Prozessbeteiligten nachdrücklich für die Verzögerung, die sie nicht persönlich zu verantworten hatten. Eine große Belastung entstand durch die lange Verfahrensdauer nicht nur für den schwerstverletzten 22-Jährigen, sondern auch für den 61-jährigen Angeklagten, der in der Unglücksnacht am Steuer des Taxis gesessen hatte. Ihm wurde vorgeworfen, nicht vorsichtig genug gefahren zu sein. Hätte er den Unfall tatsächlich vermeiden können?

„Der ist mir vors Auto gelaufen“

Diese Frage wurde in der Verhandlung immer wieder gestellt und letztlich verneint. Damit bestätigte das Gericht den Eindruck des 61-Jährigen, dass er „keine Möglichkeit“ gehabt habe, diesen Unfall zu vermeiden. „Ich weiß nicht, wie man so etwas verhindern kann“, erklärte er. „Der ist mir vors Auto gelaufen.“

Mehrere unglückliche Umstände kamen bei dem Unfall zusammen. Kurz zuvor war den vier Wanderern ein Auto aus Richtung Halver entgegengekommen. Drei blieben auf der linken Seite der Straße, nur der 22-Jährige wich auf die rechte Straßenseite aus. Der Unfall passierte, als er auf die andere Straßenseite zurückkehren wollte und dabei offenbar das aus Kierspe kommende Taxi übersah. Der Angeklagte sah ihn zu spät: „Ich habe noch versucht, nach links auszuweichen.“ Ohne dieses Manöver wäre möglicherweise nichts passiert, weil der 22-Jährige zum Zeitpunkt der Kollision schon fast die Mitte der Fahrbahn erreicht hatte.

Eine solche Entscheidung sei dem Fahrer des Taxis aber nicht möglich gewesen, erklärte ein Unfallgutachter, der sich umfassend mit dem Geschehen auseinandergesetzt hatte. Die unwillkürliche Reaktion, das Fahrzeug nach links zu lenken, wenn ein Hindernis von rechts kommt, sei kaum zu vermeiden. Dazu kamen weitere Befunde: Es gebe keine konkreten Hinweise, dass das Taxi mit mehr als 50 bis 60 Stundenkilometern unterwegs war. Am Unfallort gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h. Der Gutachter errechnete, dass der 61-Jährige innerhalb von 1,8 Sekunden auf den Fußgänger hätte reagieren müssen.

Gutachter schafft Klarheit

Das wäre aber aus verschiedenen Gründen unmöglich gewesen: Die erwartbare Reaktionszeit verlängerte sich durch die Dunkelheit und die Blendung durch das gerade entgegengekommene Fahrzeug. Der Gutachter kam deshalb zu dem Ergebnis, „dass der Unfall nach technischer Bewertung für den Angeklagten nicht vermeidbar war“. Daran änderte auch ein blaues Licht nichts, das der verletzte Fußgänger an seinem Rucksack trug. Denn selbst wenn er dadurch besser sichtbar gewesen wäre, hätte der Taxifahrer erst dann reagiert, als der Fußgänger plötzlich auf die Straße lief. Der Zeitablauf ließ aber keine angemessene Reaktion mehr zu. Oder wie die Richterin es zusammenfasste: „Ab dem Betreten der Fahrbahn war das Vermeiden der Kollision nicht mehr möglich.“ Und so waren sich alle Juristen letztlich einig, dass der Angeklagte freizusprechen war.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare