Tag gegen Homophobie

Zwei Männer, die sich lieben, erzählen ihre Geschichte

+
Björn Clever und Ferhat Lomen (rechts) wollen 2021 heiraten.

Halver - Am Sonntag war Internationaler Tag gegen Homophobie. Wir haben zwei Männer getroffen, die sich lieben. Björn Clever und Ferhat Lomen aus Halver erzählen ihre Geschichte.

„Zwei Schwule in der Familie, das kann ja nicht sein“, sagt Björn Clever. Sein Bruder ist schwul und deshalb war er es nicht. Zumindest 31 Jahre lang und in seiner Vorstellung. Denn aussuchen, weiß er heute, kann man sich das nicht. Man(n) ist schwul oder eben nicht. Eigentlich, sagt er, fand er schon mit 14 Jahren andere Jungen süß. Trotzdem lebte er sein Leben in Halver als heterosexueller Mann. Zwei Beziehungen mit Frauen hatte er – aber so ganz richtig habe sich das nie angefühlt. 

Vor fünf Jahren hat er sich dann geoutet.  Seit drei Jahren ist er mit Ferhat Lomen, der gebürtig aus Marburg kommt, zusammen. Die beiden sind mittlerweile verlobt. Björn Clever hat vieles gemacht. Er war Mitglied beim CVJM, fuhr Einrad, Kunstfahrrad und ist seit 1996 bei der Feuerwehr Halver. Er hat viel gearbeitet und hatte immer einen vollen Terminkalender. Dann wurde sein Leben ausgebremst. Seine Großmutter verstarb. „Dann habe ich mich von sämtlichen Dingen zurückgezogen.“ 

Inneres und äußeres Outing

Er hatte Zeit – vor allem, um über sich nachzudenken. Dann wurde es ihm immer klarer. „Ich hab gedacht, komm‘, du kannst dich nicht weiter verstecken, du musst es endlich wahrhaben“, sagt Clever und erzählt vom inneren und äußeren Outing. „Dann habe ich es zuerst meinem besten Freund erzählt und er sagte, da würde ich ihm nichts Neues erzählen.“ Viele Menschen im direkten Umfeld würden es oft früher erkennen als man selbst, sagt Ferhat Lomen dazu und lacht. Dann erzählte Björn Clever es Freunden, Kameraden bei der Feuerwehr und auch seiner Mutter. „Die wollte mir das erst nicht glauben, und dachte, das wäre ein schlechter Aprilscherz.“ Der 36-Jährige hatte erst Angst, ihr die Wahrheit zu erzählen. „Ich habe dann meinen ganzen Mut zusammengenommen.“ 

Heute ist seine Mutter glücklich, dass er zu sich gefunden hat, und freut sich mit ihm, dass er zudem auch seinen Traummann gefunden hat, erzählt er und schaut dabei seinen Partner an. Beide wirken sehr glücklich und unbeschwert. Das Wasserglas von Björn Clever ist leer und während er erzählt, schenkt ihm Ferhat Lomen etwas nach. Noch während er einschüttet, nimmt auch Björn Clever eine Flasche und füllt das Glas seines Verlobten auf. Die Arme der beiden überkreuzen sich, sind sich aber nicht im Weg. „Wir sind einfach füreinander bestimmt“, sagen sie nicht nur einmal. Das Rezept für eine glückliche Beziehung? „Offenheit, Ehrlichkeit und ein großes Herz. Nicht engstirnig denken, sondern open-minded“, sagt Lomen. 

Über eine Datingapp kennengelernt

Kennengelernt haben sich die beiden in einer Datingapp. „Eigentlich halte ich nicht viel davon“, sagt Ferhat Lomen. Aber es sei nicht leicht, jemanden zu treffen. „Ich bin nicht der typische Schwule, der in Szene-Kneipen geht, und deswegen habe ich es einfach übers Internet versucht.“ Bis auf Björn habe er dort auch „nur Chaoten“ kennengelernt. Aber als sie sich beide trafen, hat es einfach gepasst. 

Anfangs haben sie stundenlang telefoniert und sich dann getroffen. „Das war an einem Montagabend“, erinnert sich Björn Clever. Er erinnert sich an alles ganz genau. An den Tag, an dem sie zusammenkamen, den Tag, an dem sie sich verlobten – und klar, das Hochzeitsdatum im Juli kommenden Jahres. Auf die Frage, wie alt sein Partner ist, kann er schneller antworten. Auch, weil Ferhat aufgehört habe, zu zählen, als er 30 wurde. Björn Clever lässt seinen Partner geduldig erzählen und hängt an seinen Lippen, ergänzt aber auch seine Aussagen. Sie sind sichtlich verliebt. „Wie am ersten Tag.“ 

Eine Liebe, die noch heute nicht bei jedem akzeptiert ist

Eine Liebe, die noch heute nicht bei jedem akzeptiert ist. Erst jetzt wurden Behandlungen bei Jugendlichen in Deutschland verboten, die darauf abzielen, die homosexuelle Orientierung zu verändern, die sogenannte Konversionstherapie. Als wäre es eine Krankheit – etwas, was man heilen kann, ändern muss. „Wir sind froh, dass das jetzt verboten wurde“, sagt Ferhat Lomen. Für ihn gehört die Homosexualität schon länger zu seinem Leben. Dass er schwul ist, wusste er bereits im Alter von 14 Jahren mit großer Sicherheit. Zwei Beziehungen mit Männern hatte er vorher. Dass Björn Clever sein Partner bis ans Lebenende sein wird, wisse er ganz genau. Gemeinsam leben sie in Halver, nachdem sie kurze Zeit in Dortmund wohnten weil Ferhat Lomen dort arbeitete. Aber sie wollten zurück nach Halver. „Wir lieben das Ländliche“, sagt der 32-Jährige. „Wir fühlen uns hier sehr wohl.“ 

Als sich Björn Clever bei der Feuerwehr geoutet hatte, war er verwundert, dass sogar unter seinen Kameraden weitere homosexuell sind. Und auch insgesamt könne er jetzt in Halver einige Paare aufzählen. Schade findet er das, sagt er, weil sie vorher nicht sichtbar für ihn – und für jeden anderen – waren. Auch für Lomen war es nicht einfach, mit 14 Jahren die Wahrheit zu akzeptieren. „Ich hatte Angst“, sagt Ferhat Lomen. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater kommt gebürtig aus der Türkei. „Dass mein Vater türkischer Abstammung ist, machte es nicht leichter.“ 

Der erste Freund ist nicht der Richtige

Aber seine Eltern trennten sich 2010 und seitdem hat er keinen Kontakt mehr zu seinem Vater. Seine Mutter verstarb im Januar an kurzer, aber schlimmer Krankheit. „Ich durfte sie noch kennenlernen“, sagt Björn Clever. Und sie wird froh gewesen sein, dass ihr Sohn jetzt seine große Liebe gefunden hat. Denn mit 17 Jahren hatte er seinen ersten Freund, den seine Mutter nicht akzeptierte. „Ich dachte immer, sie hätte etwas dagegen, dass ich schwul bin.“ Dabei war sein erster Freund in den Augen seiner Mutter einfach nicht der Richtige für ihn. „Ihr ging es nur darum – egal, welches Geschlecht – dass die Person anständig ist, ein großes Herz hat und es ehrlich meint.“ 

Kinder wollen die beiden nicht haben, auch wenn es diverse Möglichkeiten auch für schwule Paar gibt. Aber sie haben ein Patenkind, und das reicht ihnen. „Wir reisen lieber“, sagt Ferhat Lomen. Die Hochzeitsreise steht bereits fest: Australien. In anderen Ländern haben es Homosexuelle schwieriger, wissen die beiden. Auch in der Heimat von Ferhat Lomens Vater, der Türkei. Nicht überall ist es möglich, frei seine Sexualität zu leben. Das war es auch lange in Deutschland nicht. 

Clever erinnert sich an seinen ehemaligen Chef, der im vergangenen Jahr mit 78 Jahren gestorben ist. Er war schwul, aber konnte sein Leben nicht so leben, wie er es wollte. „Er hatte eine Alibi-Frau“, erinnert sich der Halveraner. Es sei schade, dass viele Menschen nicht so leben, wie sie es wollen. Nicht den lieben können, den sie eben lieben. Und der Halveraner ist dankbar für die Möglichkeit, die er heute hat, auch wenn es auch in Deutschland noch Homophobie gibt. In der Schule wurde Ferhat Lomen oft beleidigt. 

Ist Diskriminierung ein Thema?

Diskriminierung erfahren die beiden heute jedoch wenig bis gar nicht. Auch, weil sie dem aus dem Weg gehen. Kürzlich hatten sie eine Situation, wo sie gefragt wurden, in welcher Beziehung sie zueinanderstehen. „Wir haben dann einfach gesagt, wir sind Cousins.“ Nicht, weil sie sich schämen oder Angst haben. „Auf der einen Seite ist es schade, dass man es manchmal noch verheimlichen muss.“ 

Auf der anderen Seite gehe es nicht jeden etwas an. Und manchmal sei es klüger. „Wir sind trotzdem in manchen Situationen vorsichtig, weil wir dann der Homophobie aus dem Weg gehen möchten.“ Händchen halten sie grundsätzlich nicht. Aus Rücksicht gegenüber Singles und Alleinstehenden. „Klingt vielleicht total komisch, aber ich denke da auch an meine Mitmenschen.“ Aber verbergen, dass sie ein Paar sind? „Ganz und gar nicht. Wir geben uns auch ein Küsschen in der Öffentlichkeit.“ 

Kirchenglocken werden bei der Hochzeit nicht leuchten

Kirchenglocken werden bei ihrer Hochzeit nicht läuten. Sie sind beide aus der Kirche ausgetreten. Viele Jahre war Björn Clever gläubig und war im CVJM aktiv. Als er aber von einem Halveraner Pfarrer hörte, dass er gegen die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare ist, hat es ihm gereicht. Womit er nie aufhören wird, ist die Feuerwehr. Sein Urgroßvater ist Gründungsmitglied der Halveraner Feuerwehr. Sein Großvater war Löschgruppenführer des heutigen Löschzugs Bommert und sein Vater gründete die Jugendfeuerwehr mit, die Björn Clever heute mit Benjamin Fernholz leitet. Zudem ist er Fachbereichsleiter der Brandschutzerziehung und klärt in Schulen auf. Etwa 1000 Stunden absolviert er ehrenamtlich bei der Feuerwehr. Er klärt auch über Homosexualität auf. Bei der Jugendfeuerwehr sei „von Homophobie keine Spur“, was ihn sehr freue. 

Auch im Feuerwehrverband Nordrhein-Westfalen ist er aktives Mitglied und erstellt derzeit einen Ratgeber gegen Homophobie für Feuerwehren innerhalb einer Untergruppe des Verbands, die nur aus homosexuellen Feuerwehrmännern und -frauen besteht. „Wir wollen gezielt diese Leute ansprechen.“ 

Auch Homosexuelle sollen sich erwünscht fühlen bei der Feuerwehr. NRW-weit ist er vernetzt und klärt auf. Das ist sein Beitrag, Homosexualität sichtbarer zu machen, und es Menschen leichter zu machen, sich zu outen. Homophoben Menschen wollen die beiden sagen: Lasst jeden Menschen das Leben leben, das ihn glücklich macht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare