Fleischskandal begünstigt kleinen Hof

Hofladen im MK profitiert von Vorfällen bei Tönnies & Co.

Hof Hedfeld, Hofladen, Halver, Auf dem Wiebusch
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Mit Überzeugung: Stefan Hedfeld führt mit seinem Bruder Christof den elterlichen Betrieb am Hof Hedfeld. Die Frauen der beiden Männer kümmern sich um den Hofladen, die Männer um die Tiere. Neben Schweinen leben Auf dem Wiebusch auch Rinder, Hühner und Pferde.

Schweinestau lässt andernorts Bauern verzweifeln. Weil wegen der Corona-Pandemie Schlachthöfe ihre Kapazitäten heruntergefahren haben, bleiben die schlachtreifen Schweine länger in den Betrieben als eigentlich vorgesehen. Daher kommt der Begriff Schweinestau. Das Problem hat der Hof der Familie Hedfeld aus Halver aber nicht.

Halver – Der Betrieb Auf dem Wiebusch hinter Anschlag hat sich bereits vor 30 Jahren für eine Haltungsmethode fern ab der konventionellen Zucht entschieden und sich dem Verein Neuland angeschlossen. Nicht Bio, aber artgerecht leben die Tiere auf dem Hof. „Das ist Landwirtschaft, die mir Spaß macht“, sagt Reinhard Hedfeld, der sich gemeinsam mit seiner Frau in den Achtzigern dazu entschieden hat, artgerechte und umweltschonende Tierhaltung zu betreiben. Schon vor 30 Jahren war der Kastenstand in der Kritik, erzählt der 76-Jährige. Neben Rindern und Hühner sind es vor allem Schweine, die rund ums Haus der Familie leben – und am Ende auch als Wurst und Fleisch im eigenen Hofladen verkauft werden.

Schweine können immer an die frische Luft

Die Schweine können hier immer an die frische Luft und auf die eigene Schweinswiese. Selbst im Winter rennen die Ferkel und Schweine durch den Schnee. „Nur zum Aufwärmen mit fast eingefrorene Ohren laufen sie wieder rein, um kurz danach wieder durch den Schnee zu rennen“, erzählt Reinhard Hedfeld und lacht.

10 Tage alt sind diese Ferkel auf dem Betrieb der Familie Hedfeld.

Vier Zuchtsauen gibt es auf dem Hof. Erst Anfang des Monats haben sie wieder Ferkel bekommen. Für die Befruchtung verantwortlich ist der Eber des Hofs. Er bringt die Sauen nicht nur wie bei der konventionellen Züchtung in Stimmung, sondern darf und soll sie selbst auf der eigenen Wiese decken. Genannt wurde er Happy, seine Sauen heißen unter anderem Rambo und Löwe. Bis zu 18 Ferkel haben die Sauen jeweils bekommen. Kalkuliert wird hier aber nicht. Wann die Sauen trächtig sind und wie viele Ferkel sie bekommen, ist auch immer eine Überraschung. Nur bei der Auswahl der Sauen legte man Wert auf einen Wurf von mindestens zehn. Der Züchter habe aber daraufhin gelacht und sinngemäß gesagt, dass das kein Problem ist.

Nicht alle Ferkel überleben immer

Derzeit sind die Sauen mit ihrem Nachwuchs in einem Stall untergebracht, wo für die Ferkel eine Wärmelicht-Ecke eingerichtet wurde. Beim Besuch im Stall wird jeder Sau die Hand zum Schnuppern hingehalten. „Dann wissen sie, mit wem sie es zu tun haben“, erzählt Stefan Hedfeld, einer der beiden Söhne, die den elterlichen Betrieb weiterführen. Mit den Würfen ist er zufrieden. Auch im März haben die vier Sauen viele neue Ferkel gebracht. Nicht immer überleben alle. Bei 18 Ferkeln ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass eines bei nur 16 vorhandenen Zitzen zu wenig Milch abbekommt. Weil die Sauen nicht wie in der konventionellen Züchtung im Kastenstand befestigt werden, kann es passieren, dass sich eines der Tiere auf ein Ferkel legt.

Das sei sehr traurig, sagt Stefan Hedfeld, aber auch in der Natur nicht anders. Trotzdem setzt man hier alles daran, die Tiere zu schützen. Die ersten drei Tage sind immer kritisch. „Da haben die Mütter noch viel mit sich zu tun.“ Dann spielt es sich aber ein, und ohnehin lernen die Ferkel schnell. „Dagegen sind wir Menschen doof.“ Sobald die Mutter ein falsches Grunzen von sich gibt, rennen alle Ferkel schnurstracks in den warmen, sicheren Kasten. Und bei einem ganz speziellen Grunzen legt sich die Sau hin und alle Ferkel kommen zum Trinken angerannt.

Eber Happy hat momentan eine ganze Schweinswiese für sich, weil die vier Sauen geferkelt haben.

Die Hedfelds hängen an ihren Tiere, sind aber auch rational. Sie essen natürlich Fleisch, sagen sie. Aber wichtig ist ihnen, dass die Tiere ein gutes Leben hatten. Jetzt sind es rund 80 Schweine, die auf dem Hof unterwegs sind. Die größeren Ferkel sind nicht nur auf der Wiese, sondern auch auf dem Hof unterwegs und schlüpfen durch die Zäune durch. Auf dem Weg könnten sie einem Hahn begegnen – oder einem Besucher. „Das ist auch so gewollt“, sagt Stefan Hedfeld. Es geht auch darum, offen zu zeigen, wie die Tiere hier leben, die man im Laden kaufen kann.

Die Menschen stellen Fragen. Sie haben Misstrauen gegenüber der Lebensmittelindustrie.

Stefan Hedfeld, Leiter des gleichnamigen Hofs

Und immer mehr Menschen wollen das auch ganz genau wissen. „Die Menschen stellen Fragen“, sagt der Leiter des Hofs. „Sie haben Misstrauen gegenüber der Lebensmittelindustrie.“ Tönnies kann keine Werbung machen oder transparent sein, sagt Hedfeld. „Dass dort Tanklaster voll Blut abgeholt werden, kann man keinem Konsumenten sagen.“

In einer Extrabox ist es durch Infrarotstrahler für die Ferkelchen warm.

Der Skandal beim Schlachtbetrieb Tönnies hat den Umsatz des Hofladens um 100 Prozent gesteigert. Statt eines Schweins werden jetzt zwei in der Woche geschlachtet. Und damit kommt der Hof an seine Grenzen, denn so viele Schweine hat er nicht. Mindestens sieben Monate leben die Schweine hier, ohne dass nur einer daran denkt, sie zu schlachten. Und dann müssen sie ihr Schlachtgewicht erreichen. Ab 100 Kilogramm kommen die Schweine jetzt zum Schlachter, um der Nachfrage gerecht zu werden. Normal kommen sie mit 120 Kilogramm dran.

Das Problem mit dem Schweinestau haben die Betriebe, die auf Masse arbeiten wie in einer Industrie. Stefan Hedfeld begrüßt es, dass die konventionellen Methoden in der Diskussion sind und zum Teil bald verboten werden. Noch kann die Familie nicht alleine von dem Betrieb leben und führt ihn als Nebengewerbe. Sie hofft, dass sich das einmal ändert. In der Hand hat das der Konsument.

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