Hochwasseralarmplan

Hochwasser im MK: Hätte man eher evakuieren müssen?

Rasanter Anstieg: So veränderte sich der Pegelstand
+
Rasanter Anstieg: So veränderte sich der Pegelstand

Es gibt einen Alarmplan, der im Falle eines Hochwasser greifen soll. Geht es nur nach diesem Plan, hätten Maßnahmen eher eingeleitet werden müssen. Wir haben nachgefragt, was es mit dem Plan auf sich hat. Wurde zu spät in Oberbrügge reagiert?

Oberbrügge – Für den Fall eines Hochwassers in Halver-Oberbrügge hat die Stadt Halver aufgrund gesetzlicher Anordnung der Bezirksregierung Arnsberg vor einigen Jahren einen Alarmplan- und Einsatzplan aufstellen müssen. Mit dieser Maßnahme hat sich Hubert Kowalski, zuständig für Siedlungswasserwirtschaft und Gewässer und Gewässerschutz bei der Stadt Halver befasst. Wie Bürgermeister Michael Brosch und Thomas Gehring, Leiter der Bürgerdienste, sagen, sei dieser Plan aber nie in Kraft getreten. Weil der Plan nicht passe – personell und strukturell.

Vor 50 Tagen, am 14. Juli, trat der Ernstfall erstmals ein. Mit einer Wucht, die selbst die Bezirksregierung Arnsberg nicht in ihrem Szenario für ein 100-jährliches Ereignis kalkuliert hatte. Die Vorhersage dieses sogenannten HQ100 wurde überschritten. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ufer, die in der Kalkulation trocken blieben, liefen in der Realität über. Häuser liefen voll. Straßen wurden überflutet, Brückenfundamente unterspült. Die Feuerwehr hatte Schwierigkeiten, in den Wassertiefen zu agieren, die Wattiefe der Fahrzeuge war bereits bei 80 Zentimetern erschöpft. Es wurde am späten Abend entschieden, Anwohner der überfluteten Gebiete zu evakuieren, weil ersichtlich wurde, dass im Notfall niemand mehr an die Häuser herangekommen wäre. Statt der nur wenigen Häuser, die die Bezirksregierung als Risiko einstuft, wurden letztendlich an die 60 Gebäude von der Feuerwehr evakuiert, wie Dennis Wichert, Leiter der Feuerwehr Halver, sagt.

Plan habe nicht gegriffen

Seitens der Feuerwehr hieß es, der Hochwasseralarmplan habe nicht gegriffen. Denn der Plan gehe nur bis zu einem Pegel von 2,50 Metern, der in Stephansohl in Schalksmühle gemessen wird. Der Wasserstand war jedoch weitaus höher – wie hoch, kann man nur schätzen. An die vier Meter sind die gängige Annahme. Bei einem Blick auf den Plan könnte der Umgang mit der Situation in Oberbrügge anders interpretiert werden. Nämlich so, dass zu spät gehandelt wurde. Ist das so?

Der „Alarm- und Einsatzplan Hochwasser“ legt drei Alarmstufen fest. Stufe 1 beginnt bei einem Pegel von 1,10 Meter, Stufe zwei bei 2,10 Meter und Stufe 3 bei 2,50 Meter – gemessen wird in Stephans-ohl. Bei Eintritt der ersten Stufe sieht der Plan zum Beispiel vor, die Bevölkerung vor einer möglichen Evakuierung zu informieren, was im Zweifel über einen Ausruf mittels Megafon erfolgen kann. Alarmstufe 2 wird konkreter. Die Bevölkerung muss über die „bevorstehende Evakuierung“ informiert werden, die Turnhalle in Oberbrügge ist als Quartier zur Verfügung herzurichten. Enervie ist in Kenntnis zu setzen, um den Strom abzustellen. Alarmstufe 3 sieht unter anderem die unverzügliche Evakuierung vor. Der Pegel von 1,10 Meter war am 14. Juli gegen 9 Uhr erreicht, 2,10 Meter um 15 Uhr, 2,50 Meter um 16 Uhr. Und das Wasser stieg von da an immer weiter, war aber nicht mehr messbar.

Ich hatte zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass die Feuerwehr Oberbrügge nicht im Fokus hatte.

Bürgermeister Michel Brosch

Am Nachmittag wurde die Großschadenslage ausgerufen, und im Feuerwehrgerätehaus Halver kamen daraufhin sämtliche Verantwortliche zusammen, auch Bürgermeister Michael Brosch. Ab diesem Zeitpunkt gelten kommunale Pläne ohnehin nicht mehr, erklärt Michael Brosch. Wie Wichert sagt, waren die ersten Einsätze in Oberbrügge am Nachmittag, parallel liefen viele Einsätze, und „irgendwann ist man mit der Manpower am Ende“. Vernachlässigt aber habe man Oberbrügge nicht. „Ich hatte zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass die Feuerwehr Oberbrügge nicht im Fokus hatte“, sagt Brosch.

Einzelne Anwohner aus der Siedlung Loewen wurden gegen 19 Uhr vom THW evakuiert, gegen 23 Uhr hat die Feuerwehr gemeinsam mit der Stadt entschieden, insgesamt 140 weitere Personen zu evakuieren. Der Plan hätte das um 15 Uhr, spätestens um 16 Uhr eingeleitet, allerdings nicht für die betroffenen Häuser – sie kamen gar nicht darin vor. An ein „Schema F“ aber sollte man sich ohnehin nicht sklavisch halten, sagt Gehring. Erst recht nicht dann, wenn die Lage dynamisch ist. „Eine Evakuierung ist keine Kleinigkeit“, sagt er und erklärt, dass man, nur weil ein Pegelstand erreicht ist, nicht auf einen Knopf drückt und Menschen evakuiert. Auch Brosch ergänzt, das solche Maßnahmen Traumata hervorrufen können, gerade bei Kindern. „Ich stehe hinter den Kameraden, es war richtig, eine Evakuierung so lange hinauszuzögern wie es geht, um Menschen nicht noch mehr zu belasten.“

„Evakuieren ist ein großer Schritt“, erklärt Wichert. Der muss geplant werden, weshalb er es auch räumen und nicht evakuieren nennt. Wer zuerst? Wie geht man vor? Fragen müssen geklärt werden. Entschieden hat sich die Feuerwehr dazu, weil sich die Lage zuspitzte, wie sie keiner erwarten konnte. „Pro Minute stieg der Pegel einen Zentimeter.“ Der Plan sei für ein Hochwasser gedacht, aber nicht für so ein Ereignis. Das Problem war der rapide Anstieg, „wir hatten keine wirkliche Chance“, sagt Wichert.

Zurück ins Heute: Es gab mehrere interne Gespräche. „Wir wollen alles aufarbeiten“, sagt Wichert. Auch den „Alarm- und Einsatzplan Hochwasser.“ Ein passender Plan soll erarbeitet werden und dann in Kraft treten. Dass die Feuerwehr gut und richtig agiert habe, daran bestehe kein Zweifel, sagt auch Gehring. „Aber man macht immer Fehler, und wir wollen daran arbeiten, dass es besser wird.“ Dazu gehört ein Gespräch über den Plan. Und dieser soll dann nicht mehr nur der Führungsebene vorliegen, sondern allen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare