Heikle Recherche: Buch über NS-Opfer in Halver

Matthias Clevers Buch „Vergessene Schicksale – NS-Oper in Halver“ wird ab kommenden Samstag im Kö-Shop verkauft. ▪ Weber

HALVER ▪ Es war eine heikle Recherche: Zeitzeugen mauerten, warfen Matthias Clever „Nestbeschmutzung“ vor. Bis der Autor sein Buch in den Druck geben konnte, hatte er viele Hürden zu überwinden. Doch der 27-Jährige hat sein Ziel erreicht: Am kommenden Samstag kommt sein Buch „Vergessene Schicksale – NS-Opfer in Halver“ in den Handel.

Dass die Veröffentlichung manch einem Halveraner ein Dorn im Auge sein könnte, dessen ist sich der Autor durchaus bewusst. Umso wichtiger war ihm die Sammlung historischer Belege – „ich bin durchs ganze Land gefahren, um Material zu sichten“, erinnert sich Clever unter anderem an Besuche im hessischen Landesarchiv oder im Staatsarchiv Münster. Doch auch auf die Bestände der Museen in Auschwitz, Bergen-Belsen oder Dachau griff der Autor zurück. Denn: Keine im Buch getroffene Aussage soll angezweifelt werden können. So hat Matthias Clever Fakten zusammengetragen, die jeder historischen Überprüfung Stand halten sollen – nicht ohne Grund hat der Autor mit Dr. Renate Feikes eine promovierte Historikerin als Lektorin engagiert.

Von den Unterstützern des Nationalsozialismus in Halver – unter anderem sind Fotos der einstigen Führungsriege oder der SA Grünenbaum zu sehen – kommt Clever schnell zu jenen, die das dunkelste Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte als Opfer erlebt haben: Er beleuchtet politisch und religiös Verfolgte, wie etwa den als „Staatsfeind“ in Dachau inhaftierten Pfarrer Josef Neunzig. Er blickt auf Opfer von Zwangssterilisation und Euthanasie zurück. Und er beschreibt das Leid und die Geschichte von Juden sowie Sinti und Roma aus Halver.

Die tragische Familienchronik der Familie Laubinger nimmt dabei besonderen Raum ein: Auf mehr als 40 Seiten erinnert sich Spinetta Weimer, eine geborene Laubinger, an die Deportation ihrer Familie nach Auschwitz, an den Tod ihrer drei Schwestern, an die Ausnutzung ihres Vaters, der für die Wehrmacht kämpfte, dem das „Deutsche Reich“ jedoch zugleich die Familie nahm.

Es sind bewegende Geschichten, die Matthias Clever auf 184 Seiten zusammengetragen hat. Geschichten, die verdeutlichen, dass der Nationalsozialismus auch in Kleinstädten Opfer forderte. Bei den Lesern werden die erschütternden Berichte der Zeitzeugen haften bleiben. Die unumstößlichen Fakten, die keinen Spielraum für Interpretationen lassen.

Fest steht nach der Lektüre: Clever hat ein Buch geschrieben, das geschrieben werden musste. Ihm gelingt es, die NS-Vergangenheit aus dem abstrakten Großstadtmilieu in die Provinz zu holen. Dass der Autor bereits seine Recherche als Tabubruch empfinden musste, ist der eigentliche Skandal. Dabei zeigt sein Buch: Auf der braunen Deutschlandkarte war Halver mitnichten ein weißer Fleck. ▪ Frank Zacharias

Matthias Clever: „Vergessene Schicksale – NS-Opfer in Halver“, Denker Verlag, 12,95 Euro, ab 5. November im Kö-Shop.

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