Kritik von Tierärztin und Züchterin

Haustier-Boom in Corona-Zeiten: Tierärztin sieht das kritisch

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Die Nachfrage nach Welpen ist in der Corona-Pandemie explosionsartig gestiegen. Studien gehen davon aus, dass im Jahr 2020 in Deutschland eine Million Haustiere mehr lebten als ein Jahr zuvor.

Schon vor der Pandemie galt der Hund als „bester Freund des Menschen“. Doch in Zeiten von Corona haben deutlich mehr Familien sich einen Vierbeiner zugelegt. Vor allem Welpen sind extrem gefragt.

Halver – Die Telefone der Züchter stehen kaum still. Die Preise für junge Hunde sind geradezu explodiert. Ein Trend, den Dr. Jutta Middendorf-Gräfe kritisch sieht. Die Halveraner Tierärztin züchtet selber seit vielen Jahren Beauceron-Welpen.

Middendorf-Gräfe, die zusammen mit ihrem Mann in der Burbach eine Praxis betreibt, hatte kürzlich eigentlich einen Wurf geplant, doch die Hündin wurde nicht trächtig. „Das sehe ich jetzt mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagt die Tierärztin. „Denn in dieser Zeit wäre es sehr schwierig geworden, die richtigen Menschen für die Welpen zu finden.“ In der Regel trifft sich die Züchterin mehrfach mit potenziellen Käufern, nimmt sich Zeit, deren Lebensumstände und Hundeerfahrung einzuschätzen – wie das eine verantwortungsvolle Züchterin eben tut.

Viele „schwarze Schafe“ unter den Anbietern

Doch da die Nachfrage nach Welpen derzeit so groß ist, tummeln sich mittlerweile viele „schwarze Schafe“ unter den Anbietern von jungen Hunden. Kritisch sieht Jutta Middendorf-Gräfe in diesem Zusammenhang auch die Vermittlung von Hunden aus dem Ausland. „Da kennen die neuen Besitzer häufig nur ein Foto, wissen nicht, ob der Hund Menschen mag, ob er allein bleiben kann oder wie er auf bestimmte Situationen und Geräusche reagiert“, gibt Middendorf-Gräfe zu bedenken. Folge: Vor allem Hundeanfänger sind mit den Tieren dann schnell überfordert.

„Zudem gibt es viele Anbieter mit reinen Gewinnerzielungsabsichten.“ Da sollen potenzielle Käufer schon lange vor der Abgabe viel Geld überweisen und zum Abholen nur eine Leine und ein Halsband mitbringen.

„Da wird dann ein Hund nach dem anderen aus einer Scheune gezerrt und übergeben.“ Ob die Hunde zu den jeweiligen Menschen und deren Leben passen – das interessiert viele der „Hunde-Vermittler“ nicht.

Hygienestandards sind nicht immer gegeben

Von einer artgerechten Aufzucht, in der die jungen Hunde neue Reize kennenlernen und sich entwickeln können, sind viele zudem meilenweit entfernt – von entsprechenden Hygienestandards ganz zu schweigen. „Ich habe in der Praxis schon viel gesehen – Hunde, die voller Parasiten waren, mit Würmern und voller Flöhe abgegeben wurden.“

Laut einer aktuellen Studie des Industrieverbandes Heimtierbedarf und des Zentralverbands Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands lebten 2020 fast eine Millionen Haustiere mehr in deutschen Haushalten als noch im Jahr zuvor. Darunter sind auch viele neue Hundehalter, die erstmals einen Vierbeiner angeschafft haben. Wichtig vor allem für diese Familien wäre die Betreuung durch eine professionelle Hundeschule – insbesondere für die kleinen Vierbeiner. Doch die Hundeschulen dürfen derzeit nicht für Gruppen öffnen. Nur Einzelunterricht ist in Zeiten von Corona erlaubt. „Aber speziell Welpen brauchen die Zeit in der Gruppe, um andere Hunde kennenzulernen. Hunde anderer Rassen, Farben und Größen, die anders spielen als sie selbst.“ Daher plädiert Jutta Middendorf-Gräfe für die Öffnung von Hundeschulen – zumindest für die jüngsten Vierbeiner. Und sie appelliert an alle, die sich für einen Welpen oder älteren Hund interessieren, sich nur für seriöse Züchter oder Tierheime zu entscheiden. „Auch wenn man dann manchmal deutlich länger auf das Tier warten muss.“

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