Handwerksbetriebe in Halver bilden weiter aus

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Christoph Keßler (20) ist bereits in seinem letzten Ausbildungsjahr bei der Tischlerei Pierenkemper. Auch sein Abschlussprojekt für die Prüfung nehme so langsam Form an.

Halver - Immer weniger Schulabgänger entscheiden sich für einen Handwerksberuf. Auch die Zahl der Bewerbungen geht zurück, und trotzdem gibt es noch Betriebe in Halver, die ausbilden. So haben die Tischlerei Pierenkemper und der Friseur Kleine-Tebbe & Heim Auszubildende in ihren Betrieben. Die Fleischerei Wiebel verzichtet hingegen auf Lehrlinge.

Zehn Mitarbeiter hat die Tischlerei Pierenkemper – drei davon sind Auszubildende, einer pro Lehrjahr. Inhaber Olaf Jarosch ist stolz auf seine Schützlinge. Er will die überdurchschnittliche Zahl an Azubis im Verhältnis zur Firmengröße beibehalten. „Wir sind auf die Auszubildenden angewiesen“, weiß er. Neben den praktischen Tätigkeiten in dem Betrieb und den ein bis zwei Schultagen pro Woche absolvieren die jungen Männer auch zahlreiche Lehrgänge in der überbetrieblichen Ausbildungsstätte in Altena und besuchen Maschinenkurse.

Jarosch rät Interessierten, die Bewerbung schon im Sommer mit dem Abschlusszeugnis für das kommende Ausbildungsjahr abzuschicken. Denn „die Industrie schnappt sich die Cremetörtchen weg“, daher müssten auch die Handwerksbetriebe schneller reagieren und die Bewerbungsfristen verkürzen. Oft absolvieren die späteren Azubis zuerst ein Praktikum in dem Betrieb. Dort können beide Seiten schauen, ob eine Zusammenarbeit funktioniert, so Jarosch. Das Zeugnis spiele hingegen keine allzu große Rolle. „Erfahrung und Eindruck“ seien wichtiger. Die Chancen auf eine Übernahme nach der Ausbildung seien groß, sagt Jarosch. Schließlich sei auch er ein „Eigengewächs“.

Schlechte Erfahrungen mit Praktikanten

Auch Silke Heim vom Friseursalon Kleine-Tebbe & Heim hat derzeit einen Azubi in ihrem Betrieb. Mohammet Döken war in seiner alten Ausbildungsstätte nicht mehr zufrieden und habe sich schließlich bei Silke Heim persönlich vorgestellt. Dort absolviert er derzeit sein letztes Ausbildungsjahr. Danach würde er gerne dort bleiben und vielleicht sogar seinen Meister machen.

Mohammet Döken ist in seinem dritten Lehrjahr im Friseursalon Kleine-Tebbe & Heim. Dort fühle er sich sehr wohl.

Aktiv suche Heim Auszubildende nicht mehr. Zu viele schlechte Erfahrungen mit unzuverlässigen Praktikanten und Azubis habe sie dazu gebracht. Döken hingegen habe sie eine Chance gegeben. „Es muss einfach passen“, sagt Heim. Doch auch die Bewerbungen auf eine Ausbildungsstelle in ihrem Betrieb hätten nachgelassen. Zum einen würden sich viele Schüler eher dazu entscheiden, noch länger zur Schule zu gehen, das Fachabitur zu machen und möglicherweise zu studieren, so Heim. Zum anderen seien die Anforderungen gestiegen. Diese könnten nicht alle Bewerber erfüllen.

Metzgermeister Reiner Wiebel bildet derzeit nicht aus und ist auch nicht auf einen Auszubildenden angewiesen.

Den Eindruck hat auch Reiner Wiebel. „Viele unterschätzen den Beruf des Metzgers oder erfüllen die Anforderungen nicht“, sagt Wiebel. Oft mangele es an den Mathematik-Kenntnissen. Fächer wie Mathe und Chemie seien wichtig, denn heutzutage müssten Auszubildende alles über Inhaltsstoffe wissen. Auch die körperlichen Anforderungen – Stehen und Tragen – würden steigen. Außerdem müssten Rezepte auswendig gelernt und die Kunden beraten werden, wie etwa zur Zubereitung von Fleisch. Ebenso sei es wichtig, dem Kunden „das richtige Fleisch für ihr Gericht“ zu verkaufen, sagt Wiebel.

Oft nimmt der Metzgermeister Praktikanten in seinem Betrieb auf. Doch sobald diese sehen, dass die Fleischerei Wiebel selbst schlachtet und Fleisch sowie Wurst aus eigener Herstellung kommen, überlege sich der Schüler lieber zweimal, ob er seine Lehre dort beginnen will. „Als Notlösung macht eine Ausbildung in einem Metzgereibetrieb jedoch keinen Sinn“, sagt Wiebel. Der Azubi müsse sich wohl fühlen und zuerst das Berufsbild kennenlernen. Für Wiebel sei in erster Linie das Image des Fleischers ein Problem. „Viele arbeiten nicht gern mit Lebensmitteln, ekeln sich sogar davor“, sagt der Metzgermeister. Auch die Arbeitszeiten – es geht um 4 Uhr morgens los – seien abschreckend.

Robert Löwen (25) ist seit August Azubi der Tischlerei Pierenkemper. Zu seinen Aufgaben in dem Betrieb gehört unter anderem das Abrichten, also Glätten, von Holz.

Viele Betriebe suchen laut Markus Kluft, Pressereferent der Handwerkskammer Südwestfalen, ohne Erfolg nach Auszubildenden. Da die Geburtenrate sinkt, gebe es auch weniger Schulabgänger. „54 Prozent von ihnen wollen studieren“, erklärt Kluft. Daher wandern auch einige ab.

App informiert über Lehrstellen

Kluft sieht zudem eine Problematik darin, dass den Mädchen und Jungen in der Schule oft zu wenig über Ausbildungsberufe in der Region vermittelt werde. Auch Unwissenheit darüber, was beispielsweise ein Modellbauer mache, sei ein Grund für Schüler, sich gar nicht erst auf diese Stelle zu bewerben. Dafür haben die Handwerkskammern jedoch eine Lösung gefunden. Die App „Lehrstellenradar“ für Smartphones helfe Schulabgängern, sich über Ausbildungsplätze zu informieren oder herauszufinden, welcher Beruf zu ihnen passt. Auch die Zeitschrift ,Handfest‘ informiere regelmäßig über Betriebe und Ausbildungsberufe, so Kluft.

Von Nathalie Kirsch

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