Coronavirus

Mit Mandeln durch die Krise - wie eine Schausteller-Familie Corona übersteht

Schaustellerfamilie Schmidt aus Remscheid steht auf der Kirmes in Halver im Jahr 2019.
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Hier stehen die Schmidts noch in Halver vor ihrem Autoscooter. Wann dürfen sie wieder auf Kirmessen? Das fragen sie sich.

Keine Kirmes, kein Weihnachtsmarkt. Was machen Schausteller in dieser Zeit? Wir trafen die Familie Schmidt, die mit Autoscooter, Kinderkarussell und Süßigkeitenstand auf den großen Kirmessen Deutschlands unterwegs ist. Und seit mehr als 50 Jahren auch auf der Halveraner.

Halver - Sie kommen nicht aus Halver, die Schmidts. Aber sie gehören zu Halver. Seit mehr als 50 Jahren ist die Schausteller-Familie fester Bestandteil der Halveraner Kirmes. Mit dem Autoscooter, einem Kinderkarussell und Süßigkeiten-Stand sind immer drei Schmidt-Generationen in den Straßen der Innenstadt verteilt. Im Mai wäre es eigentlich wieder soweit gewesen. Aber so wie jede andere Veranstaltung, fiel auch die Kirmes in Halver aus. Auch Weihnachtsmärkte wurden abgesagt. Das Corona-Jahr nähert sich dem Ende, die Pandemie nicht. Wie geht es der Familie Schmidt?

Lagebericht aus Remscheid, der Stadt, aus der die Schmidts kommen: „Ich mache gerade frische Mandeln“, sagt Frank Schmidt. Leicht hektisch, wohl gemerkt. Seine gebrannten Mandeln müssen perfekt werden. In einem kleinen Anbau auf dem Anwesen brennt das Oberhaupt der Familie Mandeln für die Stände, die er, seine Frau und zwei Töchter betreiben.

Mandeln und Popcorn sind die Rettung

Im Einkaufscenter in Remscheid gibt es die Schmidt-Mandeln sowieso das ganze Jahr. Seit einiger Zeit steht auch ein Stand im Einkaufszentrum in Wuppertal von den Schmidts, und der dritte Stand folgte vor Kurzem im Limbecker Platz in Essen. Mit Süßigkeiten gegen die Krise. „Der Mandelverkauf hält uns über Wasser“, sagt Frank Schmidt. Das ganze Jahr stand keines der Fahrgeschäfte der Familie auf einer Kirmes. Wurden sie sonst nur für kurze Zeit auf dem eigenen Fuhrpark kurzzeitig abgestellt, um nur wenige Tage bis zur nächsten Kirmes zu rasten, stehen sie jetzt einfach nur rum. Die vielen Glühbirnen waren das ganze Jahr noch nicht an. Der Autoscooter steht komprimiert auf einem Hänger. Die Versicherung hat Frank Schmidt schon lange auf Eis gelegt. Steuern sparen ist das Ziel. Die Kosten für den Stillstand wären nicht bezahlbar.

Der Mandelverkauf hält uns über Wasser

Frank Schmidt Schausteller

Sie kommen durch das Jahr, versichert Schmidt. Ohne die Mandeln hätte die Familie ein Problem, aber so geht es. „Aber jeder macht irgendwas“, erzählt Schmidt. Und sei es nur ein Imbisswagen vor einem Baumarkt. Die Schausteller kämpfen ums Überleben in der Krise. Das Leben, so wie es dieses Jahr war, kennen die Schmidts so nicht. Immer unterwegs von Stadt zu Stadt, leben sie normalerweise in ihren meterlangen Wohnwagen, die einem Haus auf Rädern nahe kommen. Zuhause sind sie so gut wie nie. Und selbst wenn sie in Remscheid sind, schlafen sie nicht im Haus – sondern im Wohnwagen, weil es sich nicht lohne. „Ich war so lange ich lebe keinen einzigen Sommer zuhause.“

Seit Kurzem steht auch im Essener Einkaufszentrum Limbecker Platz ein Stand.

Nur Ruth Schmidt, die Mutter von Frank Schmidt, die es sich nicht nehmen lässt, die Chips im Kinderkarussell zu verkaufen, verweilt im Haus. Ihr Lachen ist herzlich, und nicht selten bekommen die Kinder mehr Chips als sie eigentlich gekauft haben. Sie hat dieses Jahr am meisten gelitten. Die 81-Jährige kennt ein Leben ohne Kirmes nicht. Als die Cranger-Kirmes in Herne abgesagt wurde, war das ein Schock für die Schmidts. „Die Cranger-Kirmes fand nur ein einziges Mal nicht statt – 1945.“ Das sagt schon was aus, meint Frank Schmidt. Aber im Großen und Ganzen geht es allen gut. Der guten Seele und Mutter Claudia und auch beiden Töchtern Lorena und Jaqueline.

Die Zeit haben die Schmidts genutzt, wie viele andere auch, um ihren Garten auf Vordermann zu bringen. Die große Tochter, Jaqueline, hat in dieser Woche ihre Lkw-Führerschein-Prüfung. Dann kann auch sie am Lenkrad sitzen, wenn es vielleicht in der kommenden Saison wieder auf eine Kirmes geht. Aber „ob es 2021 Kirmessen geben wird, kann keiner sagen“, sagt Frank Schmidt. Seine Zeit investiert er solange in die Mandel-Produktion. Acht Kilogramm verkauft er an guten Tagen an einem Stand. So wird es die Traditionsfamilie schaffen, durch die Krise zu kommen – und die Kunden vergessen nicht den Geschmack der Kirmes.

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