Michael Brosch im Gespräch zum Jahreswechsel

„Die Stimmung ist Hoffnung“: Halvers Bürgermeister blickt auf das Jahr 2020 zurück

Blick über Halver
+
Blick über Halver.

Das Jahr 2020 wird jedem in Erinnerung bleiben. Und bis auf Ausnahmefälle in keiner guten. Die Corona-Krise berührt seit dem Frühjahr jeden Lebensbereich.

Social Distancing, Inzidenzwerte, AHA-Regeln – Begriffe wie diese waren 2019 kaum jemandem geläufig. Kultur, Wirtschaft, Sport, Veranstaltungen – 2020 war alles anders. Wo steht die Stadt? Bürgermeister Michael Brosch sprach darüber mit Florian Hesse.

Herr Brosch, mit welcher Stimmung gehen Sie ins Jahr 2021?
Die Stimmung, die überwiegt, ist Hoffnung. Dass es ein Jahr wird, in dem sich Dinge wieder positiv entwickeln. Wir blicken mit Spannung auf den Impfstoff und hoffen auf einen ausreichenden Durchimpfungsgrad und damit Herdenimmunität. Viele haben Sorgen vor der Impfung, und das nehme ich sehr ernst. Aber für mich ist die Entscheidung eindeutig.
Werden Sie sich impfen lassen?
Ich werde mich impfen lassen, weil ich davon überzeugt bin und die Entscheidung über die Zulassung des Impfstoffs auch niemand auf die leichte Schulter genommen hat. Nur da liegen die Lösung des Problems und die Hoffnung, dass wir uns danach wieder in den Arm nehmen können, wenn uns danach ist.
Das heißt, die Grundstimmung ist eher optimistisch?
Ja. Optimistisch und hoffnungsvoll. Wenn das mit der Impfung klappt, sollten wir im kommenden Jahr zu einer gewissen Normalität zurückkehren können. Das wird nicht im Januar sein. Das hat klar logistische Gründe. Aber es wird kommen.
Und was nimmt man aus diesem historischen Jahr mit?
Was mich nachhaltig beeindruckt und begeistert hat, das ist, wozu eine Gesellschaft in der Lage ist, wenn sie zusammenrückt, wenn sie so ein Thema hat, das von außen drückt – die Hilfsbereitschaft, Solidarität und Spendenbereitschaft, das Festhalten an einem Ziel trotz widrigster Bedingungen.
Gibt’s ein Beispiel?
Ich nenne mal die Feuerwehr. Die hat sich in Schichten aufgeteilt. Das was Feuerwehr aber auch ausmacht, die Kameradschaft, ist da mit als Erstes weggebrochen. Trotzdem höre ich immer wieder: ,Wir bleiben dabei. Das wird auch wieder besser werden.’ Und das trotz der Gefährdungslage. Was die Öffentlichkeit sieht, sind eher die Wohnungsbrände. Oft sind es aber andere Hilfeleistungen, bei denen jetzt ein Infektionsrisiko ausgeschlossen werden muss.
Und darüber hinaus?
Die Summe dessen, was beispielsweise im Bürgerzentrum koordiniert wurde. Von Einkaufsdiensten über Besuchsdienste, Maskenspenden oder von Desinfektionsmitteln, als das alles im April noch knapp war. Bei vielen hängen geblieben ist der Kampf ums Klopapier. Aber das ist ja nicht alles. Das habe ich anders, deutlich positiver erlebt. Auch was die Zusammenarbeit im Pflegebereich angeht, wo man Material untereinander geteilt hat oder auch Restaurants, die Kunden zum Mitbewerber geschickt haben, wenn sie selbst ausgebucht waren. Es ist ganz viel passiert, im privaten Bereich und auch auf Vereinsebene...
...inwiefern?
Gucken Sie doch mal auf den Bürgerbusverein. Die Fahrer und auch die Fahrgäste zählen altersbedingt zur Risikogruppe. Das ist doch nicht niedlich, sollte es da jemanden treffen. Aber sie haben so gut wie möglich weitergemacht, weil sie gebraucht werden. Das war schon gut.
Was war denn nicht gut?
Das war das mit dem Klopapier. Das sich Leute darum streiten, dass Märkte Notreserven bilden mussten, damit auch die 75-Jährigen mit einer Packung rausgehen konnten – das stimmt schon nachdenklich. Da ist sogar in die Humboldtschule eingebrochen und ein ganzes Lager Toilettenpapier leer geräumt worden. Das war nicht witzig. Da schlägt man die Hände überm Kopf zusammen.
Kann man da als Stadt überhaupt gegensteuern?
Schwierig. Ich fand es überhaupt nicht gut, dass wir in Einzelfällen hart diskutieren und auch Strafen verhängen mussten, wenn es um die Umsetzung von Regeln ging. Wir sind da auch noch nicht am Ende. Aber ich bin, wie gesagt, guter Hoffnung, dass wir da gut rauskommen können. Und ich bin in diesem Zusammenhang auch stolz auf die Kolleginnen und Kollegen im Rathaus. Wir haben nicht betteln müssen, als es um den Außendienst und um Verstärkung ging. Alle haben auf der Straße den richtigen Ton gefunden, und das, obwohl der Informationsfluss seitens des Landes am Anfang eine Katastrophe war.
Was heißt „Katastrophe“?
Das lief über den Dienstweg. Die vom Land angekündigten Verordnungen gelangten bei den Kommunen nicht oder spät an. Inzwischen kriegen wir die Infos deutlich früher.
Wie stehen Sie persönlich zum jetzt geltenden harten Lockdown?
Ich stehe persönlich hinter einem großen Teil der Regelungen und hinter der Grundsatzidee der Reduzierung von vermeidbaren Kontakten. Aber wir müssen auch aus den Erfahrungen lernen. Das Besuchsverbot im Frühjahr in Seniorenheimen war anfangs sehr, sehr schlimm. Das ist jetzt besser.
Und beim Blick auf Handel und Wirtschaft?
Ob es richtig ist, Restaurants komplett zu schließen, bezweifle ich. Ich habe nicht den Eindruck, dass es da hergekommen ist. Oder aus dem Kö-Shop. Das Problem ist ja: Die Menschen drängeln sich dann bei den Vollsortimentern oder bestellen im Internet. Das ist schlecht für die Innenstadt.
Elend ging es aber auch dem Kulturleben?
Ja, das stimmt. Aber ich bin beeindruckt, wie Inge Zensen als Kulturbeauftragte und Jana Eilhardt in der Villa da noch gerettet haben, was zu retten war – und auch, wie kreativ sie dann mit den Möglichkeiten nach den ersten Lockerungen umgegangen sind. Die haben einen großartigen Job gemacht. Ich kann nur hoffen, dass keine dauerhaften Beschädigungen bleiben.
Aber es gab ja nicht nur Corona. Was gab’s noch?
Ganz klar: die Wahlen!
...und einen Wahlkampf. Sind die Wunden verheilt?
Es besteht die absolute Absicht, Offenheit und Bereitschaft, dass Verwaltung und Politik die Stadt gemeinsam voranbringen. Für mich ist beim Bürgermeisteramt deutlich geworden, dass wir einen eindeutigen Wählerwillen haben. Mit dieser Deutlichkeit hatte ich nicht gerechnet. Das ist wichtig für die weitere Arbeit, dass es diesen Auftrag gibt. Ich habe hier eine herausgehobene Funktion und werde dafür ordentlich bezahlt. Und das gilt auch für meinen Stellvertreter. Die Menschen haben die Erwartung, dass wir uns nicht mit uns selbst beschäftigen, und das werden wir auch nicht.
Was heißt das für die kommenden Jahre – auch mit Blick auf den Haushalt der Stadt mit riesigen Investitionen?
Volkswirtschaftlich ist aus meiner Sicht klar, dass sich die Stadt antizyklisch verhalten soll. Das tun wir. Es wird zu neuen Schulden führen, aber hier geht’s nicht um Schulden im konsumtiven Bereich, sondern wir investieren in Werte und damit in die Zukunft dieser Stadt. Zwei Drittel aller öffentlichen Investitionen kommen aus dem kommunalen Bereich, wir haben daher bei der Bewältigung der Corona-Folgen eine besondere Verantwortung.
An welchen Punkten?
Alle Ausgaben an den Schulen zum Beispiel. Die Digitalisierung dort – auch im Zusammenhang mit der Pandemie – bedeutet Zukunftsfähigkeit von Bildung. Ebenso der OGS-Betrieb und Kita-Plätze. Es fließen gerade 3,5 Millionen Euro in den Neubau der Awo. Auch das ist kein Luxus und rechnet sich sogar über die Miete. Oder denken Sie an die Busbahnhöfe. Wir sind die einzige Stadt im Kreis ohne digitale Fahrgastinformation. Und über den Straßenzustand brauchen wir ja auch nicht lange zu philosophieren. Da ist jedes Projekt notwendig.
Wie lange hält man das durch?
Es wird auch andere Jahre geben. Wenn es wieder brummt, wird sich das ändern. Wenn die anderen Marktteilnehmer wieder so weit sind, werden wir uns wieder zurücknehmen müssen.
Gibt es weitere Handlungsfelder, wo städtisches Engagement gefragt ist?
Ja klar. Sozialer Wohnungsbau ist so ein Thema. Die Fragen sind ja jetzt gestellt worden, und auch zu Recht. Wenn das mit Dritten nicht klappt, müssen wir das selbst in die Hand nehmen. Das kann man machen und damit sogar Geld verdienen. Wenn wir keinen Investor finden, müssen wir das selber machen. Den Bedarf kriege ich jeden Tag auf der Straße mitgeteilt. Mit fast zehn Euro Kaltmiete pro Quadratmeter sind viele überfordert. Das kann man, wie die Grünen es fordern, mit einem Gutachten unterlegen, aber das Ergebnis ist für mich klar. Ich habe überhaupt keine Sorgen, dass es keinen Bedarf gibt. Wir haben das letzte Vierteljahrhundert keine sozialen Wohnungsbauprojekte in Halver gehabt. Es sind viele Wohnungen aus der Bedarfsbindung herausgefallen. Es war übrigens SPD-Kernthema. Der Vorstoß der Grünen ist insofern nicht ganz neu. Aber ich freue mich sehr drüber.
Wer soll es denn in der Praxis richten?
Da geht mein Blick in Richtung der WHS. Das sind die Profis in diesem Bereich. Ich verstehe ein bisschen die Bedenken der Geschäftsführung wegen der zusätzlichen Bürokratie. Aber ich würde mich riesig freuen, wenn wir das in einer vertretbaren Größenordnung gemeinsam angehen könnten. Die WHS hat die Strukturen und alles, was gebraucht wird. Es ist für mich der Hauptgrund, weshalb wir gemeinsam mit Schalksmühle maßgeblich an dem Unternehmen beteiligt sind.
Wo steht Halver bei der medizinischen Versorgung?
Besser als vor einem Jahr noch. Allein die Tatsache, dass wir uns mit dem Thema eines Medizinischen Versorgungszentrum beschäftigen, hat für Bewegung gesorgt. Ich weiß von zwei Medizinern, die sich mit Struktur und Konzeption einem Genossenschaftsmodell anschließen werden. Im hausärztlichen Bereich mache ich mir weniger Sorgen. Das Problem in Halver bleibt, dass Fachärzte sich eher in Lüdenscheid konzentrieren und wir dadurch in Halver trotzdem als versorgt gelten.
Ein anderes Thema gerät zunehmend ins Blickfeld: Wie steht’s ums Klima?
Wir werden in Halver den Klimawandel nicht allein stoppen können. Aber es gibt genau einen wichtigen Punkt, und das ist die Windkraft. Im neuen Klimaschutzkonzept stehen verschiedene Handlungsfelder. Die Quintessenz ist denkbar einfach. Wir müssen an das Thema Windkraft dran, und zwar so schnell wie möglich. Das ist die Kurzfassung von 270 Seiten. Und wenn ich das ernst meine, dann mache ich doch zwei Dinge: Ich privilegiere, auch wenn das ein Reizthema ist, und ich gebe meinen Widerstand gegen das Urteil zur Vorrangzone Engstfeld sofort auf. Wer diese Schritte nicht tut, bringt sich schnell in den Verdacht, dass er weiterhin eine Verhinderungspolitik betreibt.
Wer muss diese Schritte tun?
Das entscheidet der Rat. Ich habe das 2015 selbst anders eingeschätzt, aber ich bin da lernfähig. Die Artenschutzprobleme und die sich ständig ändernde Rechtslage machen die Ausweisung von Vorrangzonen so schwierig, dass es oft einer Verhinderung oder deutlichen Verzögerung von Windkraft gleichkommt. Wir kennen die Abstandsregelungen nicht, die das Land vorgibt. Dann machen wir Satzungen möglicherweise aufgrund einer veralteten Rechtslage und sind dann wieder so weit wie vor einem Jahr – oder auch vor fünf Jahren. Deshalb: Privilegieren! Und eine Bürgerbeteiligung erfolgt dann auch, und zwar projektbezogen. Das wirtschaftliche Risiko liegt bei der Privilegierung komplett bei den Investoren. Es ist kein Halveraner Geld, das da für Gutachten ausgegeben wird. Auf diese Diskussion bin ich sehr gespannt. Das ist für mich die Nagelprobe, wie ernst wir es in Halver mit dem Klimaschutz meinen.
Zum Schluss wie immer: der Wunsch zum neuen Jahr?
Da sind wir wieder ganz am Anfang. Ich wünsche mir, dass wir die direkten gesundheitlichen Folgen der Pandemie recht bald in den Griff bekommen. Die wirtschaftlichen und auch die psychischen Folgen von Corona werden uns noch lange begleiten. Aber auch da bin ich guten Mutes.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare