Halveraner wegen Untreue-Vorwurf vor Gericht

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Das Verfahren musste aus formaljuristischen Gründen eingestellt werden.

Halver - Der Vorwurf wog schwer: Wegen Untreue musste sich ein 69-Jähriger aus Halver am Freitag, 10. April, vor dem Amtsgericht Lüdenscheid verantworten. Der Mann sollte zwischen August und Dezember die Verfügungsvollmacht für eine von ihm betreute Dame missbraucht und Gelder von deren Konto für eigene Zwecke verwendet haben.

Doch dann kam alles ganz anders: Schon aus formaljuristischen Gründen musste Richterin Kristina Thies das Verfahren einstellen.

Es begann damit, dass die Frau nicht in ein Pflegeheim wollte, obwohl Angehörige die Zeit dafür gekommen sahen. Sie wandte sich deshalb an den Angeklagten, einen langjährigen Bekannten: „Ihr Sohn wollte sie ins Heim tun. Da hat sie mich gebeten, sie aufzunehmen“, erinnerte sich der 69-Jährige. Gemeinsam mit dem Angeklagten und seiner geschiedenen Ehefrau lebte sie in einer offenbar ganz gut funktionierenden Wohngemeinschaft.

„Ich musste ihr alles kaufen. Ihr Sohn hat sie nicht mehr reingelassen“, beschrieb der Angeklagte die Situation. „Ich habe sie gewaschen, angezogen und Kaffee gemacht.“ Drei Jahre lang habe er die Frau versorgt. Weil sie zunehmend an Demenz litt, übernahm er schließlich eine Vollmacht für ihr Konto. Als nach ihm ein Anwalt ihre Rechtsgeschäfte übernahm, witterte dieser unberechtigte Abbuchungen von ihrem Konto und stellte Strafanzeige. Als Indiz musste ein teurer Fernseher herhalten, den der Angeklagte sich gegönnt hatte.

„Ich habe die Raten von meinem Geld bezahlt“, versicherte er. Insgesamt hatte er gut 4000 Euro von dem Konto abgehoben. Die Umstände sprachen allerdings dafür, dass auch viel Geld zum Besten der alten Dame verwendet worden war. Eindeutig rechtswidrig war nur eine einzige Abbuchung, die der Angeklagte noch getätigt hatte, nachdem der Anwalt die Rechtsgeschäfte seines Gastes schon übernommen hatte. Aber auch in dieser Zeit war die alte Dame noch Gast im Haushalt des 69-Jährigen gewesen. „Das braucht ja vielleicht auch eine Vergütung“, räumte selbst der Anwalt als Zeuge ein.

Richterin Kristina Thies setzte dem Verfahren mit einer Rechtsauskunft ein Ende. Innerhalb einer gemeinsamen Haushaltsführung könne nur einer der Beteiligten einen anderen wegen Untreue anzeigen. Es handelt sich dabei um ein sogenanntes „Antragsdelikt“. Dieser Antrag muss jedoch innerhalb von drei Monaten gestellt werden. Das konnte die Frau nicht – selbst wenn sie es gewollt hätte. Und der entsprechende Strafantrag ihres Betreuungs-Anwalts kam zu spät. So wurde das Strafverfahren ohne Rechtsgrundlage eingestellt.

Von Thomas Krumm

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