Halveraner Unternehmer skeptisch: Technologieförderung nach Lotterie-Prinzip

Digitalisierung auf Sparflamme

Sebastian Kämper am Arbeitsplatz bei MLK Logistik. In der Branche herrscht Zeit- und Konkurrenzdruck.
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Sebastian Kämper am Arbeitsplatz bei MLK Logistik. In der Branche herrscht Zeit- und Konkurrenzdruck.

Zwei junge Unternehmer aus mittelständischen Unternehmen – ein Problem: Der Anschub vom Bund zur Digitalisierung in kleinen und mittelständischen Betrieben kommt an der Basis offenbar nicht an.

Halver - Auf Anfrage des Allgemeinen Anzeigers sprachen Sebastian Kämper, Geschäftsführer des Logistik-Unternehmens MLK am Langenscheid, und Björn Katthage aus der Geschäftsführung von R&R Formenbau über ihre Erfahrungen und Einschätzungen zum Bundesprogramm „Digital Jetzt“. Ihr Fazit vorweggenommen: Die Stoßrichtung sei richtig, der Ansatz somit gut. Doch in der Praxis verpuffe das Projekt und wirke im schlimmsten Fall sogar kontraproduktiv.

Beispiel 1

Der Spediteur Sebastian Kämper hat 30 Lkw auf der Straße und beschäftigt insgesamt 50 Mitarbeiter am Standort Halver. In kaum einer anderen Branche gibt es einen derart hohen Koordinierungsbedarf. Wo sind die Fahrzeuge jetzt, wann habe ich welche Kapazitäten frei? Im Logistik-Bereich geht es um Auslastung, Timing, Arbeitszeiten und Verwaltungsaufwand. Um sich zwischen großen Mitbewerbern auf einem harten Markt behaupten zu können, wird auch MLK den digitalen Umbau einleiten. Es geht um eine zentrale Software, die von der Telematik über die Buchhaltung bis zur Rechnungsstellung alle Parameter vernetzt und berücksichtigt. Auch ökologisch springe etwas dabei heraus, sagt Kämper. Weniger Leerkilometer bedeuten weniger Diesel. Aber die Digitalisierung kostet. Rund 100 000 Euro.

Beispiel 2

Andere Branche, ähnliches Problem: Für R&R Formenbau geht es um Zukunftsfähigkeit durch Digitalisierung in mehrfacher Hinsicht. Soft- und hardwareseitig sollen alle Bereiche des Betriebes des Werkzeug- und Formenbaus so miteinander vernetzt und automatisiert werden, dass alle Abläufe aufeinander abgestimmt sind. Beginnend vom Auftragseingang über die Steuerung von Materialfluss und Werkzeugeinsatz, Laufzeiten, Qualitätskontrolle und bis zur Dokumentation für die Kunden fließen die Informationen und Daten ein in die zentrale Steuerung, die fehlerfreieres Arbeiten bei höherer Auslastung und absoluter Prozesssicherheit verspricht. In ähnlicher Größenordnung wie bei MLK dürfte auch Katthages Investitionsbedarf liegen.

50 Prozent Zuschuss in Aussicht

Glaubt man der Aussage des Bundeswirtschaftsministers Peter Altmeier zum Finanzierungsprogramm „Digital jetzt“, könnten sich Kämper und Katthage bei ihren Digitalinvestitionen auf Bundesunterstützung freuen. Auf der Webseite zum Programm heißt es: „Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie unterstützt sie [KMU) mit dem neuen Förderprogramm „Digital Jetzt“ bei der Digitalisierung der Geschäftsprozesse und der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle“. Bis zu 50 Prozent der veranschlagten Investitionen würden demnach vom Programm übernommen. Voraussetzung: Das Unternehmen plant mindestens 34 000 Euro in die Digitalisierung zu investieren, was gerade für Einzelhändler und kleinere Unternehmen eine immense Summe ist. Zudem darf bis zum Bewilligungsbescheid nicht mit der Digitalisierung gestartet werden. Bezuschusst wird nur, wer beim monatlich stattfindenden Losverfahren gezogen wird. Und genau dort liegt laut Kämper und Katthage die mangelhafte Ausführung des Programms.

Monatliche „Ziehung“ am 15.

„Nach dem zwar zu erwartenden aber von der Regierung offenbar nicht kalkulierten großen Andrang auf das Programm, wurde die Vergabe im vergangenen Jahr vom Windhundverfahren – wer zuerst kommt, mahlt zuerst – zu einem nunmehr Lotterieverfahren umgeändert“, erläutern die beiden Halveraner. Jeden Monat am jeweils 15. werde nun ein „Scheibchen“ des Gesamtvolumens an Unternehmen ausgeschüttet, für jede Vergabe startet ein neues Anmeldeverfahren.

Warteschleife bis 2023

„Das bedeutet konkret, dass ich als Unternehmer nicht weiß, ob und wann ich eine Förderung bekomme, ohne positiven Bescheid kann ich aber auch nicht anfangen, weil gestartete Projekte nicht mehr förderungswürdig sind“, so Kämper. Wenn man also für seine angestrebte Digitalisierung Fördermittel in Anspruch nehmen wolle, müsse man aufschieben, eventuell bis 2023 warten, und im schlechtesten Fall könne es dann sogar sein, dass man leer ausgeht.

Auch der Werkzeug- und Formenbau wird zunehmend vernetzt und digitalisiert.

Bei fünf bis sieben Millionen Euro pro Monat und rund 12 000 Anträgen, die dem Ministerium vorliegen und davon 100, die tatsächlich berücksichtigt werden, betrage die Trefferwahrscheinlichkeit 0,8 Prozent, haben sie überschlägig gerechnet.

„Die Zukunftsfähigkeit wird jetzt gestaltet und nicht morgen. Warum dann also das Programm künstlich verlangsamen und die Wirtschaft in ihrer Planung auf eine falsche Fährte locken? Das Förderprogramm ist definiert und die Nachfrage ja da“, sagt Katthage.

Finanziell zu knapp unterfüttert

Das ist der Kern ihrer Kritik, dass nämlich die erhoffte Digitalisierung auf diesem Weg unternehmerseitig überhaupt nicht planbar ist. Und der zweite Kritikpunkt lautet, dass das stark beworbene Programm offenbar finanziell viel zu knapp unterfüttert wurde, wie die Nachfrage zeige. Eine Lösung könnte sein, die monatlichen Auszahlungen höher zu budgetieren, dann kämen auch deutlich mehr Unternehmen schneller zum Zug.

Die Verlässlichkeit seitens der Politik für den wichtigen Wirtschaftsmotor Mittelstand sei zumindest derzeit nicht gegeben. Das Programm werde, anstatt zu unterstützen, viele Digitalisierungsentscheidungen seitens der Unternehmer eher blockieren, wenn nicht sogar aufheben.

„Die Mühlen der Politik mahlen für die reale Wirtschaft zu langsam.“

Sebastian Kämper

„Uns geht es nicht darum, Mittel zu fordern, sondern darum, dass die Politik einmal mehr für sich beansprucht, mit wirtschaftspolitischen Instrumenten zu steuern, dies aber nicht tut. Dabei könne, sagen sie beide im AA-Gespräch weiter, der Mittelstand als Motor der Industrie in Deutschland eine riesige Hebelwirkung entwickeln. Handwerker und IT-Dienstleister aus der jeweiligen Region würden direkt von den Aufträgen profitieren, zur Hälfte bezahlt von Staat und Unternehmern. Doch das, so ihre Befürchtung, passiere eben zurzeit nicht. Kämper und Katthage machen sich nun auch ohne Bundesunterstützung auf den Weg: „Wir können nicht warten, bis wir eventuell dran sind. Die Mühlen der Politik mahlen für die reale Wirtschaft zu langsam.“

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