Sieht spielerisch leicht aus, ist es aber nicht

Der Kampf gegen die Vorurteile: Poledance unter die Lupe genommen

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Die Schwerkraft hat mal kurz Pause: Ilka Werkshagen und Nadine Wolter beim „Tigh Hold“.

Oberbrügge/Schalksmühle – Die Reaktion im Kollegenkreis war spontan, nicht von vorbehaltloser Begeisterung geprägt und traf direkt den Kern des Problems. Der Ankündigung, ein längeres Stück über „Poledance“ respektive „Polesport“ machen zu wollen, mich also näher mit Bewegungsformen an den meist chromglänzenden Stangen zu beschäftigen, rief unter anderem ein gepflegtes „...und dann machst du Striptease?“ hervor.

Ilka Werkshagen und Nadine Wolter können von derlei Vorurteilen ein Lied singen. Werkshagen bietet in Zusammenarbeit mit dem TuS Oberbrügge in ihrem kleinen Studio am Flaßkamp in Schalksmühle seit einigen Wochen ebenso Polesport-Kurse an wie die erfahrene Wolter in Lüdenscheid. Die 37-Jährige führt in der Bergstadt (Noltestraße) ein größeres Studio, hier ist Einzel- und Gruppenunterricht möglich. Wenn die beiden sympathischen Sportlerinnen über „ihren“ Sport sprechen, klingt Leidenschaft durch. Und mitunter auch eine Spur von Ärger, dass die Sportart noch immer mit einem anrüchigen Image zu kämpfen hat. Obgleich Poledance seinen Ursprung in der Antike hat,3, wird er in der breiten öffentlichen Wahrnehmung meist mit Nachtclubs, oftmals gar mit Animation zu sexuellen Handlungen gleichgesetzt. Das ist falsch. Grundfalsch. Richtig hingegen: Beim Polesport ist Haut zu sehen, vornehmlich an den Armen und Beinen. Allerdings nicht, um Nacktheit zu präsentieren, sondern aus praktischen Erwägungen. Haut haftet an Chrom – und um diesen Grip geht es, wenn einzelne Figuren und später auch Kombinationen oder ganze Choreografien an der Stange präsentiert werden. „Niemand zieht sich bei unserem Training aus“, sagen Ilka Werkshagen und Nadine Wolter unisono, „das ist ausgeschlossen.“ 

Wenn man es kann, sieht es spielerisch aus

Training ist das Stichwort, denn darum geht es. Um Steigerung der Griffkraft, um Ganzkörperkräftigung, um turnerische und akrobatische Elemente, um Ästhetik. Und das alles ohne zusätzliche Gewichte oder Fitnessgeräte. Nur die bombenfest zwischen Decke und Boden verschraubte oder geklemmte Spezialstange und das eigene Körpergewicht sind mit von der Partie. Ein typisches Pole-Training dauert 60 Minuten. Am Anfang steht eine kurze Vorbesprechung, in der eventuelle Verletzungen oder Einschränkungen abgeklärt werden. Es folgt dynamisches Aufwärmen, Stretching – und dann geht es auch schon an die Stange. Basic-Figuren werden wiederholt, um Sicherheit zu bekommen. Wenn Nadine Wolter und Ilka Werkshagen einige dieser Figuren demonstrieren, scheint die Schwerkraft in Kurzarbeit zu sein. 

Spielerisch sieht es aus, was die beiden Trainerinnen vorführen und lässt doch erahnen, dass viel Arbeit dahinter steckt. Ilka Werkshagen, die über das Geburtstagsgeschenk einer Probetrainingsstunde zum Polesport gekommen ist, und Nadine Wolter nehmen Anfängern diese Schwellenangst. „Ich habe noch keine Probestunde erlebt, an deren Ende die Mädels nicht vier, fünf Figuren hinbekommen haben“, sagt Wolter, „viele denken, sie schaffen das nicht wegen ihres Gewichts. Das stimmt nicht. Es ist unheimlich motivierend zu sehen, was möglich ist.“ Ilka Werkshagen hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Nach dem ersten Training hat man den Todesmuskelkater seines Lebens. Aber die Lernkurve beim Pole ist unheimlich steil.“ Nach der ersten Probestunde hatte Werkshagen Blut geleckt. Später folgte vorbereitender Einzelunterricht bei Nadine Wolter mit Blick auf die Trainertätigkeit und schließlich der Schritt zum kleinen Studio im Keller des Wohnhauses in der Asenbach.

Kursteilnehmer allesamt weiblich

Die allesamt weiblichen Kursteilnehmer kommen aus Halver und Schalksmühle, aber auch aus Hagen. Die Zusammenarbeit mit dem TuS Oberbrügge sieht Werkshagen, die dort auch Oberturnwartin und Volleyballtrainerin war, als Vorteil: „Weil der TuS das Dach bildet, erlangt man Seriosität.“ Mit ihrer Ausbilderin Nadine Wolter arbeitet Ilka Werks-hagen eng zusammen. Als Konkurrentinnen sehen sie sich nicht. Auf Wunsch bereitet Wolter Pole-Sportlerinnen auch auf Wettkämpfe vor, der Erfahrungsschatz der ausgebildeten Sporttherapeutin ist entsprechend groß. Im Mittelpunkt steht für die Lüdenscheiderin aber ebenfalls nicht der Leistungssport. Spaß müssten ihre Mädels haben, sagt die 37-Jährige – und man nimmt es ihr ab, dass nicht der Drill an der Stange, sondern die sportliche Betätigung ihrer Schützlinge, die in den laufenden Kursen zwischen 18 und 53 Jahren alt sind, ohne Zwang im Vordergrund steht. Um sich ein Bild von der Vielfältigkeit des Polesports zu machen, braucht es bei einem ersten Probetraining nicht viel. Kurze Hose, Top, Sport-BH. „Und viel gute Laune“, lacht Nadine Wolter. Dass ein Anfänger von der Stange fällt, diese Bedenken zerstreut Ilka Werkshagen direkt. „Das ist auch so ein Mysterium über unseren Sport. Das kommt nicht vor. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass man etwas unelegant die Stange ‘runteröddelt’.“ Ein überschaubares Risiko. 

Gleiches gilt übrigens für die sogenannten „Pole Kisses“, die Stangen-Küsse. Obacht, wird es jetzt doch noch schlüpfrig auf den letzten Metern? – Keinesfalls. „Pole Kisses“ sind blaue Flecken, die auftreten können, wenn man sich versehentlich ein Stück Haut einklemmt. „Gib mir eine halbe Stunde Training mit dir“, sagt Ilka Werkshagen, „in dem du versuchst nachzumachen, was ich mache. Danach wirst du nie wieder an Sex denken, wenn du eine Pole-Stange siehst. Aber wenn ich diese Chance nicht bekomme, bleibt dieser Gedanke oftmals verfestigt.“ Was schade ist. Und sich ändern soll.

Kontakt und Infos  zum Thema Poledance

Ilka Werkshagen Tel. 01 75/ 6 67 90 88 oder via www.tus-oberbruegge.de, Nadine Wolter via www.wolter-polesport.de oder telefonisch unter 01 77/5 52 21 05

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