Im Rathaus in Halver arbeiten mehr Frauen als Männer

Gleichstellung im Rathaus ist gar nicht so leicht

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Im Rathaus der Stadt Halver arbeiten insgesamt mehr Frauen als Männer.

Halver - Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Halver ist Dagmar Hochheusel. Jedes Jahr verfasst sie einen Gleichstellungsplan. Im Mittelpunkt steht bei ihr immer die Gleichberechtigung. Doch ist das immer möglich?

Schon 1984 wurden Kommunen dazu aufgerufen, zur Wahrnehmung der Gleichberechtigung von Frau und Mann, eine Gleichstellungsbeauftragte zu bestellen. Seit 1994 ist es Pflicht für alle Gemeinden mit mehr als 10 000 Einwohnern. 

Auch Halver hat sie, die Frau, die dafür sorgen soll, dass Männer und Frauen nicht unterschiedlich behandelt werden: Dagmar Hochheusel. Die 61-Jährige ist im Rathaus im Fachbereich für zentrale Dienste und Finanzen verortet und zuständig für Forst sowie Pacht und Liegenschaften. Zur Gleichstellungsbeauftragten wurde sie gewählt. Viel Arbeit habe sie mit ihrer zusätzlichen Position nicht. Nur ab und zu kommen Kollegen auf sie zu. „Die erste Adresse ist meist der Personalrat.“ 

Gleichstellung von Mann und Frau

Aber bei allen personellen, sozialen und organisatorischen Maßnahmen der Stadtverwaltung muss sie beteiligt werden. Sofern sie eine Maßnahme für unvereinbar mit dem Landesgleichstellungsgesetz, anderen Vorschriften zur Gleichstellung von Frau und Mann oder mit dem Gleichstellungsplan hält, steht ihr ein Widerspruchs- und Klagerecht zu, heißt es in der Beschreibung. 

Bei Bewerbungsgesprächen ist sie dabei. Laut Gesetz sind Frauen solange vorrangig zu berücksichtigen, bis sie in den entsprechenden Bereichen und Besoldungs- und Entgeltgruppen gleichermaßen repräsentiert sind – und darauf hat sie ein Auge. Jedoch sagt sie: „Ich habe schon für Männer plädiert, weil sie einfach geeigneter waren.“ Nur nach Geschlecht zu selektieren, mache für sie wenig Sinn. „Ich möchte nicht die Quotenfrau sein.“ Aktuell gibt es nur Frauen als Auszubildende, was genauso unfair sei, wie Hochheusel findet. „Aber es fehlen männliche Bewerber.“ 

Keine ungerechte Verteilung

Insgesamt sehe sie keine ungerechte Verteilung im Rathaus, auch wenn es sie in einzelnen Bereichen und Abteilungen gibt. Im Bauhof arbeitet keine Frau, aber den Job wolle auch keine Frau machen. Und insgesamt arbeiten mehr Frauen im Rathaus als Männer – allerdings sind fast alle Frauen in Teilzeit beschäftigt: 42 von 57, das sind 73,7 Prozent. Bei den Männern sind nur fünf von 47 Männern, allerdings Altersteilzeit und geringfügig Beschäftigte. 

Aber wo fängt Gleichstellung an? Wenn es nach ihr geht: Zuhause. „Fenster putzen und Staubsaugen kann auch mein Mann.“ Aber für sie war als junge Frau vor allem klar: „Ich möchte auf eigenen Füßen stehen und auch alleine über die Runden kommen.“ Sie lernte Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte und hat mittlerweile 45 Berufsjahre hinter sich. Als sie 1979 im Rathaus anfing, gab es noch viel weniger Frauen. Und die, die es gab, waren Schreibkräfte und Sekretärinnen. 

Je tiefer die Entgeltgruppe, desto höher der Frauenanteil

Auch heute gibt es im Rathaus Unterschiede, die beim Blick auf die Beschäftigtenstruktur auffallen: Je tiefer die Entgeltgruppe (EG), umso höher der Frauenanteil: Im höheren Dienst arbeiten keine Frauen, im mittleren Dienst ist der Anteil mittlerweile auf 54,7 Prozent gestiegen. Ähnlich auffallend ist die Verteilung in den Gremien. Der Rat besteht aus zwölf Frauen und 22 Männern. 

Im Hauptausschuss sitzen vier Frauen und zehn Männer. Nur in den Ausschüssen für Bildung und Jugend, Kultur, Soziales und Sport sowie im Rechnungsprüfungsausschuss ist der Anteil der Geschlechter ausgeglichen. Im Ausschuss für öffentliche Einrichtungen befindet sich jedoch nur eine Frau, ebenso im Vergabeausschuss.

Für ein ausgeglichenes Verhältnis ist aber nicht die Stadt, sondern die Politik zuständig. Doch keine Frau wolle die Quotenfrau sein, sagt Hochheusel. Stattdessen will jeder eine Stelle oder Position, weil sie verdient ist. „Ich arbeite hier als Mensch“, sagt Hochheusel. „Nicht als Frau.“ Alle drei Jahre erstellt sie einen Gleichstellungsplan der Stadt Halver. Neben einer Bestandsaufnahme und Analyse der Beschäftigtenstruktur gibt sie Zielsetzungen vor, die auf Umsetzung überprüft werden. Der neueste Gleichstellungsplan trat am 1. Januar in Kraft. Genannt werden weiterhin die Bestrebungen nach einer paritätischen Besetzung in allen Funktions- und Einkommensbereiche. 

Dem Ziel sei die Stadt schon „näher gekommen“ – es gebe aber noch „Nachholbedarf“. „Unterschiedliche Lebenserfahrungen und Sichtweisen der Geschlechter müssen in alle Entscheidungsprozesse eingehen“, heißt es im Plan. „Dies gelte auch für die Gremien.“ Zudem wird dafür appelliert, „attraktive Rahmenbedingungen“ zu schaffen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen. Die Forderung danach sei heute keine spezifische Frauenforderung mehr, heißt es. Aber im Rathaus arbeitet kein Mann aus diesen Gründen in Teilzeit. „Ein einziger Mann ist in Elternzeit gegangen“ sagt Hochheusel. Noch sei das eher ungewöhnlich, aber sie rechne damit, dass auch immer mehr Männer diesen Anspruch nutzen werden. 

Der Gleichstellungsplan in diesem Jahr ist angenommen worden. Alle Männer im Hauptausschuss stimmten für den Plan, drei der vier Frauen enthielten sich. Warum? 

"Der Plan entspricht nicht der Realität"

Enthalten haben sich Sabine Wallmann, Martina Hesse und Regina Reininghaus. „Das ist Tradition“, sagt Martina Hesse, Fraktionsvorsitzende der CDU. „Wir drei enthalten uns immer bei dem Gleichstellungsplan.“ Das sei keine Kritik an dem Plan oder der Struktur im Rathaus, sondern ein stiller Protest gegen den „Papiertiger“. „Es sollte um Fähigkeiten gehen und nicht um Geschlechter“, sagt Hesse. „Der Plan entspricht nicht der Realität.“ Es fange schon damit an, dass an die Position der Gleichstellungsbeauftragten nur eine Frau darf und kein Mann – dabei gehe es doch um paritätische Verteilungen.

Zudem gelte die bevorzugte Einstellung von Frauen nur in Bereichen, in denen sie unterrepräsentiert sind. Dabei sollte es immer nach Eignung gehen und nie nach Geschlecht, findet Hesse. Diskriminierung von Frauen gebe es nach Ansicht von Hesse weder in der Verwaltung noch in der Kommunalpolitik. Gleichberechtigung solle woanders kontrolliert werden. Auch Regina Reininghaus, stellvertretende Bürgermeisterin, hat sich enthalten. „Wir gucken uns in der Sitzung an und müssen etwas lachen, weil wir alle dasselbe denken“, sagt die Sozialdemokratin. „Der Plan ist ordentlich“, sagt auch sie. „Aber der Papiertiger ist nicht die Gesellschaft.“ 

Enthaltung als Statement

Ihre Enthaltung sei ein Statement. Frauen sollten keine Quoten brauchen. „Ich wünsche mir, dass junge Frauen ihre Chancen wahrnehmen. Frauen können alles erreichen, wenn sie mutig sind.“ Ein Gleichstellungsplan sei zu einfach. In der Politik denken sie, dass alles gut läuft, weil die Zahlen stimmen – aber das sei noch lange keine Gleichberechtigung. Die fange woanders an. „Die Gesellschaft ist rückschrittlich“, meint Reininghaus. So lange Rosa nur für Mädchen und Blau nur für Jungen ist, ist eine Gleichstellung in weiter Ferne. „Wir haben noch immer Barrieren im Kopf.“ 

Vielleicht bedarf es genau deshalb einem Plan, der immer wieder daran erinnert, dass es noch keine wirkliche Gleichberechtigung und Gleichstellung gebe. Auch wenn es keine natürliche, sondern eher eine künstliche ist. „Sensibilisieren tut der Plan schon“, sagt auch Martina Hesse. Und am Ende ist es auch die Enthaltung der drei Politikerinnen, die daran erinnern, dass der Plan nur ein Stück Papier ist.

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