Wer gilt als eine „Persönlichkeit“ Halvers?

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Der frühere Straßenname lautete Hochstraße. ▪

HALVER ▪ Die Grünen wollen klar festlegen lassen, wer als „Persönlichkeit“ Halvers gilt.

In den Fokus geraten dabei auch bekannte Halveraner wie der Schriftsteller Heinz Steguweit, deren Lebensläufe in einer neu erstellten Broschüre „Halver – deine Persönlichkeiten, Helden & Mythen“ in einem anderen Licht erscheinen. So wird Steguweit als „glühender Anhänger der nationalsozialistischen Bewegung“ beschrieben. Die Hochstraße sei im Jahr 1938 nicht wegen der Leistungen des Arztes Hermann Köhler nach ihm benannt worden, „sondern vielmehr wegen seiner Unterstützung der NSDAP, der SA und des Stahlhelms“. Daher beantragt die Grünen-Fraktion eine Beratung über die Umbenennung dieser Straße. Andere Straßenschilder (wie Gerhard-Bergmann-Straße und Von-Vincke-Straße) könnten außerdem mit rein informativen Zusatzhinweisen versehen werden, so der Vorschlag einer historischen Einordnung. Bei der Aufbereitung der Geschichte von Halver mithelfen soll der Heimatforscher Werner Sinnwell. Eine Vorlage für die Aufstellung von objektiven Kriterien für die Ernennung zu einer „Persönlichkeit Halvers“, die es in der Ortssatzung zu verankern gelte, könne durch einen Arbeitskreis verfasst werden.

Anstoß nehmen die Grünen an der Auflistung von „Persönlichkeiten Halvers“ im offiziellen Internetauftritt der Stadt. Die Aufgeführten seien von keinem Gremium als solche ernannt worden. Und: „Von einigen wird die Biografie verschönt/verfälscht dargestellt. Andere – in unseren Augen – wichtige Menschen aus Halver tauchen auf der Internetseite nicht auf“, schreibt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Matthias Clever in seinem Antrag, der gestern gestellt wurde.

Mit dem Schriftsteller Heinz Steguweit, dem Arzt Hermann Köhler, dem Schauspieler Josef „Jupp“ Sieber und dem Oberpräsidenten Freiherr Ludwig von Vincke werden exemplarisch vier „Persönlichkeiten“ in der Broschüre aufgeführt, deren Vita weiter ausgeführt wird. Von der promovierten Historikerin Dr. Renate Feikes auf Faktentreue überprüft, wird zu der auf http://www.halver.de zu lesenden Biografie unter anderem ergänzt: „1933 gelobte Heinz Steguweit mit 87 anderen Schriftstellern seine Treue zu Hitler.“ Die beiden Preise Rheinischer Literaturpreis (1938) und Ehrenpreis des Verlags Velhagen & Klasing (1939) hätte er nur erhalten können, weil er ein treuer Anhänger der NSDAP gewesen sei. „Steguweit war außerdem Mitglied des berüchtigten ‚Bamberger Dichterkreises’, einer NS-Dichtertruppe.“ 1934 sei er sogar zum Landesleiter der Reichsschrifttumskammer aufgestiegen. „1945 zog Steguweit nach Halver. Die hier geschriebenen Bücher blieben weitestgehend unbekannt.“ Die Grünen beantragen daher die sofortige Löschung der im Internet aufgeführten Biografie und die Korrektur der anderen genannten Biografien.

Die vorgeschlagene Beratung über die Umbenennung der Hermann-Köhler-Straße begründen die Grünen mit der ihren Nachforschungen nach ebenfalls braunen Vergangenheit des Arztes:. „Köhler spielte im nationalsozialistischen Lager in Halver und dem Kreis eine besondere Rolle – er galt als ‚kluger Kopf der Bewegung’.“ Der stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende Matthias Clever, der sich seit Jahren mit der Zeit des Nationalsozialismus in Halver beschäftigt und bereits eine Ausstellung zu diesem Thema im Heimatmuseum präsentierte, hält daher eine Umbenennung der Straße für wichtig, wie er im Gespräch mit dem Allgemeinen Anzeiger konkretisiert. „Der Beschluss kann jetzt gefasst werden und die Umbenennung erst in fünf Jahren“, schlägt er vor.

Als „einzigen neutralen Experten“, der Halvers Geschichte genau kenne, sieht Clever den als Berater vorgeschlagenen Werner Sinnwell an. Es gebe keinen, der so viel über Heimatgeschichte geschrieben habe.

Auch mit Persönlichkeiten aus Halver, die mehr Beachtung finden müssten, beschäftigt sich die Broschüre. Exemplarisch genannt werden hier der Wahl-Halveraner Wolfram Dorn, immerhin „Weltmeister der Parlamentarier“ und Staatssekretär a. D., sowie der SPD-Reichstagsabgeordnete Ferdinand Bender und der „bedeutendste Anglist und neusprachliche Didaktiker der Weimarer Republik, Philipp Aronstein, der 1943 nach seiner Deportation nach Theresienstadt dort starb. Außerdem hervorgehoben wird die junge Halveranerin Janine „Jini“ Meyer, die mit ihrer Band „Luxuslärm“ schon als beste Newcomerband ausgezeichnet wurde.

Die von der Stadt Halver bereits mit einem Ehrenpreis ausgezeichneten Bürger sollen ebenfalls bekannter werden. So sollten sie auf der städtischen Internetseite benannt werden. „In diesem Zusammenhang könnte auch die Vergabepraxis und die Form der Übergabe überprüft und beraten werden“, so die Grünen. ▪ Marco Fraune

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