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Gasversorger im MK kündigt laufende Verträge - Angst vor Preis-Explosion

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Von: Sarah Lorencic

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Die Briefe kommen harmlos daher. Dann steht dort „Ihr Erdgasvertrag endet“. Was dann?

Halver – In den vergangenen Tagen und Wochen haben einige Halveraner Haushalte, die von Halvers Grundversoger Eon ihr Gas beziehen, ein Kündigungsschreiben im Briefkasten gehabt. „Leider müssen wir aufgrund der aktuellen Preisentwicklung das im Liefervertrag geregelte Kündigungsrecht in Anspruch nehmen“, heißt es darin.

UnternehmenE.on
HauptsitzEssen
Gründung16. Juni 2000, Düsseldorf

Den Grund für die Kündigung liefert Eon gleich zu Beginn des Schreibens: „Die Lage auf den Energiemärkten ist aktuell historisch einzigartig. Der Beschaffungspreis für Energie hat sich in den vergangenen Monaten vervielfacht.“ Zur Verfügung stehe der Anbieter seinen Kunden indes weiterhin und erstelle „gern ein neues Angebot“. Das könnte teuer werden.

Die Gasumlage soll ab dem 1. Oktober 2022 für eineinhalb Jahre gelten. Mögliche Preiserhöhungen müssen mit einem Vorlauf von mindestens sechs Wochen angekündigt werden. Stichtag für die geplante Gasumlage war demnach der 26. August. Die Gasanbieter müssen die Umlage nicht an ihre Kunden weitergeben, haben es zum Teil trotzdem getan. Eon hat Langzeittarife vorzeitig gekündigt und nimmt damit denen die Sicherheit, die sich auf die festen Preise verlassen haben.

Eon kündigt der Stadt Halver

Die Stadt Halver bezieht für ihre Liegenschaften Gas von Eon und erhielt ebenfalls dieses Schreiben. Kämmerer Simon Thienel und Bürgermeister Michael Brosch trauten ihren Augen kaum. Erst zu Beginn dieses Jahres – noch vor dem Ukraine-Krieg – hatte die Stadt einen neuen Vertrag mit einer Laufzeit von fünf Jahren mit Eon abgeschlossen. Mitte Juli war sich Michael Brosch noch sicher, dass die Stadt Halver zumindest wirtschaftlich abgesichert sei und die Preiserhöhungen die Stadt nicht treffen werde, wie er unserer Redaktion sagte. Umso mehr überraschte ihn die Kündigung. „Das nehmen wir natürlich nicht einfach nur zur Kenntnis“, sagt Brosch.

Simon Thienel hat sofort Kontakt zu Eon aufgenommen und die Kündigung angefochten. Mit Hinweis aufs Kleingedruckte, wie Brosch und Thienel sagen, habe sich die Stadt gegen die Kündigung gewehrt. Im Schreiben an Eon, das unserer Redaktion vorliegt, heißt es: „Mit großer Verwunderung habe ich die Kündigung unseres erst zu Beginn dieses Jahres geschlossenen Contracting-Vertrags zur Kenntnis genommen.“ Nach einem kurzen Hin und Her läuft der Vertrag der Stadt inzwischen unverändert weiter. Wie es seitens Eon hieß, wurde die Kündigung „aufgrund einer Vertragsschieflage erstellt und ist somit nicht korrekt“.

Genau in den Vertrag schauen

Wäre die Kündigung nicht zurückgenommen worden, „hätte das empfindliche Folgen gehabt“, sagt Brosch. Für die Stadt Halver wäre es um eine sehr hohe Summe Geld gegangen, die für das Beheizen der städtischen Liegenschaften wie Rathaus, Schulen und Obdachlosenunterkünfte hätte gezahlt werden müssen. Nun hoffen Thienel und Brosch, dass auch Halveraner Privatkunden nicht einfach akzeptieren, was in dem Brief ihres Gasversorgers steht und genau in ihren Vertrag schauen, bevor sie die Kündigung akzeptieren. Michael Brosch befürchtet allerdings, dass sich viele nicht trauen werden gegen solche Kündigungsschreiben vorzugehen.

Peter Bruschke hat bislang noch keine Post von Eon bekommen, doch er muss täglich damit rechnen, wie der Halveraner, der am Höveler Weg wohnt, sagt. Die Schreiben, die Eon derzeit seinen Kunden quer durch die Republik schickt, kommen recht harmlos daher, wie Beispiele aus anderen Kommunen zeigen. „Bitte jetzt neuen Tarif abschließen“, steht da, „Ihr Erdgasvertrag endet“. Doch harmlos ist daran nichts: Dahinter verbirgt sich die Kündigung des bestehenden, häufig langjährigen Erdgas-Vertrags.

Vielfaches an Kosten

Eon bietet in diesem Schreiben dann einen neuen Vertrag an, Tarif „Spezial“. Auch die Zahlen sind speziell: statt 160 Euro Abschlag wie bisher sollen die Kunden fortan 1088,95 Euro zahlen – pro Monat, also gut 13 000 im Jahr. Es ist ein Schock, den derzeit viele Haus- und Wohnungsbesitzer, die ihr Gas über Eon beziehen, erleben: Die abstrakte Gas-Debatte aus der großen Politik wird dann plötzlich sehr konkret.

Bei Peter Bruschke gehen für den Gas-Abschlag monatlich noch immer „nur“ rund 200 Euro für rund 300 Quadratmeter ab – bei einem Verbrauch von 39 000 Kilowattstunden im Jahr. Zwei Familien wohnen in dem Haus des Halveraners: er selbst mit seiner Frau sowie der Sohn des Ehepaars mit seiner Familie.

Heizung
Explodierende Energiepreise: Eon hat auch der Stadt Halver den Langzeit-Vertrag kündigen wollen. © Marcus Brandt/dpa/Symbolbild

Würde Familie Bruschke heute einen neuen Tarif bei Eon abschließen, sähe der Preis anders aus. 986,24 Euro gibt der Tarifrechner von Eon für Halver für eine 200-Quadratmeter-Wohnung an (436,39 Euro für 80 Quadratmeter). Gibt man den konkreten Jahresverbrauch von Familie Bruschke an, sind es 1 786,90 Euro monatlich. Angeziegt wird bei Eon derzeit nur der „E.on ÖkoErdgas“-Tarif. Allerdings, so versichert es Eon-Unternehmenssprecher, Stefan Moriße, seien die angegebenen Preise nur für Neukunden. Wer lange bei Eon Kunde ist, zahle weniger, versucht der Eon-Sprecher zu beruhigen. Wie viel? Das blieb unklar. Für mehr Auskunft war die Pressestelle am Freitag noch nicht bereit.

Peter Bruschke hat seine Unterlagen noch einmal gesichtet und festgestellt, dass sein Vertrag am 5. November endet. Bald müsste er demnach ein Schreiben mit den neuen Preisen erhalten – ein Preisaufschlag. Ob er dann den Anbieter wechselt oder bei Eon bleibt, ist unklar. Klar hingegen ist, dass jetzt im Hause Bruschke mehr Holz verheizt wird. Den Kachelofen nutzte die Familie bisher nur für die Gemütlichkeit. Jetzt, sagt der 70-Jährige, wird der Ofen wohl auch zum Heizen genutzt werden.

„Die Situation auf den Energiemärkten ist weiter angespannt“, schreibt Eon auf seiner Internetseite. Deshalb habe der Gesetzgeber kürzlich die sogenannte „Gas-Beschaffungsumlage“ eingeführt, mit der Gas-Importeure stabilisiert werden sollen. „Uns als Energievertrieb, der kein Gas importiert, werden diese Kosten in Rechnung gestellt – Einfluss darauf haben wir nicht.“ Man prüfe derzeit, ob und wie die Umlage an die betroffenen Kundinnen und Kunden weitergegeben werden könne. Eon empfiehlt vorsorglich die Gasabschläge zu erhöhen, um mögliche hohe Nachzahlungen im kommenden Jahr zu vermeiden.

WENN DER BRIEF VOM ENERGIEVERSORGER KOMMT

Preiserhöhung: Wegen der gestiegenen Beschaffungskosten wollen viele Versorger ihre Preise erhöhen. Dabei ist jedoch nicht alles erlaubt: Marion Gaksch erklärt: „Grundsätzlich muss der Versorger die Preiserhöhung außerhalb der Grundversorgung vier Wochen im Voraus ankündigen – und zwar über den vertraglich festgelegten Kommunikationsweg. Dazu kommt: „Viele Verträge haben eine Preisgarantie für einen bestimmten Zeitraum. In diesem dürfen die Preise nicht erhöht werden.“ Oft gebe es auch Konstruktionen mit einer bedingten Preisgarantie.

Kündigung: „Energieversorger dürfen Kunden vor Ende der Vertragslaufzeit nur kündigen, wenn diese sich grob vertragswidrig verhalten. Selbst wer die Abschläge nicht bezahlt, muss zuerst gemahnt werden.“

Wenn Kunden ihren Anbieter verlieren, gibt es mehrere Möglichkeiten:

Ersatzversorgung: „Wenn der Energieversorger kündigt, landet man automatisch in der Ersatzversorgung. In der Ersatzversorgung bleibt man maximal drei Monate, kann aber täglich kündigen.“ Unternimmt man drei Monate nichts, geht der Vertrag nahtlos in die Grundversorgung über“, erklärt Gaksch.

Grundversorgung: Die Grundversorgung ist das langfristige Pendant zur Ersatzversorgung. Die Grundversorger müssen jeden Kunden aufnehmen – außer es ist wirtschaftlich unzumutbar. „Deshalb haben einige Versorger Split-Tarife angeboten, also einen günstigen Tarif für Bestandskunden und einen teuren für Neukunden“, erklärt Gaksch. Die Bundesregierung hat kürzlich beschlossen, dass diese Praxis unzulässig ist und es nur einen Tarif geben darf. Will der Grundversorger die Preise erhöhen, muss er das sechs Wochen im Voraus öffentlich ankündigen und zusätzlich die Kunden per Post informieren.

Ob in der Grundversorgung oder nicht: Häufig gibt es derzeit Angebote für neue Verträge. Marion Gaksch rät zur Vorsicht: „Die Marktlage ist kaum kalkulierbar. Deshalb wollen die Anbieter vor allem Verträge mit langer Laufzeit und ohne Preisbindung anbieten – davon rate ich ab.“

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